Die Schüler des Daimler-Gymnasiums feiern jetzt in der Schule. Foto: Leif Piechowski

Das Cannstatter Gottlieb-Daimler-Gymnasium wollte an diesem Freitag wie in den beiden Vorjahren eine „multikulturelle Feier“ in einer Kirche machen. Nach Hunderten Beschimpfungen und Drohungen ist das Fest aus Sicherheitsgründen in die Schule verlegt worden.

Das Cannstatter Gottlieb-Daimler-Gymnasium wollte an diesem Freitag wie in den beiden Vorjahren eine „multikulturelle Feier“ in einer Kirche machen. Nach Hunderten Beschimpfungen und Drohungen ist das Fest aus Sicherheitsgründen in die Schule verlegt worden.

Stuttgart - Eigentlich hätte das Cannstatter Gottlieb-Daimler-Gymnasium an diesem Freitag festlich mit Schülern und Eltern das Kalenderjahr beendet. Und zwar zum dritten Mal in der katholischen Liebfrauenkirche. Doch daraus wird nichts. Die Feier ist abgesagt. Stattdessen werden sich die 640 Schülerinnen und Schüler im Schulgebäude zusammenfinden. Aus Sicherheitsgründen. Denn die Schule ist in den vergangenen Tagen hundertfach bedroht worden.

Grund ist der Name des Festes. Es heißt nicht Weihnachtsfeier oder Adventsgottesdienst, sondern etwas sperrig „multikulturelle Feier zum Fest der Werte“. Das halten Kritiker für einen Angriff auf christliche Wurzeln. Schulleiterin Verena König sieht das anders: „Wir haben einen Weihnachtsbaum im Foyer und binden gemeinsam Adventskränze. Aber wir haben Schüler aus 23 Nationen. Wir wollten bei dem Fest einfach alle dabei haben.“ Dabei gehe es nicht nur um Muslime, sondern auch um Orthodoxe oder Schüler ohne Konfession.

Zweimal ist das bisher ohne Probleme so gelaufen. Doch was in diesem Jahr daraus wird, hätte sich König nicht träumen lassen. Am vergangenen Sonntag tauchte die Einladung, die an die Eltern gegangen war, auf einer rechtspopulistischen Internetseite auf. Ergänzt mit einem Foto der Schulleiterin sowie Telefonnummer und E-Mail-Adressen der Schule und der Liebfrauengemeinde.

„Am Montag ging es los“, sagen Schulleiterin und Pfarrer. Mindestens zehn Mails stündlich mit Beschimpfungen und Beleidigungen, später auch jede Menge Anrufe. Im Internet ist von der „Schändung von Weihnachten“ oder von „elenden Würmern“ die Rede. Ein Schreiber fordert auf: „Die Verräter am eigenen Volk müssen bekämpft werden.“ Erst habe man das aussitzen wollen, sagt Verena König, sich dann aber geeinigt, die Sicherheit der Schüler zu berücksichtigen und die Feier in der Kirche abzusagen.

Reaktionen aus Politik folgten prompt

Laut Kultusministerium hat es in Baden-Württemberg bisher noch keinen vergleichbaren Fall gegeben. Schulen sei es ausdrücklich selbst überlassen, wie sie ihre Feste feiern, heißt es dort. Im Regierungspräsidium Stuttgart betont Sprecher Clemens Homoth-Kuhs: „Obwohl in manchen Schulen die Mehrheit der Schüler keiner christlichen Konfession mehr angehört, ist es gang und gäbe, dass christliche Feste einbezogen werden.“ Schulen seien lediglich angewiesen, auch auf hohe Feiertage anderer Religionen Rücksicht zu nehmen.

Die Reaktionen aus der Politik folgten am Donnerstag prompt. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sprach von „empörenden Angriffen“ und forderte alle Schulen auf, sich weiterhin für Toleranz und Vielfalt einzusetzen. Zudem kündigte er an, das Cannstatter Gymnasium im nächsten Jahr zu besuchen und zu prüfen, wie das Ministerium Schulen gegen solche Angriffe unterstützen kann. Die grüne Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch will eine Gesprächsreihe zum interreligiösen Dialog anregen. Ute Vogt, Bundestagsabgeordnete der SPD, kritisierte dagegen trotz allen Verständnisses für die Reaktion der Schule das Einknicken „vor rechtsextremen Umtrieben“.

Das will Schulleiterin König so nicht stehen lassen. „Wir wollen Flagge zeigen und geben der rechten Hetzkampagne auch nicht nach“, sagt sie. Deshalb werde man das Fest in der Schule feiern. Die Schulgemeinschaft rücke jetzt noch enger zusammen: „Ich bin mir sicher, das wird eine ganz tolle Feier.“

Inzwischen treffen auch viele Reaktionen ein, die der Schule den Rücken stärken. Cem Özdemir, Bundeschef der Grünen und Pate der Aktion „Schulen ohne Rassismus“, bei der auch das Gymnasium dabei ist, hat gleich morgens angerufen und seine Unterstützung zugesagt. Für manche Schreiber, die Drohungen verfasst haben, könnten die Festtage dagegen wenig feierlich verlaufen: Ihre Kontaktdaten liegen bei der Polizei.

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