An einem Montagabend wurden zwei Jugendliche in Murr auf einem E-Scooter von einem Auto erfasst. Foto: Henning Kaiser/dpa

Ein Teenager liegt nach einem E-Scooter-Unfall bewusstlos auf der Straße – der Autofahrer fährt einfach weiter. Seitdem kämpft seine Mutter dafür, dass der Fahrer gefunden wird.

Seit Tagen wühlt dieses Bild Sandra K. auf: ihr Sohn, reglos auf der Straße, bewusstlos nach dem Aufprall – und ein Unfallbeteiligter, der einfach davonfährt. „Das lässt mir keine Ruhe. Den eigenen Sohn so zu sehen, war ein Albtraum“, sagt die Mutter. Sie könne nicht begreifen, wie man einen verletzten Jugendlichen einfach liegenlassen kann.

 

Daten der Polizei zeigen, wie groß und teuer das Problem Unfallflucht ist – offenbar sehen es viele als Kavaliersdelikt. Sandra K. will als Betroffene ein Zeichen setzen und für Bewusstsein sorgen. Sie spricht über fehlende Verantwortung in der Gesellschaft – aber auch über die Verrohung in den sozialen Medien.

Gehirnerschütterung und Platzwunde

Es ist Montagabend, der 16. März, als Sandras 14-jähriger Sohn mit seinem Freund auf dem E-Scooter die Theodor-Heuss-Straße in Murr überqueren will. Hier kollidiert er mit einem dunklen Kleinwagen. Nach Angaben der Mutter prallt ihr Sohn vermutlich mit dem Kopf gegen das Auto und verliert das Bewusstsein. Sein Freund stürzt ebenfalls und verletzt sich an der Lippe. Während der Autofahrer einfach weiterfährt, leisten Anwohner Erste Hilfe.

Der 14-Jährige wird mit dem Rettungswagen in die Klinik gebracht. Er hat eine Gehirnerschütterung, eine Platzwunde am Auge muss genäht werden. Rund 24 Stunden bleibt er zur Beobachtung im Krankenhaus. „Man fühlt sich hilflos“, sagt Sandra K. über diese Stunden.

Die Tage danach blieb ihr Sohn zu Hause. Sie sei froh, dass seine Freunde ihn am Wochenende besucht haben. Das habe ihm gezeigt, dass er nicht allein ist. Er erhole sich langsam von den Verletzungen und dem Schock.

Das Phänomen Unfallflucht

Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Ludwigsburg steht etwa jeder fünfte Unfall im Zusammenhang mit Fahrerflucht. Im Jahr 2025 wurden im Landkreis Ludwigsburg insgesamt 3791 Fälle registriert, darunter 127 mit Personenschaden – das entspricht rund 3,4 Prozent. Mehr als die Hälfte der Fälle wird laut Polizeistatistik aufgeklärt.

Die Gründe für Unfallflucht sind vielfältig. Bei Parkremplern könne es vorkommen, dass Beteiligte den Schaden gar nicht bemerken, sagt Polizeisprecherin Yvonne Schächtele. In anderen Fällen befänden sich die Betroffenen möglicherweise in einem Schockzustand. „Natürlich kann eine Flucht aber auch dazu dienen, Alkohol- oder Drogeneinfluss zu verschleiern“, so Schächtele.

Die Polizei betont, dass Unfallflucht keineswegs ein Kavaliersdelikt ist – sie kann sogar mit Freiheitsstrafe geahndet werden. Wer sich jedoch zeitnah und freiwillig meldet, kann unter Umständen mit einer Strafmilderung rechnen.

Zudem verursachen Unfallfluchten erhebliche wirtschaftliche Schäden. Im Bereich des Polizeipräsidiums Ludwigsburg belief sich dieser im Jahr 2025 auf rund 61 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2020 lag der Schaden noch bei etwa 43 Millionen Euro.

„Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft aktuell lieber wegschauen.“

Sandra K., Mutter

Sandra K. treibt besonders die Sorge um ihren Sohn um, sie macht sich seit dem Unfall aber auch Gedanken um die Gesellschaft: Was bewegt einen Autofahrer dazu, sich unerlaubt von einer Unfallstelle zu entfernen? Warum meldet sich niemand?

Mit Flyern und Aufrufen versucht Sandra K. selbst, mögliche Zeugen zu erreichen – in der Hoffnung, dass jemand etwas gesehen oder gehört hat. Dabei gehe es ihr nicht nur um den eigenen Fall, sagt sie, sondern auch um ein größeres Problem: fehlende Verantwortung. „Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft aktuell lieber wegschauen. Wir nehmen etwas wahr, aber erachten es nicht als wichtig – und übernehmen kaum Verantwortung.“

Unfälle würden passieren, sagt Sandra K. – dafür sollte niemand direkt verurteilt werden. Aber man müsse dafür gerade stehen, helfen und sich bei der Polizei melden. Das gelte nicht nur für den Unfallbeteiligten, sondern auch für mögliche Zeugen. „Viele lesen so eine Meldung und denken sofort: Das hat nichts mit mir zu tun.“ Dabei könne gerade im direkten Umfeld jeder etwas bemerkt haben – ein auffälliges Auto, ein Gespräch, ein auffälliges Verhalten eines Bekannten, irgendein Detail.

Täter-Opfer-Umkehr im Internet

Unmöglich findet Sandra K. auch die Reaktionen in den sozialen Medien. Unter Presseartikeln auf Facebook finden sich auch hämische und feindselige Kommentare. „‚Selbst schuld‘ war da noch harmlos“, erzählt Sandra K. Eine Person habe sogar geschrieben: „Schade, dass der Autofahrer nicht noch schneller war.“ Solche Dinge zu lesen, sei ein Stich ins Herz, sagt die Mutter.

Diese Täter-Opfer-Umkehr habe sie tief erschüttert. Es könne nicht sein, dass in den Kommentarspalten eine Gesellschaft gezeichnet werde, die Jugendliche für einen vermeintlichen Vorfahrtsfehler zynisch verurteile – jemand, der Fahrerflucht und unterlassene Hilfeleistung begehe, jedoch nicht. Dies sind immerhin schwere Straftaten.

Trotz allem will Sandra K. die Suche nach dem Unfallbeteiligten fortsetzen. Warum sie so viel Kraft investiert? Die Mutter überlegt kurz. „Natürlich geht es um Gerechtigkeit. Aber vor allem geht es um meinen Sohn. Ich will ihm zeigen, dass ich für ihn kämpfe.“ Und vielleicht, so hofft sie, erreiche sie damit auch andere: „Dass sie verstehen, was es bedeutet, wenn man seiner Verantwortung nicht gerecht wird – und einfach davonfährt.“