Höchstens 50 Meter kann Andreas Krehl mit dem Rollator gehen – wenn der Boden eben ist und er einen guten Tag hat. Foto: Eveline Blohmer

Andreas Krehl hat Multiple Sklerose. Der 43-Jährige kann höchstens noch 50 Meter gehen. Doch er nimmt es gelassen. Das hat auch mit der Freiwilligen Feuerwehr Riedenberg zu tun.

Riedenberg - Es hat Zeiten gegeben, da ist Andreas Krehl täglich 90 Kilometer mit dem Rad gefahren und einmal im Jahr in fünf Tagen bis an die Nordsee. Heute schaffen seine Beine höchstens noch 50 Meter – mit der Hilfe des Rollators, wenn der Boden eben ist und die Temperatur nicht zu hoch. Der 43-Jährige hat Multiple Sklerose (MS).

Die Diagnose wurde vor fast sieben Jahren gestellt. Dass etwas nicht stimmt, wurde Krehl allerdings schon 2006 bei einem Ausflug mit der Freiwilligen Feuerwehr Riedenberg bewusst: Er bekam Probleme mit dem Gehen. „Es fühlt sich an, als binde man sich 20-Kilo-Gewichte an die Füße“, beschreibt Krehl, was die Krankheit mit ihm macht. Wenn es in seiner Riedenberger Wohnung 26 Grad warm ist, könne er froh sein, die kurze Strecke vom Wohn- ins Badezimmer zu meistern. „Die Schübe werden durch die Hitze gefördert“, erklärt Andreas Krehl. „Und Treppen sind der größte Feind.“

Die Welt ist heil geblieben

An der chronischen Entzündung seines zentralen Nervensystems nerven ihn nach eigenem Bekunden am meisten die Einbußen in seiner Freizeitgestaltung: „Früher war ich so aktiv.“ Weil die Feinmotorik nicht mehr funktioniert, musste der große Klezmer-Liebhaber das Klarinettenspiel aufgeben. Sein Motorrad hat er verkauft. An Skifahren ist nicht mehr zu denken. Trotzdem sagt Andreas Krehl, dass er nie an seiner Krankheit verzweifelt ist. „Viele sagen zu mir: ,Für mich würde die Welt zusammenbrechen.‘ Das ist bei mir nicht so.“

Dass Krehls Welt zumindest nicht im übertragenen Sinn ins Wanken geriet, liegt auch an der Freiwilligen Feuerwehr Riedenberg. Seit ungefähr 20 Jahren ist der gebürtige Stuttgarter dabei. Dass er wegen der MS keinen aktiven Dienst mehr machen, kein Atemschutzgeräteträger mehr sein und kein Feuerwehrauto steuern kann, belaste ihn eigentlich nicht. „Ich fühle mich nicht abgestellt, sondern immer noch voll und ganz zugehörig“, sagt Krehl, der hauptberuflich und von zu Hause aus in der EDV-Branche arbeitet.

Ganz normale Leute

Dass die Kameraden Rücksicht auf seine Einschränkungen nehmen und beispielsweise die Weihnachtsfeier in der Fahrzeughalle und nicht im ersten Stock ausrichten, findet er schön. Und im Gegenzug sieht er zu, „dass ich den Kameraden alles abnehmen kann, was sich übers Telefon machen lässt“, sagt der Schriftführer, Kantinenwart und Webmaster der Riedenberger Feuerwehr.

Seine Krankheit war denn auch ausschlaggebend dafür, dass die Einnahmen des traditionellen Christbaumverkaufs Anfang Dezember dieses Mal an die Kontaktgruppe Ostfildern der AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter) gehen. Damit schließt sich ein Kreis: Krehl hatte von der AMSEL beim Geburtstag eines Kameraden erfahren. Einmal im Monat trifft er sich in der Gruppe mit anderen MS-Patienten. „Ich habe anfangs befürchtet, dass sich da Leute treffen, die vor sich hinsiechen“, sagt Krehl mit einem entschuldigenden Lächeln. Denn die Befürchtung war unbegründet: „Das sind ganz normale Leute.“

Spezielle Probleme

Normale Leute, die sich über ihre ganz speziellen Probleme austauschen. Zum Beispiel über den „Riesenkampf mit dem Versorgungsamt“, wie Krehl die langwierigen Bemühungen vieler Leidensgenossen um einen Behindertenausweis nennt. Er selbst hat kürzlich nach einem Jahr und vier Einsprüchen einen bekommen. „Ein Arzt hat mir mal bescheinigt, dass ich 50 Meter gehen kann“, erklärt er, warum es so schwierig war. Er meint aber auch, dass es bei ihm noch glatt lief: „In der Gruppe gibt es Leute, die haben vier Jahre prozessiert.“

Andreas Krehl hätte wohl auch das gelassen genommen. „Ich lasse ziemlich viel einfach auf mich zukommen“, sagt er. Er geht zwar davon aus, dass sich sein Zustand verschlechtert. „Aber ich bin so gut organisiert, dass ich das Gefühl habe, alles machen zu können.“ Bei dem, was er nicht mehr selbst hinbekommt, helfen auch die Freunde von der Riedenberger Feuerwehr.

Multiple Sklerose und AMSEL

Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine chronisch-entzündliche Nervenerkrankung. Sie betrifft die Nerven des Gehirns und des Rückenmarks. Die Entzündungsherde zerstören die Isolierschicht der Nervenzellen, das Myelin. Die Nerven können Signale ohne diese Schicht nicht mehr schnell weiterleiten. Weil sie bei jedem Erkrankten unterschiedlich verläuft und die Symptome vielfältig sind, wird MS auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Die Ursachen sind nicht bekannt.

Die AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter) ist seit 1974 Fachverband, Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung für MS-Kranke in Baden-Württemberg. Die Ziele sind nach eigenen Angaben: Kranke informieren und ihre Lebenssituation verbessern. Der AMSEL-Landesverband hat rund 8600 Mitglieder, 61 AMSEL-Gruppen und 20 Junge Initiativen in ganz Baden-Württemberg. Weitere Informationen gibt es hier.

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