Charles Schumann war auch als Modell erfolgreich. Foto: dpa

Charles Schumann, der Mann, der Deutschland die klassische Barkultur beibrachte, wird 75 Jahre alt. Bis heute tut er am liebsten das, was er seit Jahren macht: hinter der Bar stehen.

München - „Die beste Bar der Welt ist die, die nicht versucht, die beste Bar der Welt zu sein“, sagt Charles Schumann. „Wir sind nicht die beste Bar, und ich bin nicht der beste Barkeeper der Welt – ein bekannter vielleicht.“ Es gibt dazu andere Meinungen. Viele halten das Schumann’s in München genau für das: die Bar schlechthin. 1982 begann alles in der Maximilianstraße; vertrieben von einem gierigen Vermieter zog man 2003 an den Odeonsplatz. Aus Schumann’s American Bar wurde das Schumann’s. Das klingt lässiger, so wie Charles Schumann mehr hermacht als Karl Georg Schuhmann.

An diesem Donnerstag wird der Schu(h)mann 75. Aus dem Bub aus der Oberpfalz – Eltern Landwirte, streng katholisch – ist ein von Moskau bis New York bekannter Kerl geworden. Dem Charakterkopf – markant zerknautschtes Gesicht, Dreitagebart, dazu das zurückgegelte, inzwischen mehr silbrige als mattschwarze, im Nacken sich kringelnde Haar – war jahrelang nicht zu entgehen: Lifestyle-Magazine, Plakate, Fernsehen. Als Baldessarini-Modell und Testimonial für Duftwasser, einen Bürostuhl und einen Bitter-Aperitif bewies Schumann, dass mancher Sechzigjähriger mit der einen oder anderen Falte knackiger wirkt als ein Jeans-anpreisender Mucki-Schönling.

„Baldessarini – separates the men from the boys“, ein Werbespruch, den einzig Schumann rechtmäßig sagen durfte, ohne dass er peinlich wirkte. Ein Macho ohne Mache, einer, der seine Gäste liebt, aber auch schneidend deutlich werden kann: „Ich habe mich immer klar ausgedrückt“, sagt er. Aber ein „Du bist ein Arschloch, schleich dich“-Satz zu einem Gast sei ihm nur drei, vier Mal über die Lippen gekommen, da sei er jünger gewesen. Heute müsste ihn schon jemand sehr nerven. Schumann möchte ja, dass die, die bei ihm trinken – und zunehmend bei ihm essen (leider, würde er sagen) –, sich wohlfühlen.

Wolf Wondratschek ist Schumanns Boxpartner

Dazu braucht’s – wie bei den Cocktails – nur die richtigen Ingredienzen. Frei nach Oscar Wilde: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“ Deshalb herrscht in Schumanns Bar klare Linie: Tresen, Tische aus gediegenem Holz, Wandbänke und Hocker mit Leder in Pariser Rot bezogen, keine Bilder an der Wand, eigene Gläser-Kollektion (mit freundlicher Unterstützung von Schott-Zwiesel), dezentes Licht, ordentlich bekleidete Barmänner im weißen Habit (nach vielen Jahren des Chauvinismus auch einige Barfrauen): Ohne die schwarze Krawatte wird kein Tropfen ausgeschenkt. Schumann mag es stilvoll. Damit scheint er wie ein Fels aus einem Zeitalter herauszuragen, als Virilität sich nicht in der Zahl der Tattoos an den Unterarmen und Hipster-Gesichtsbehaarung bemaß. Die große Zeit von Schumann’s Bar waren die Achtziger und Neunziger, das waren Wolf Wondratschek, der Sparringspartner des Boxers Schumann, und Bernd Eichinger, Münchner Szene, Film, Theater, Literatur. Sie kamen und kommen, weil Charles Schumann eben nicht nur ein Einschenker und Mixexperte ist. Er selbst bevorzugt übrigens die puren Sachen, Champagner, Brandy, Bier und ansonsten die Klassiker Gimlet oder Whiskey Sour.

Der Mann ist belesen und kennt viel von der Welt: Zunächst entflieht er dem Jesuiten-Seminar, landet erst einmal für sechs Jahre beim Bundesgrenzschutz und ist Personenschützer von Adenauer.

Als Gastgeber kommen seine Talente am besten zum Tragen

Danach lockt das Sehnsuchtsland Frankreich, wo er eine Disco und ein Striplokal managt und wo aus Karl Georg „le beau Charles“ wird. Zurück in München, holt er das Abitur nach, studiert. Als Gastgeber und einer, mit dem man sich unterhalten kann, ist er am besten. Albert Ostermaier widmet ihm ein Gedicht: „Les fleurs du mal“ heißt es und endet ohne Punkt und Komma so: „er steht hinter der bar die nackten füsse im sand homme libre toujours tu chériras la mer und wartet auf die nächste große welle schenkt uns seinen flüssigen himmel der die seele mit sternen übersät bis wir sie sehen heute in diesem leuchtenden raum.“

Mit 75 nimmt sich Schumann ab und zu eine Auszeit, aber das Beste für ihn bleibt immer noch, hinter dem Tresen zu stehen oder in der Küche, wo er in der von Feuer umbleckten Eisenpfanne seine oft zitierten Bratkartoffeln zaubert. Die sind für den Drei-Sterne-Koch Eckart Witzigmann „wie zu Hause, alla Mamma – das kann man nicht besser machen“. Noch so ein Talent des Charles Schumann.

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