Mit einem Druckluftmeißel bearbeiten die Kinder ihre Fundstücke. Foto: Rutschmann

Im Museum am Löwentor tauchen junge Fossilienfreunde in die spannende Welt der Paläontologie ein.

S-Nord - Schon von Weitem sind die Hammerschläge zu hören: tock, tock, tock. Dann eine kleine Pause, und wieder ertönen die Klopfgeräusche. Ein Dutzend junger Fossilienfreunde arbeitet auf dem Außengelände des Museums am Löwentor mit schwarzen Schieferplatten. Es ist eine Schatzsuche der besonderen Art. Man kann schon mal auf Katzengold stoßen in den Ritzen. Doch das ist leider wertlos. Und dennoch verbreitet sich eine Goldgräberstimmung, wenn die Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 14 Jahren in den Schieferplatten nach versteinerten Pflanzen und Tieren aus der Urzeit suchen.

Kyra ist über die Stuttgarter Kinderzeitung auf das Angebot im Sommerferienprogramm aufmerksam geworden. Die Zwölfjährige beschäftigt sich schon länger mit Fossilien und ist wie die anderen Teilnehmer mit Hammer, Meißel, einer Schutzbrille und Handschuhen ausgerüstet. Mit einer Mischung aus roher Gewalt und dann doch wieder vorsichtigem Hämmern bearbeitet sie den Stein und stößt auf einen Ammoniten mit einem Durchmesser von etwa sechs Zentimeter. Später wird sie ihr Fundstück noch mit Lack veredeln. „Jetzt habe ich was in meinem Zimmer, das 180 Millionen Jahre alt ist“, sagt Kyra.

Vor der Praxis gab es einen Schnellkurs in Theorie

Zwei Tage lang kann die kleine Gruppe in die spannende Welt der Paläontologie eintauchen, Fossilien freilegen und präparieren und zum Finale Zähne für einen Riesenhai modellieren, der bald in der neuen Tertiär-Ausstellung im Museum zu sehen sein wird. Vor dem praktischen Teil gab es auch einen theoretischen Crash-Kurs durchs Museum. Und wer mit dem Paläontologen und Geologen Sven Balmer von Vitrine zu Vitrine geht, fängt an zu verstehen, dass die Faszination des Fossiliensammelns gar nicht darin besteht, einen spektakulären Saurierfund zu machen, jedenfalls nicht ausschließlich.

Wenn Balmer erklärt, fangen die Steine zu leben an. Jeder einzelne Fund ist für ihn ein Puzzlestück in einem großen imaginären Panoramabild, auf dem eine urzeitliche Unterwasserlandschaft zu sehen wäre. Denn die Fundstücke stammen aus einer Zeit, in der die Schwäbische Alb von einem tropischen Meer bedeckt war. Dies alles lässt sich mit Funden wie Haut, Fossilien oder Magensteinen belegen. „Es geht darum, mit einer Sammlung einen Lebensraum möglichst komplett abzubilden“, sagt Balmer.

Die Schieferplatten, an denen die Teilnehmer werkeln, stammen aus einem Steinbruch in Dotternhausen im Zollernalbkreis und sind übersät mit Ammoniten. Als diese Tiere starben, sanken sie auf den Meeresgrund, wo sie der Schlamm luftdicht einschloss. Der eigentliche Körper verrottete und Knochen und Schalen versteinerten mit der Zeit. Durch die Kalkschichten wurden die Tiere und Pflanzen zusammengepresst und so zu den heutigen Fossilien.

Es folgt ein Besuch im Labor der Stuttgarter Mineralien- und Fossilienfreunde. Wenn man eintritt, fühlt man sich zunächst an einen Besuch beim Zahnarzt erinnert. Verursacht wird das Geräusch von einem Druckluftstichel, einer Art Presslufthammer in Zahnarztbohrerformat. Damit kann man Fossilien aus dem Stein herausmeißeln. Damit sie die Splitter nicht abbekommen, arbeiten die Kinder in einem Holzkasten mit Glasdeckel. Mit einem Minisandstrahler wird dann nachgebessert.

Finn ist gerade dabei, drei Austern freizulegen. Handwerkliches Geschick und ein bisschen Glück sind dabei gefragt. „Hier muss man das Feine herausarbeiten“, sagt Gerard Bouve von den Mineralien- und Fossilienfreunden. Dieses Präparieren kann fast so aufregend sein, wie das Finden eines Fossils. Danach werden die Austern mit Fluat, einem Mittel zur Härtung, bestrichen, damit das Pyrit nicht mit Sauerstoff reagiert und verwittert. Jetzt muss Finn nur noch einen geeigneten Platz für die Muscheln finden.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-nord-eine-reise-zu-den-steinzeitmenschen.a2a08e59-8cfc-46fd-b06a-69586c4c1d6a.html

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.s-nord-reise-150-millionen-jahre-zurueck.e596a7c4-874e-4007-9ef4-4e66692a0c89.html

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