Böblingen hat keine schlüssige Idee für seine Museenlandschaft, kritisiert Redaktionsleiter Jan-Philipp Schlecht
Vielleicht wäre das Jahr 2028 der richtige Zeitpunkt, in Böblingen einen Neuanfang in Sachen Museen zu wagen. Dann ist die von den beiden Experten Thomas Knubben und Korkut Demirag ausgearbeitete Konzeption immerhin noch keine zehn Jahre alt. Und das Bauernkriegsmuseum hat nach seiner Gründung im Jahr 1988 das Schwabenalter erreicht. Da wäre ohnehin eine Geburtstagsfeier angemessen - und der Blick könnte nach vorne gehen.
Der Blick nach hinten offenbart nämlich, wie überfällig ein schlüssiges Konzept für die Böblinger Museen ist. Die Stadt und ihre Museumslandschaft: Das ist ja schon länger keine Liebesbeziehung mehr. In den Archiven finden sich nicht nur unzählige Berichte über dieses leidige Thema. Es wird auch deutlich, wie wenig man in dieser Frage allein in diesem Jahrzehnt konzeptuell vorwärts gekommen ist.
Denn Knubben und Demirag empfahlen schon 2019 - durchaus modern und zeitgemäß - die bestehende Situation radikal aufzubrechen. Im Sinne der kreativen Zerstörer forderten sie zum einen Auszug des Bauernkriegsmuseums aus der Zehntscheuer. Zum anderen sollte ein neuer Ort für temporäre Ausstellungen geschaffen werden, an dem auch andere Aspekte der Stadtgeschichte und -gegenwart beleuchtet werden können.
Klar ist auch: Das Bauernkriegsmuseum hat zweifelsohne seine großen Verdienste für die Aufarbeitung dieser herausragenden Begebenheit in der Stadt geleistet. In den jetzt 38 Jahren seines Bestehens hat es Böblingen als Kulminationsort für die Freiheitskämpfe von 1525 in vielen Aspekten beleuchtet. Unzählige Schulklassen standen vor dem Diorama der Schlacht am Goldberg und legten verstohlen den Finger an die Speerspitzen und Ritterrüstungen.
Zum 500. Jubiläum des Bauernkriegs durfte außerdem der Skandal-Bildhauer Peter Lenk der Stadt eine Denkmalsäule ans Seeufer setzen. Theaterwanderungen auf historischen Wegen, Filme und Exkursionen rundeten das Gedenkjahr ab. Und jetzt? Einfach weiter so? Es wäre eine vergebene Chance. Denn das Bauernkriegsmuseum zu verändern, es umzusiedeln oder ganz neu zu denken, hieße ja nicht, das Gedenken an die historische Schlacht zu verbannen.
Viel drängender ist aber die Tatsache, dass so viele andere Kapitel der Stadt darauf warten, öffentlich beleuchtet zu werden. Nehmen wir nur die High-Tech-Historie der Stadt: Schon in den 1950er-Jahren siedelten sich die Computerriesen IBM und Hewlett Packard an. Im IBM-Labor auf dem Rauhen Kapf existierte bis zum vergangenen Jahr lediglich eine nicht für die Öffentlichkeit zugängliche Sammlung bedeutender Großrechner aus beinahe 100 Jahren Datenverarbeitung. Jetzt ist die IBM nach Ehningen gezogen – und über den Verbleib der Exponate ist nichts bekannt.
Sicher ist nur, dass die aus heutiger Sicht skurrilen Rechenmaschinen bis auf Weiteres weiter im Verborgenen schlummern. Und mit ihnen weitere Aspekte der Böblinger Historie wie die Industriegeschichte, die Fliegerei und nicht zuletzt die NS-Zeit. Sie könnten Platz finden in neuen Formaten. Die Betonung liegt aber auf „könnten“, denn ein neues Konzept ist nicht in Sicht. Weder weiß die Stadt, was es mit dem historischen Gebäude in der Unteren Gasse konkret machen will, dass sie 2020 zum Zwecke der Bespielung gekauft hat. Noch, wohin die Reise bei den Museen insgesamt geht.
Der Ball liegt also klar bei den Verantwortlichen im Rathaus. Stefan Belz wurde jüngst mit viel Bohei und warmen Worten in seine zweite Amtszeit eingesetzt. Dabei wurden seine Verdienste für die Stadt wortreich ausgeführt. Ein Versprechen aus seinem ersten (!) Wahlkampf 2018 allerdings fiel unter den Tisch: Vor seiner Wahl sagte er zu, sich für ein Stadtmuseum einzusetzen. Eingelöst hat er dieses Versprechen bis zum heutigen Tag nicht.
Jetzt aber ist er bis 2034 mit einem kräftigen Vertrauensvorschuss gewählt. In seiner zweiten Antrittsrede sagte er: „Aus Aufbruch wurde Richtung.“ Die kann Stefan Belz, die sollte er jetzt in Sachen Museen vorgeben.