Seit Beginn diesen Jahres hat die Staatliche Münze Baden-Württemberg einen neuen Direktor. Beim Besuch wird schnell klar: Hier kommt keiner so leicht rein und raus. Warum?
Das rote zweistöckige Backsteingebäude in der Reichenhaller Straße in Bad Cannstatt befindet sich unweit des Landeskriminalamts in einer ruhigen Seitenstraße und ist relativ unauffällig. Dabei ist es ein wichtiges Haus mit großer Sicherheitsausstattung. Der Grund: Hier wird Münzgeld geprägt. Die gesamte Verantwortung dafür trägt seit Januar Thomas Bader. Der neue Leiter der Staatlichen Münze Baden-Württemberg ist 48 Jahre alt und Jurist. Der gebürtige Tübinger freut sich sichtlich über seinen seit Januar neuen Aufgabenbereich und schiebt an diesem sonnigen Tag lächelnd die schwere Sicherheitstür für die Besucher auf.
Der Geldbeutel muss ins Schließfach
Zuerst einmal gilt es, einige Sicherheitsschritte zu bewältigen. Denn in das Gebäude der Staatlichen Münze darf kein Geld mit hineingenommen werden. Das heißt, potenzielle Besucher müssen erst einmal nachschauen, dass sie nirgendwo mehr noch eine Münze in der Tasche haben. Dann muss der Geldbeutel in ein Schließfach eingeschlossen werden. Am Empfang wird der Personalausweis geprüft. Im Haus werden wie beim Flughafen Taschen und Jacken durchleuchtet. Ein Mitarbeiter checkt die Besucher mit einem Metalldetektor. Dann heißt es, Sicherheitsschuhe überziehen, und los geht’s – in die Produktion, den Hochsicherheitstrakt.
Metallprägung in hohem Tempo
Die hohe Halle, die auf den ersten Blick eine in einem Metallbetrieb aussieht, ist das Herz der Prägestätte. Schon stehen wir vor einer der meterhohen modernen Maschinen, die das geprägte glänzende, runde Metall in hohem Tempo herausbefördert, das erst, wenn es offiziell in Umlauf gebracht wird, zu Geld wird. Hier werden in einem Produktionsschritt Zwei-Euro-Gedenkmünzen hergestellt.
Das unaufhörlich klackende und klimpernde Geräusch hört sich an, als hätte man in einem Spielsalon den Hauptgewinn erzielt. Unermüdlich fallen die Münzen in die großen Auffangbehälter. „Bis zu 1000 Münzen können an dieser Maschine pro Minute herauskommen“, sagt Bader. Im Durchschnitt werden jährlich weit mehr als 100 Millionen Umlaufmünzen in Stuttgart geprägt. Auf einem Bildschirm wird die Qualität des metallenen Ausstoßes überprüft.
Neueste Produktion der Gedenkmünzen
Eine graue Kiste, die laut einer Aufschrift ohne Münzen 86,4 Kilogramm wiegt, füllt sich allmählich. Bader nimmt ein frisch geprägtes Zwei-Euro-Gedenkmünzenstück heraus und zeigt: Auf der numerischen Seite ist im Prägedruck Europa im Umriss dargestellt, auf der Rückseite das Saarland. „Das ist die neueste Produktion“, sagt der 48-Jährige. „Mit dem Motiv der Saarschleife wurden bis heute an allen Münzstätten Aufträge im Umfang von insgesamt 30 Millionen Stück ausgegeben“, erläutert der Direktor.
Nur Zwei-Euro-Münze hat Randschrift
Ein paar Meter weiter kann die Münzherstellung am Beispiel der Zwei-Euro-Münze auf verschiedenen Maschinen von Anfang an verfolgt werden: Aus der ersten, ebenfalls meterhohen Maschine kommen sogenannte Ronden heraus. Ronden heißen die runden, noch ungeprägten Vorstufen der Zwei-Euro-Münze. Die leeren Ronden, die später zu Zwei-Euro-Münzen werden, erhalten in der Maschine seitlich einen Sicherheitscode und eine Randschrift, auf der die ersten drei Worte der deutschen Nationalhymne stehen: Einigkeit und Recht und Freiheit. Die Schrift wird mit sogenannten Randierbacken aus gehärtetem Stahl in die Ronde geprägt.
An der zweiten Maschine erfolgt die Stanzung, um den Ring herzustellen. An der dritten Maschine wird die Hochzeit gefeiert, wie sie auch in der Autobranche genannt wird, wenn der Motor ins Auto eingebaut wird: In der Münz-Produktionsstätte erfolgt hier die Stempelprägung mit Vorder- und Rückseite auf das runde Metall gleichzeitig. Dabei wird der Ring mit einem immensen Druck von 95 Tonnen durch Prägen mit dem Rest verbunden. Fertig ist das Zwei-Euro-Stück aus Kupfernickel.
Rolliermaschine kann bis zu 2,5 Millionen Rollen herstellen
Der letzte Schritt in der Produktion geschieht an der Rolliermaschine: Dort werden die zwei Euro-Münzen zu 25 Stück in eine Rolle in Papier verpackt. Jede Rolle Euro wird gewogen, jedes Stück gezählt. Dann werden zehn Rollen mit Folie verpackt. Bei den Staatlichen Münzen Baden-Württemberg gibt es 27 Maschinen, die Umlauf- und Sammlermünzen herstellen. Die Herstellung von Sondermünzen werden vom Bundesfinanzministerium festgelegt und beschlossen. Münzen haben übrigens immer einen Nominalwert, auch Gedenkmünzen. Die Münzen, die keinen Nominalwert haben, sind Medaillen. Aber diese haben einen Materialwert. Bei den Staatlichen Münzen Baden-Württemberg gibt es 20 Maschinen für Umlaufmünzen, sieben Maschinen für Spiegelglanz- und Sammlermünzen. „Und für die Ausgaben der Münzen sind dann die Banken verantwortlich. Wir bekommen die Rohlinge vom Bund geliefert. Wir sind der Dienstleister fürs Prägen und eine der modernsten Prägestätten weltweit“, erklärt Bader.
Direktor Bader: „Bargeld ist ein Stück Unabhängigkeit“
Bader ist als Betriebsleiter für die Organisation, das Personal, den Haushalt und den kaufmännischen Bereich zuständig. Dem neuen Direktor ist Münzgeld auch privat wichtig: „Ich bin gerne mit Bargeld unterwegs, denn es ist ein Stück Unabhängigkeit. Dann bin ich nicht auf Automaten angewiesen und habe keine Probleme, wenn die EC-Karte mal wieder einen Kratzer hat. Ich lebe Bargeld.“ Angesichts von verschiedenen Diskussionen über die Abschaffung von Kleinstmünzen, auch aus wirtschaftlichen Aspekten etwa bei Ein- und Zwei-Cent-Münzen, entgegnet Bader: „Wenn man die Geschichte des Geldes betrachtet, kam es immer wieder zum Wandel.“
Nicht jedes EU-Land hat eine Prägestätte, deshalb werden in Stuttgart auch Euromünzen für andere Staaten geprägt. Ein besonderer Auftrag kam aus Lettland. „Wir haben im Jahr 2014 die Euroeinführung für Lettland gemacht mit 450 Millionen Münzen Erstausstattung.“ Und bei der großen, viel beachteten Euroumstellung vor 25 Jahren liefen die Staatlichen Münzen Baden-Württemberg im Dreischichtbetrieb. Damals gab es 140 Beschäftigte. Heute zählt die Prägeanstalt in Karlsruhe 20 Mitarbeiter und in Stuttgart 60, vom Maschinenbauer bis zum Ingenieur.
Fünf Prägestätten in Deutschland
In Deutschland gibt es fünf Prägestätten: in Berlin, München, Hamburg, Stuttgart und Karlsruhe. 1998 wurden Karlsruhe und Stuttgart zusammengefasst. Im Durchschnitt werden 200 bis 300 Millionen Münzen pro Jahr von den Staatlichen Münzen Baden-Württemberg (SMBW) geprägt, unabhängig vom Nominalwert. Stuttgart gilt als weltweit eine der modernsten Prägestätten, weil hier auch dreiteilige Sammlermünzen mit Ring, Kern und Polymerring hergestellt werden können. „Darauf haben wir ein Patent. So entstand 2016 bei uns die erste Münze mit Polymerring-Prägung: die Planet-Erde-Münze mit drei Komponenten und Nominalwert von 5 Euro“, sagt Bader stolz. Wer die Tröge voller glänzender neuer geprägter Münzen sieht, kann seine Begeisterung nachvollziehen: „Das funkelnde Metall übt eine Faszination aus.“
Infokasten
Die Münzprägestätte in Bad Cannstatt
wurde 1967 eingeweiht. In Stuttgart werden seit 1374 Münzen geprägt. Die erste Produktionsstätte lag mehr im Stadtkern.
Diese Metalle werden
bei den Staatlichen Münzen Baden-Württemberg verarbeitet: Die 1- und 5-Cent-Münzen sind aus kupferplattiertem Stahl, die 10-, 20-, 50-Cent-Münzen sind aus Nordic Gold (einer Messinglegierung) und die 1-, 2-Euro-Münzen sind aus Kupfernickel.