Mundart in Stuttgart Die Käpsele

Von Jan Sellner 

Ein Ort, wo der Dialekt gepflegt wird: „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Zeppelinstüble. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ein Ort, wo der Dialekt gepflegt wird: „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Zeppelinstüble. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Dialekt muss einiges aushalten, wenn sich die Werbung seiner bemächtigt. Lokalchef Jan Sellner mit neuen Beispielen für die Verhunzung der schwäbischen Mundart.

Stuttgart - Manche Texte eignen sich für eine Fortsetzung, besonders dann, wenn Leser das Thema anreichern. Der Meinungsbeitrag „Alles außer Schwäbisch“ vom 8. Juli über die fortschreitende Trivialisierung des Dialekts ist so ein Beispiel. Anlass für den Beitrag waren Plakate mit der Aufschrift „New Yörkle“. Zur Erinnerung: Eine Werbeagentur ­versuchte, die Aufmerksamkeit der Stuttgarter für die Ansiedlung eines aus New York stammenden Ladens zu wecken. Ein Stück – nicht ein Stückle! – Amerika am Neckar. Was für ein Geschenk ans Ländle! Immerhin: Die ­Formulierung Outletle blieb uns erspart.

Leser mit Sinn für Sprache und Dialekt fühlten sich vom „New Yörkle“ an der Ehre gepackt. In Zuschriften beklagten sie die in der Werbung verbreitete Unsitte, an alles und jeden, der hier zu Hause ist, ein „-le“ dranzuhängen. Das krampfhafte Bemühen, regional zu wirken. Dabei entstehen Unwörter, die mit der fein gewirkten schwäbischen Sprache nichts tun haben. „Das Ländle sucht Schnäpple jetzt am Mailändle“ war im Umfeld der Eröffnung des Einkaufszentrums Milaneo vor zweieinhalb Jahren in Stuttgart zu lesen.

Schlimm: „Schlemmerschinkele“

Man könnte sagen: Verjährt und vergessen. Für die nachfolgende Werbung gilt das nicht. „Wenn man meint, schlimmer geht’s nimmer, so kaufe man einen Vorderschinken einer Firma in Bonndorf“, schrieb ein treuer Leser. „Dort wird der gekochte Vorderschinken als ,Schlemmerschinkle‘ angeboten“. Allen Ernstes! Zum Beweis legte er seinem Brief einen Ausriss der sprachlichen „Sauerei“ bei. Die Werbung gastronomischer Betriebe für ein „Magazinle“ am Bodensee nimmt sich im Vergleich harmlos aus.

Eine andere Leserin weist darauf hin, dass dem Schwäbischen auch in der Alltagssprache zugesetzt wird – in Form von dümmlichen Verniedlichungen: „Vor dem Ende mit ,Tschüssle‘/,Adele‘ steht der Anfang mit dem grausligen ,Hallöle‘, bemerkt die Dame richtig. „Mir henget des ,-le‘ do no, wo’s basst ond lasset’s weg, wo’s net noghert“, schreibt eine andere Leserin und fügt leicht resigniert hinzu: „Aber erklär dees mol ama Domma!“

Fehlen nur noch die „Schrippen“

Und wenn der Dialekt nicht schon ­ge­nügend malträtiert würde, sieht sich das kleiner werdende Häufle schwäbischer Aborigines auch noch einer Verdeng­lischung und Bajuwarisierung ihres geliebten Idioms gegenüber. Davon geben Berichte wie der von Leserin Inge ­Mierke Zeugnis: „Vergangene Woche habe ich mir das neue Dorotheenviertel in Stuttgart angeschaut. Auf dem Rückweg ging ich zu einem Bäcker, um Weckle zu kaufen. ­Verwundert musste ich auf der Tüte lesen: ,Semmeln‘, ,Brezn‘, ,Krapfen‘. Ja, sind wir denn in Bayern? Dass auf der Türe noch stand: ,Daily fresh and delicious‘, macht die Sache nicht besser.“ In der Tat. Fehlt nur der Hinweis auf Berliner Schrippen.

Was man zu alledem sagen soll? Zum „Hallöle“ und zum „Schlemmerschinkle“ und zu den versemmelten Weckle? Wer könnte besser darauf antworten als ­wiederum die Leser. Das Schlusswort gebührt deshalb Renate Kornau aus Feuerbach: „Mir send Cleverle und Käpsele“, schreibt sie: „Aber koine Dommerle!“

jan.sellner@stzn.de

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