Carlos Strasser (rechts) probt mit Yana Peneva, Jamie Constance und Carter Smalling für sein jüngstes Ballett „Der kleine Prinz“. Das Multitalent gestaltete nicht nur Choreografie und Musik, sondern auch die Kostüme selbst. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Carlos Strasser kann musizieren, tanzen, choreografieren und noch einiges mehr. Früh sammelte der Eleve des Stuttgarter Balletts als junger Tarzan erste Bühnenerfahrungen im Musical.

Im blassgrünen Anzug schwebt der kleine Prinz durch Zeit und Raum. Seine Darstellerin wird zu Klaviertönen von kaum sichtbaren Schattenfiguren durchs sternenfunkelnde Universum getragen. Bald wird sich unter dem Blick des Prinzen eine Rose entfalten, umkränzt von geöffneten Händen und roten Blüten.

 

Musik, Choreografie und auch die Kostümentwürfe für dieses Ballett stammen von Carlos Strasser. Den Fuchs hat der mittlerweile 22-Jährige in seiner Umsetzung von Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ durch einen Roboter ersetzt. Und stellt damit die Frage, wohin sich Beziehungen entwickeln, wenn sie technisch simuliert sind.

Mit dieser Idee sorgte Carlos Strasser beim diesjährigen Noverre-Abend für Gesprächsstoff. Es war nicht das erste Mal, dass das Multitalent mit einer Neuschöpfung von sich reden machte. 2024 gab er sein Noverre-Debüt mit dem etwas textlastigen, aber einprägsamen Stück „Zwischen Wind und Asphalt“.

Carlos Strasser Foto: SB/Roman Novitzky

Ausgebildet an der Cranko-Schule, gehört Carlos Strasser seit dieser Spielzeit als Eleve zum Stuttgarter Ballett. Sein erstes Noverre-Stück sei tatsächlich eine Art Bewerbung gewesen, sagt er: „Ich wollte hier zeigen, dass ich mit ganzer Leidenschaft für die Kunst brenne.“

Von der Musik zum Tanz: Carlos Strassers kreative Reise

Wobei Kunst mehrere Ausdrucksformen umfasst. Fragt man Carlos Strasser nach dem Ursprung seiner Kreativität, antwortet er: „Die Musik war als erstes da. Mit fünf Jahren fing ich an, Klavier zu spielen.“ Auch sang er wie seine vier Geschwister im Chor, gehörte zu den Rottenburger Domsingknaben. Zum Tanz kam der Spross einer Wurmlinger Familie über das Musical „Tarzan“.

Nachdem sein älterer Bruder in „Ich war noch niemals in New York“ in einer Kinderrolle mitgewirkt hatte, machte ein Artikel die Eltern auf das Casting für den jungen Tarzan aufmerksam.

Sprechtraining feilte am Schwäbisch des jungen Tarzans

Der damals achtjährige Carlos überzeugte. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen: Der Anspruch an Akrobatik, an das musikalische, tänzerische und darstellerische Können war hoch“, erinnert er sich an intensive Proben. Sprechtraining feilte seinen schwäbischen Zungenschlag glatt. Schmunzelnd gibt er eine Kostprobe des Dialekts, der „baim SV Wurmlinga iblich gwä sei“.

„Ganz alleine auf der Bühne ein Solo zu singen, die eigene Stimme verstärkt zu hören: das hat süchtig gemacht. Es war immer ein Rausch“, fasst er die vier Jahre als Tarzan-Darsteller in Stuttgart-Möhringen zusammen. Klavier spielte er nach wie vor und begann, mit Hilfe von Apps und Computerprogrammen zu komponieren.

Ein Hobby, das ihn heraushob

Vom Musical zum Ballett fand er abermals über den älteren Bruder. Vom wilden Tarzan-Schrei zur Disziplin an der Ballettstange? „Ich war getrieben von kindlicher Neugier“, sagt Carlos Strasser. Auch nutzte er sein neues Hobby, um sich abzuheben. „In den kursierenden Freundschaftsbüchern gab jeder an, Fußballstar werden zu wollen“, erinnert er sich.

Täglich im Zug zur Ballettschule

Ein Ballettlehrer erkannte sein Talent und empfahl den Wechsel an die Cranko-Schule. Von deren Weltruf hatte Carlos bis dato keine Ahnung. Auch seine Eltern, beide als Intensivpfleger tätig, waren skeptisch, auch dann noch, als ihr Junge die Aufnahmeprüfung bestand. Schlussendlich gaben sie seinem Drängen nach.

„Vom ersten Tag an hatte ich so einen Biss, das durchzuziehen mit der Tanzausbildung“, sagt Carlos, der damals fast täglich den Zug nach Stuttgart nahm. „Ich musste erst lernen, was es bedeutet, zu tanzen. Denn Showtanz ist eben doch etwas ganz anderes.“

Bei aller Begeisterung fürs Ballett war es Carlos wichtig, Abitur zu machen und breit aufgestellt zu bleiben. Also wiederholte er die letzte Ballettschulklasse vor der ganztägigen Akademie zweifach, um die Oberstufe am Königin-Katharina-Stift besuchen zu können. Die Beschränkungen der Corona-Jahre kamen ihm gelegen. Sein Leistungskurs: Musik.

Ein Neubau, der die künstlerische Freiheit inspiriert

In die Pandemie fiel auch der Umzug der Ballettschule. Mit dem Neubau verbindet Carlos Strasser Freiheit. „Es ist toll, was Architektur in einem auslösen kann“, schwärmt er. „Die Säle sind wie leere Leinwände, die es mit Kreativität zu füllen gilt.“ War einer frei, setzte sich Carlos ans Klavier, ließ seiner Fantasie freien Lauf.

Das bemerkte Tadeusz Matacz. Der Direktor schlug Carlos vor, seine Talente in einem Stück zu vereinen. So entstand „Fantasie Inpromptu“ mit fünf Akademie-Kollegen und ihm selbst als Tänzer. Ausgehend von Chopin und Debussy steuerte Strasser erstmals eine eigene Komposition bei.

„Habe ich eine Geschichte im Kopf, fällt es mir relativ leicht, eine Melodie dazu zu kreieren“, sagt der Vielbegabte. Choreografieren sei wesentlich schwieriger. „Mit Menschen zu arbeiten, ist etwas ganz anderes.“ Er hat aber auch erkannt, dass die Disziplinen ähnlichen Gesetzen folgen und nennt Akzente oder Pausen als Beispiel.

Ein Roboter spielt den Fuchs

An seinem jüngsten Werk hat er ein gutes halbes Jahr getüftelt. Für „Der kleine Prinz“ galt es, eine bestehende Geschichte zu komprimieren, Kostüme zu entwerfen und einen Spannungsbogen zu finden. „Meine Freundin half mir, allzu hochfliegende Ideen im Zaum zu halten.“

Eine ließ er sich nicht ausreden: den Auftritt eines Roboters als Fuchs. Dafür hat er sich ins Thema eingearbeitet, viele Experten und Unis kontaktiert. „Über Ecken habe ich dann eine Firma in Österreich gefunden, die den Roboter kurz vor knapp bereitgestellt hat.“

Lust auf neue Projekte

Unwägbarkeiten gab es viele: Wie gut steuerbar, wie verlässlich ist die Technik? Letztlich sei alles glatt gegangen. Und eines ist sicher: „Es ist nicht das letzte Mal, dass ich so etwas in der Art mache.“ Gespräche für ein neues Projekt im nächsten Jahr laufen bereits.

Info

Schüler
Carlos Strasser wurde in Tübingen geboren, den ersten Ballettunterricht erhielt er in Rottenburg, wo er aufwuchs. Von 2014 an besuchte er die Cranko-Schule, dort machte er 2024 seinen Abschluss. Aktuell ist er Eleve beim Stuttgarter Ballett.

Bühne
Als junger Tarzan war er von 2011 bis 2014 im Stuttgarter Musical zu erleben. 2022 schuf das Multitalent ein erstes Solo samt Musik. 2023 folgte „Fantasie Impromptu“, 2024 das Noverre-Debüt „Zwischen Wind und Asphalt“, indem sich Carlos Strasser als Tänzer, Musiker, Dichter und Choreograf vorstellte. 2023 war er der Protagonist der Doku „Crankos Traum - Die Talentschmiede des Stuttgarter Balletts“, einer Koproduktion von SWR und Filmakademie.