Ein Ort verwandelt sich in eine Kunstmeile: Gvido Esmanis holt für den Kunsttag „Made in Münchingen“ immer mehr Künstler in die Öffentlichkeit. Wie geht es dem Organisator?
Gvido Esmanis hat sich eingerichtet, er hat sich eingelebt. Die neue Welt ist „eine komplett andere“ – eine gute aber. Wenngleich „ich den Publikumsverkehr vermisse“, stellt Gvido Esmanis fest. Auch Konzerte oder Atelierführungen gibt es nicht mehr im jetzigen Domizil, einem Gewächshaus eines Gartenbaubetriebs im Münchinger Industriegebiet. „Es ist ein reines Arbeitsatelier ohne Ausstellungsräume, sechs mal neun Meter groß“, sagt der Maler, der aber immerhin vier Arbeitsplätze hat. Dort kann er Workshops im kleinen Rahmen anbieten.
Auch wenn sich Gvido Esmanis seit seinem Auszug aus der großzügigen landwirtschaftlichen Scheune samt ehemaligen Pferdeboxen in der Münchinger Ortsmitte in der Ziegeleistraße Ende 2023 einschränken muss, so kann er seine Ziele doch weiter verfolgen: „Mich einigermaßen sinnvoll beschäftigen und meine Freude am Gestalten umsetzen und weitergeben“, sagt er und lacht. Beton, Holz wie alte Eichenbalken, Ton, Farbe wie Acryl: Gvido Esmanis mag ziemlich viele Materialien. Daraus entstehen Skulpturen, Stelen und Bilder, auf denen oft Pferde zu sehen sind, figurativ, abstrakt.
34 kreative Köpfe aus Münchingen
Und noch etwas ist dem 70-Jährigen trotz Veränderungen geblieben: Die Lust, Kunstschaffenden vor allem aus Münchingen eine Plattform zu bieten und den Ort für einen Tag in eine – wachsende – Kunstmeile zu verwandeln: Am Sonntag findet erneut der Kunsttag „Made in Münchingen“ statt. Alle zwei Jahre ist er. Das Publikum hat diesmal die Möglichkeit, in elf Lokalitäten im Ortskern mehr als 40 Kunstschaffenden über die Schulter zu schauen. Es sind überwiegend Freizeitkünstler, viele haben kein eigenes Atelier. 34 kreative Köpfe sind aus Münchingen. Die Stadt unterstützt das Unterfangen.
Gvido Esmanis sagt, er wolle „kontinuierlich Schätze aus Münchingen“ präsentieren, Menschen, die im Verborgenen Kunst machen. Die Werbetrommel rührt er kräftig. Unter anderem werden am Ende 30 000 Flyer verteilt sein. Er hofft auf mindestens 1000 Besucherinnen und Besucher, sagt Gvido Esmanis. Und auch, die Kunstszene sei ein ständiger Unruheherd, entwickele sich stets weiter, erfinde sich neu. „Neue Techniken, neue Darbietungsarten, neue Medien, neues Gedankengut. So wird es auch am Sonntag in Münchingen Neues zu bestaunen geben.“ „Etablierte bildende Kunst“ treffe auf experimentelle Farbenklänge, digitale Experimente, Lichtinstallationen, 3D-Kunst.
Zwei Kilometer lange Tour – ohne Gewächshaus
Erstmals stellt Magnus J. Großmann vom Verein Betzalel für Kunst, Spiritualität und Entwicklung in Münchingen die Werke seines jüngsten Kunstprojekts „Ebenbild“ vor. Sein Vater, der Diakon Walter Großmann, eröffnet nicht nur den Gottesdienst mit dem Titel „Hevenu Shalom Alechem – Sehnsucht nach Frieden“, bei dem es um die Suche nach Schalom in Bibel und Kunst geht. Er zeigt darüber hinaus im Johann-Friedrich-Flattich-Haus mit dem „Münchinger ABC“ Fotos aus Münchingen und Umgebung. In der Kirchgasse sind neben den beiden Großmanns fünf weitere Kunstschaffende zu finden. Aus Berlin reist Andrea Nagel an, was Gvido Esmanis ebenso freut wie dass Elisa Thiel wieder dabei ist: Bei ihr in der Butzengasse verschwimmt die Grenze zwischen Wohnen und Arbeiten, denn ihr nahezu komplettes Haus ist zugleich ihr Atelier.
Gvido Esmanis selbst zeigt, wie er sagt, lediglich einen kleinen Teil seiner Werke, und zwar in der Bürgerstube Lamm in der Markgröninger Straße. Die Tour durch Münchingen sei gut zwei Kilometer lang, so Esmanis, da wäre es zu viel des Guten, würde er die Besucherinnen und Besucher noch ins zwei Kilometer entfernte Industriegebiet, ins Gewächshaus schicken. Als der 70-Jährige noch in der Ziegeleistraße zuhause war, war das freilich anders.
„Alles ist erlaubt“
Der Eigentümer begründete die Kündigung mit dem Steuergesetz. Er habe „aus steuerrechtlichen Gründen keine andere Möglichkeit, das Anwesen der nächsten Generation weiterzugeben“, sagte Gvido Esmanis damals. Das Atelier gilt steuerrechtlich als Gewerbefläche, nicht als landwirtschaftliches Anwesen. Entsprechend anders sind auch die Konditionen, um es der nächsten Generation zu vermachen.
Wo auch immer die Kunstschaffenden am Sonntag zu sehen sind: „Ich freue mich auf die Vielfalt. Alles ist erlaubt“, sagt Gvido Esmanis in Bezug auf ihre Werke. Er selbst sieht sich nicht als Künstler: Weil er seinen Ansprüchen nicht gerecht werde, die er an einen Künstler stellt, bezeichnet sich der 70-Jährige als Freiwerker. Damit sei er frei vom Zwang, Kunst machen zu wollen. Was einen Künstler ausmache? Einen Touch an Genialität, meint Gvido Esmanis, für die Kunst zu leben, 100-prozentige Expertise zu haben.
Die Wünsche des Organisators
Am 8. September ist ebenfalls bundesweit der Tag des offenen Denkmals. Mit Ewald Gaukel und Walter Großmann sei es gelungen, den Aktionstag in den Kunsttag zu integrieren, sagt Gvido Esmanis: In der Johanneskirche steht die kostbare Steinmetzkunst in Epitaphien aus der Zeit des Münchinger Adels im Vordergrund. Die Führung beginnt um 17 Uhr.
Gvido Esmanis wünscht sich, dass der Kunsttag ein „Kommunikationssonntag“ wird. Ein Tag, an dem sich Menschen begegnen, ins Gespräch kommen, Freude empfinden. Mit der Übersichtskarte auf der Straße stehen – und gemeinsam die Lokalitäten, die Ateliers suchen.
Termin am Sonntag
Der Kunsttag „Made in Münchingen 4.0“ startet an diesem Sonntag, 8. September, um 10 Uhr mit dem Gottesdienst in der Johanneskirche. Um 11 Uhr öffnen die Ateliers und Einrichtungen. In der Bürgerstube Lamm gibt es ein Weißwurstfrühstück, von 14 Uhr an wird im Schloss Kaffee und Kuchen serviert. Weitere Infos im Netz auf: www.gvido-freiraum.de.