Beißen nicht gleich in jeden schwarzen Apfel: „Hexen“-Darstellerinnen Sorina Kiefer (li.) und Bernadette Hug im Theater der Altstadt in Stuttgart Foto: Theater der Altstadt/Sabine Haymann

Zum ersten Mal streamt das Theater der Altstadt in Stuttgart eine Premiere: Und so funktioniert das Musical „Hexen“ für zwei Schauspielerinnen, wenn man es nur im Internet anschaut.

Stuttgart - Die Hexen sind mitten unter uns. Sie haben keine langen Nasen, reiten nicht auf Besen, rühren keine Giftbrühen an. Sie bekommen Kinder (oder auch nicht), sind genervt von Männern, Haushalt und Beruf. Sie verzweifeln am Leben, sie feiern den Sex, manchmal lästern sie – in jeder Bitch, in jeder blöden Hex’, in jeder sexy Hexe steckt also: eine Frau. Zumindest in „Hexen“ von Peter Lund von 1991, schmissig und schräg vertont von Danny Ashkenasy. Gerhard Weber inszeniert das Musical souverän zurückhaltend, am Freitag feierte es doppelte Premiere im Theater der Altstadt.

Erster Stream im Theater der Altstadt

Es ist der erste Stream des Theaters. Und er funktioniert gut mit unaufgeregter Kamera, die oft nur die Bühne abfilmt und gelegentlich an die Schauspielerinnen zoomt. Vor Gewitterkulisse wird zu Kling-Klong-Gruselmusik die Uhr auf 0:00 heruntergezählt, dann begrüßt die Intendantin Susanne Heydenreich das Publikum, allein sitzt sie auf einem der gemütlich roten Theatersessel und wünscht mit leichter Wehmut im Blick einen guten Abend.

Und es ist einer geworden, ein rasanter dazu mit den beeindruckenden Darstellerinnen Bernadette Hug und Sorina Kiefer (auch Choreografie). Synchron, elastisch, lustvoll tanzen, singen, spielen und befragen sie die schlaglichtartig strukturierten Frauenthemen und Klischees. Was umso schwieriger ist, als sie keine (männlichen) Gegenspieler haben, und anders als in großen Musicals mit Gruppentänzen und viel Action sorgen nur sie selbst für Bewegung. Das reduzierte Bühnenbild besteht aus einem durch einen Blitz geteilten Rund, die Spielerinnen kommen mit wenigen Requisiten klar (Ausstattung: Thomas Mogendorf), Sessel wie aus verkokeltem Plastik, Mikro mit Spinnennetzoptik. Auf wenig Platz schaffen sie es, das hohe Tempo 90 Minuten lang zu halten.

Beeindruckende Darstellerinnen

Egal, ob sie verzückt säuseln „einmal will ich unter einem Teufel liegen“ oder Kindermordfantasien trällern: „schmeeeiß dein Kind nicht an die Waaand, schick es lieeeber in den Wald“. Witziges ist dabei (eine Hommage an die Katze), Dramatisches, etwa in der Shakespeare-Sequenz mit Lady Macbeth oder in der Nacht vor einer eventuellen Abtreibung. Und doch, ja, romantisch dürfen Hexen auch sein und melancholisch singen: „Nimm mich mit in den nächsten Morgen“.

Viele Eigenschaften werden ihnen zugeschrieben. Was überhaupt, fragen sie, sind Hexen eigentlich nicht? Ihre Antwort: „Langweilig!“ Stimmt. Jede Menge – vorerst virtueller – Applaus.

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