Steht das Fleischermuseum vor einer neuen Zukunft? Foto: Eibner/Drofitsch

Die Stadträte möchten das Böblinger Fleischermuseum erweitern. Die vom Gemeinderat hierfür geforderte Machbarkeitsstudie hat der Museumsleiter zwar selbst erstellt, aber er hat einen Plan: In Zeiten von Schlachthofskandalen könne das Museum zur Keimzelle bundesweiter Aufklärungsarbeit werden.

Vor acht Jahren stand es noch auf der Kippe, nun steht dem Fleischermuseum eine große Zukunft bevor. Die Mitglieder des Verwaltungsausschusses empfahlen dem Gemeinderat eine Neukonzeption für das knapp 40 Jahre alte Museum. Damit verknüpft sein soll ein barrierefreier Umbau und eine Aufstockung des Personals.

 

Im Jahr 2014 läutete das Totenglöcklein vernehmlich über dem Museum am Marktplatz. Die SPD-Fraktion im Gemeinderat beantragte die Schließung. Die Argumente der Genossen waren damals wenig umstritten: Warum soll die Stadt Böblingen ein Museum finanzieren, das die Geschichte des Fleischerhandwerks zeigt? Öffentliches Geld ausgeben für eine Zunft, die mit Böblingen genauso viel oder wenig zu tun hat wie mit anderen Städten in dieser Republik?

Vor acht Jahren und dem Hintergrund einer angespannten Finanzlage waren diese schon immer über dem Museum schwebenden Bedenken konsensfähig. Dennoch wollte der Gemeinderat, bevor er das Licht im Museum ausdreht, diese Entscheidung einbetten in eine Neuordnung der städtischen Museumslandschaft. Die ist mittlerweile vorangekommen. Die Zeiten haben sich jedoch geändert: Sprudelnde Gewerbesteuermillionen eröffnen den politischen Machern der Stadt inzwischen Spielräume. Eine Machbarkeitsstudie sollte klären, ob und in welcher Form das Museum eine Zukunft hat.

Der Macher wird zum Verfasser der Machbarkeitsstudie

Mit dieser Expertise wurde einer beauftragt, der sich der Sache nicht von außen nähern sollte, sondern dem Museum seit einigen Jahren beruflich eng verbunden ist: Der Museumsleiter Christian Baudisch verfasste zusammen mit Andreas Wolfer, Veranstaltungsleiter im Böblinger Kulturamt, ein über 100 Seiten umfassendes Papier zur Zukunft des Fleischermuseums. Der Macher wurde so zum Verfasser der Machbarkeitsstudie.

Fleischkonsum und Umgang mit Nahrung sollen trendig verpackt werden

Nachdem Christian Baudisch am Dienstag in der Ratssitzung zu seinem Referat über die Zukunft des Fleischermuseums angesetzt hatte, wurde schnell deutlich, wohin die Reise geht. Der 20-Minuten-Vortrag geriet zu einer Werbeveranstaltung für sein Haus. Der Chef nutzte die Steilvorlage des Gemeinderates zu einem Plädoyer für eine Fortführung des Museums mit zeitgeistig und digital aufgepepptem Konzept. Die inhaltliche Richtung, die Baudisch bereits eingeschlagen hat, soll intensiviert werden: Das Thema Nahrung, und insbesondere Fleisch – trendig verpackt und für alle konsumierbar. Ziel ist ein bewusster und reflektierter Umgang der Besucher mit dem, was sie täglich ihrem Magen zuführen – ideologiefrei, wie Baudisch betonte: „Wenn jemand nach dem Museumsbesuch sagt ,nie wieder Fleisch‘, dann ist mir das genauso lieb, wie wenn jemand rausgeht und sagt: ,Ich hab Hunger, wo ist der nächste Metzger?‘“, verkündete er.

Anschauungsmaterial gibt’s um die Ecke

Und Baudisch fand gleich um die Ecke Argumente dafür, warum gerade Böblingen auch in Zukunft als Ort eines Fleischermuseums wirken soll – natürlich dann umfunktioniert zum „Lernort Deutsches Fleischermuseum 4.0“: Das Metzgersterben in der Stadt und der Skandal im Schlachthof Gärtringen seien Entwicklungen, die den „Kontext“ herstellten. Aber auch die Machenschaften von Großschlachtern der Marke Tönnies sind Baudisch ein Grund, Böblingen zur Keimzelle bundesweiter Aufklärungsarbeit in Sachen Fleischkonsum zu küren.

Ansonsten zeigte der Museumsmann bei der Präsentation der selbst gemachten Studie vor allem sein Talent, eloquent zu unterhalten. Da war die Rede vom „schrägsten Haus der Stadt“, und sein Blick ins Jahr 2034 zeigte auf, dass es im Museum im 50. Jahr des Bestehens „zugehen wird wie im Taubenschlag“, dass die Böblinger nur noch wenig Fleisch und wenn dann allerhöchstens bioproduzierte Ware essen werden, und: dass das Museum ein Anziehungspunkt für Leute aus ganz Deutschland sein wird. Was Pisa der schiefe Turm, München die guten Kicker und Lübeck das leckere Marzipan, werde Böblingen das Fleischermuseum sein, prophezeite Baudisch und setzte noch eine „brandneue Idee“ drauf: Die demnächst verwaiste Metzgerei Kogel könnte doch zu einer „Museumslehrküchenschau“ umgebaut werden. „Das Momentum“, versicherte der Museumschef, „ist da.“

Die Kosten gibt’s nur in der Studie

Der Ritt zwischen selbstironisch überhöhter Satire und ernst gemeinter Vision traf den Nerv der Bürgervertreter. Die Begeisterung für das Präsentierte war grenzenlos. Dass bei der letzten Ausstellungseröffnung offensichtlich nur vier von 150 Besuchern aus Böblingen waren und dass dies alles auch seinen Preis hat, diese Fakten schafften es nur zum Nebenaspekt. Baudisch sprach vom „untersten Mindeststandard“, auf den man die Personalausstattung bringen müsse, und von einer notwendigen Barrierefreiheit, damit das Haus ein Museum für alle werden könne.

Für die entsprechenden Zahlen interessierte sich niemand. Die liefert ein Blick in die Studie ab Seite 96: Barrierefreiheit gibt’s für rund 500 000 Euro. Das Zusatzpersonal würde die derzeitigen Gesamtbetriebskosten von 150 000 Euro um weitere 177 000 Euro pro Jahr erhöhen.

Die Böblinger Museumslandschaft um Umbruch

Drei Museen
 Böblingen verfügt mit der Städtischen Galerie, dem Bauernkriegsmuseum und dem Fleischermuseum über drei Museen, die alle in den 1980er Jahren gegründet worden sind.

Kritik
 Bereits in den 1990er Jahren wurde der Ruf nach einer Neuordnung laut. Kritikpunkte waren, dass sich Galerie und Bauernkriegsmuseum die Räumlichkeiten teilen müssen und das Fleischermuseum keinen lokalen Bezug hat.

Unendliche Geschichte
2009 wurde ein Kulturentwicklungsplan erstellt, 2017 gab es eine Bürgerbefragung zum Kulturangebot, gefolgt vom Beschluss einer Museumskonzeption, dem Auftrag eines externen Gutachtens zur Neukonzeption und einer Museumskonferenz. Weitere Machbarkeitsstudien sollen nun den Weg zu einer endgültigen Entscheidung weisen.