Der Schock nach dem Amoklauf am Freitag sitzt bei den Münchnern tief. Foto: Getty Images Europe

München nach dem Amoklauf: Eine Stadt wacht nur mühsam aus ihrem Albtraum auf – und aus der kollektiven Hysterie, zu der nicht zuletzt die sozialen Netze beigetragen haben.

München - Der Morgen danach in München. Trüb läuft er an, schleppend beginnt der Tag, ungewöhnliche Stille liegt über der Stadt. Die Polizei hat das nicht allein das riesige Olympia-Einkaufszentrum, sondern drumherum den gesamten Industrie- und Shoppingkomplex im Norden der Stadt weiträumig abgeriegelt; die U-Bahn fährt hier ohne Halt durch, Busse und Straßenbahnen sind umgeleitet. Allein oder in kleinen Gruppen kommen Menschen vorbei, Familien mit kleinen Kindern auch, um Blumen abzulegen. Sie irren herum, sie suchen geeignete Plätze, aber der Ort des Massakers selbst ist unzugänglich, und so liegen die Rosen, die Nelken, die Gerbera schier überall. Einen einzigen Mann lässt die Polizei kurz hinters Absperrband. Rote Rosen hat er dabei und ein groß ausgedrucktes Porträtfoto. Er weint.

Die Nacht des Chaos, der Angst, der öffentlichen Hysterie ist erst seit wenigen Stunden zu Ende. Das Aufatmen, zwischen zwei und drei Uhr morgens, als die Polizei Entwarnung gibt nach gut acht Stunden wortwörtlich flächendeckender Unsicherheit, ist geistig noch nicht verarbeitet genug, um entspannend wirken zu können. Drei Bewaffnete – bis zu drei Bewaffnete, mindestens drei Bewaffnete, je nach Version – sollen sich ja einen ganzen Abend lang frei durch die Stadt bewegt haben; Schießereien waren von mehreren Stellen gemeldet.

So etwas steckt man nicht in vier, fünf kurzen, oberflächlichen Schlafstunden weg. Das sitzt in den Knochen. Besonders bei jenen Tausenden, die an diesem Schreckensabend nicht mehr nach Hause kamen, die Unterschlupf in Anspruch nehmen mussten bei Fremden, aber solidarischen Mitbürgern, weil der gesamte Nahverkehr blockiert war und die Polizei bis Mitternacht “dringend” geraten hat, sich nicht auf öffentlichen Straßen sehen zu lassen.

Acht quälende Stunden Alarmzustand

Erst danach also, zwischen zwei und drei Uhr, haben die Behörden den Alarm abgeblasen. Es hat sich, beruhigt Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä, definitiv um die Attacke “eines Einzeltäters” gehandelt. Und der ist tot; er hat sich selbst erschossen. Am Samstag Vormittag liefern Andrä und die anderen Ermittler mehr Details nach – und sie tun es ausdrücklich, “als Kernbotschaft”, in einer zweiten Stufe der Entwarnung: “Keinerlei Anhaltspunkte” versichert Andrä, gebe es für Verbindungen des Täters zum so genannten Islamischen Staat. Außerdem hätten “Tat und Täter zum Thema Flüchtlinge überhaupt keinen Bezug.” Damit stellt sich das “Munich Massacre”, wie es Weltmedien zu diesem Zeitpunkt längst nennen, ganz anders dar als der erste Schrecken dieser Woche: das “Axt-Attentat” eines 17-jährigen afghanischen Flüchtlings im Regionalzug bei Würzburg.

Gleichwohl: Nach den ersten Erkenntnissen der Behörden hat auch der genauso junge Münchner Attentäter seinen Anschlag mit Vorsatz und besonderer Gründlichkeit geplant: S., der 18-jährige, in München geborene und aufgewachsene Deutsch-Iraner, hat sich irgendwo auf dem Schwarzmarkt eine “Glock” besorgt, Kaliber neun Millimeter, eine Pistole mit gelöschter Identifizierungsnummer, also illegal. In seinen roten Rucksack hat er mehr als 300 Schuss Munition gepackt. Und der Schüler hat zuvor das Facebook-Profil einer “Selina Akim” gehackt, um insbesondere junge Leute in den “Meggie”, den McDonald’s am Olympia-Einkaufszentrum, zu locken: “Ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer.”

Aber weshalb? Andrä und seine Leute schildern S. als einen Amok-Fanatiker. Als einen, der das Buch las “Amok im Kopf – Warum Schüler morden”. Als einen, der die entsprechende Bluttat von 2009 in einer Realschule von Winnenden bewundert hat. Als einen, der Zeitungsartikel zum Thema sammelte. Und als einen, der genau an dem Tag zur eigenen Tat schritt, als sich in Norwegen das Massaker des Anders Breivik zum fünften Mal jährte.

Orientierung an Anders Breivik?

Es gibt ein zunächst rätselhaftes Schlüssel-Video vom Münchner Freitag Abend. Auf dem Parkdeck des Einkaufszentrums liefern sich der Attentäter – das ist mittlerweile gesichert – und ein Anwohner ein Schreiduell. S. hatte im Schnellrestaurand da schon etliche Menschen erschossen. “Was machst’n für ‘an Scheiß?” brüllt der Anwohner: “Ein Wichser bist du!” Und S. schreit zurück: “Ich bin Deutscher, ich bin geboren in dieser Hartz-IV-Gegend hier. Ich war in stationärer Behandlung.” Dann noch was von “Mobbing, sieben Jahre lang.” Und dann fallen wieder Schüsse, wie zuvor schon im McDonalds und in den Fluren des Einkaufszentrums.

Ja, bestätigt Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch am Morgen danach: S. war “wegen einer Krankheit aus dem depressiven Formenkreis” in ärztlicher Behandlung; das passe schon ins Bild: “Es war ein klassischer Amoktäter ohne jegliche politische Motivation.” Und niemals ist er den Behörden, niemals auch den Hausnachbarn in der Maxvorstadt in irgendeiner Weise negativ aufgefallen. Wenn er – genauso wie der Axt-Attentäter von Würzburg oder der Amokläufer von Winnenden– überhaupt zuvor jemandem aufgefallen ist. Womöglich liegt darin ja auch das Problem.

Die geschockten Eltern könnten vielleicht Auskunft geben, aber “sie sind noch nicht in der Tiefe vernehmungsfähig, in der wir das brauchen”, sagt Bayerns Kripo-Präsident Robert Heimberger.

Neun Menschen hat S. erschossen, offenbar gezielt Jugendliche: acht waren zwischen 14 und 20 Jahre alt; hinzu kommen eine 45-jährige Frau und der Angreifer selber, der sich “mit einem aufgesetzten Schuss in den Kopf selber gerichtet” hat, wie Staatsanwalt Steinkraus-Koch sagt.

Problem soziale Netzwerke

Das war schon etwa zwei Stunden nach dem Beginn der Attacke; denn um 20.30 Uhr hatte man in einer Nebenstraße den Leichnam bereits gefunden. Warum also wurde bis nachts um zwei die “höchste Gefährdungsstufe” aufrechterhalten, die “akute Terrorlage”? Warum also die komplette, von der Polizei verfügte Blockade einer Millionenstadt am Auftakt zum Wochenende?

Die Erklärung, kurz und bündig, hat der vielleicht einzige geliefert, der in diesem entsetzten München die Ereignisse ruhig, souverän und überzeugend darstellte: Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. Er sagt: “Die sozialen Netzwerke sind ein großes Problem.”

Mit den ersten Twitter-Meldungen kurz nach 18 Uhr ging’s los: “Schüsse im Olympia-Einkaufszentrum!” Mit jeder Sekunde wurden die Meldungen zahlreicher, aufgeregter und spekulativer. Plötzlich wollte jemand eine Schießerei auf dem beliebten Karlsplatz, dem “Stachus” im Stadtzentrum, gehört haben – Polizeieinheiten brausten dorthin evakuierten gleich auch noch den nahegelegenen Hauptbahnhof. Dann kam der Marienplatz an die Twitter-Reihe, dann stand das Hofbräuhaus im Fokus; auf dem Flughafen soll es eine Geiselnahme gegeben haben. Alles erfunden, vielleicht nicht selbst, vielleicht nicht mit Absicht– “wehe, wenn doch!” sagt Martins – , aber alles aufgrund bloßen Hörensagens zu einer Tatsache ausformuliert. Gerüchte, die zu Lawinen wurden und eine Stadt unter sich begruben. Die die Polizei vermuten ließen, mehrere Täter seien – “mit Langwaffen” auch noch – auf Mordzug durch die Stadt, mal hier, mal dort. Gespenster am Ende, geboren im Kopf. Die meisten Verletzten, sagt Polizeichef Andrä, habe es auf den Nicht-Schauplätzen gegeben – verknackste Füße, vertretene Knie. Allein durch die Angst und den Schock.

Vor dem geschlossenen Einkaufszentrum

Am Morgen danach stehen sie wieder vor „ihrem“ bis auf weiteres geschlossenen Einkaufszentrum: Die Kassiererinnen vom Kaufhof, die „selber nicht gewusst“ haben, wohin laufen, als tausende von Menschen in Panik an ihnen vorbeistürmten. Die Verkäuferin, die ihren Mann „gepackt und ins Lager gezerrt“ hat: „Er wollte raus, er wollte stark sein, er ist halt so. Aber was tut man in der Notlage anderes, als Verwandte packen und in Sicherheit bringen?“

Da ist im schwarzen Kleid jene Polin, die “praktisch den ganzen Freitag” im Einkaufszentrum zugebracht – aber rechtzeitig gegangen ist: “Diese Welt ist nichts mehr für mich. Diese Jugendlichen da mit ihren dauernden Computer-Ballerspielen, den heruntergezogenen Rollladen und dem Fastfood-Fressen!” Da ist der kurdische Versicherungs-Angestellte Kurde Hassan N., der am Abend zuvor die Kinder schreien gehört, „alle die Leichen in ihrem Blut gesehen“ hat und nun seinen dreieinhalbjährigen Sohn eine Kerze anzünden lässt: „Warum müssen unschuldige Menschen sterben? Es hätte auch mein Kleiner sein können.“ Und als er aus dem Rudel der Fernsehteams, die das alles immer und immer wieder hören wollen, endlich ausbrechen kann, da geht Hassan N. zur Seite und weint.

Und da ist Amir, der Security-Mann im zweiten Einkaufszentrum. Er hat die Schüsse gehört. Er hat die Türen geschlossen „zur eigenen und zur allgemeinen Sicherheit“, er hat mehr als 100 Kunden im Keller versteckt, bis die Polizei ihnen freies Geleit gab. Amir hat jene Schwangere versorgt, die mit blutbespritzter Bluse in seinem Geschäft Zuflucht suchte: “Die hat so gezittert, ich hatte Angst, die verliert ihr Kind. Und daheim – meine Frau ist ja auch schwanger.”

Amir ist zwanzig Jahre alt, er spricht exzellentes Deutsch, und seine Biographie gleicht äußerlich dem des Würzburger Attentäters: Geflohen mit 14 Jahren aus Afghanistan, weite Strecken zu Fuß gelaufen über Iran, Türkei, Griechenland, Balkan, seit dreieinhalb Jahren in Deutschland: “Ich dachte, hier ist das Paradies.” Denkt er das heute auch noch? “Ja schon”, sagt Amir: “Ich hab hier alles bekommen, jetzt will ich was zurückgeben. Ich hätte ja auch davonlaufen können gestern Abend.”

Für Münchens Polizei nur Lob

Trotz des Durcheinanders, der quälenden Unübersichtlichkeit und dem Zustand einer Art Geiselnahme, in dem sich die Stadt am Freitag über acht lange Stunden befand: Der Vielfronten-Einsatz, das Krisen- und auch das Kommunikations-Management der Münchner Polizei gelten als hervorragend. Vergessen die Zeiten, in denen die Bayern – bei Protesten gegen einen Weltwirtschaftsgipfel zum Beispiel – besonders brutal “zug’langt” haben. Kein Shitstorm im Internet. Nur Applaus. “Vertraut uns – und lasst uns unsere Arbeit machen!”, hat Sprecher Marcus da Gloria Martins am Freitag Abend auf allen verfügbaren Kanälen vom Publikum verlangt. Der 43jährige frühere Chef der Münchner Verkehrspolizei selber ist wegen seines immer gelassenen und souveränen Auftretens längst zum Star in jenen sozialen Netzen geworden, die er als Problem bezeichnet. Er war das kurzzeitig schon mal: als er mitten in der Silvesternacht die Räumung des Münchner Hauptbahnhofs erklären musste. Ein Fehlalarm, wie sich bald herausgestellt hat, aber so überzeugend kommuniziert, dass dies nur Bewunderung erregte.

Der Tag danach, das ist auch der Tag der Politiker, die – wie Horst Seehofer zuerst und Angela Merkel danach – verurteilen, Mitgefühl ausdrücken mit den Opfern und allen anderen, “weil es jeden von uns hätte treffen können”, die “intensive Aufklärung” versprechen und in vollen Händen Dank ausgießen über “die hervorragende Polizei”, die mit 2300 Mann den größten deutschen Terroreinsatz bisher gestemmt hat und die “besonnen gebliebenen, solidarischen” Münchner Bürger.

Fall erledigt? “Es gibt keine Sicherheitsbedenken mehr”, sagt Polizeichef Hubertus Andrä: “Auch gegen das Veranstalten und gegen das Besuchen von Festen nicht –es sei denn, man ließe es aus Pietätsgründen sein.” In München sind viele Feste abgesagt; die bayerische Staatsregierung will – jedenfalls bis zum parlamentarischen Trauerakt am kommenden Freitag – keine Vertreter zu irgendwelchen sommerlichen Großbesäufnissen im Land schicken. Eine Verkäuferin vor dem Olympia-Einkaufszentrum sagt am Samstag Morgen: “Ach ja, heute ist zu. Morgen ist Sonntag, und am Montag wird alles wieder ganz normal.”

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