Quartiersmanagerin Julia Gruber (rechts) erklärt den Mietern gern, was in die braune Tonne darf und was nicht. Foto: Roberto Bulgrin

In großen Wohnanlagen finden sich im Biomüll zu viele Fremdstoffe. Das erschwert die Kompostierung und verteuert die Entsorgung. Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises und die Esslinger Wohnungsbau (EWB) wollen die Sammlung in einem Quartier mit 131 Wohnungen beispielhaft verbessern.

Schon ein flüchtiger Blick im Vorbeigehen offenbart, dass hier beim Befüllen etwas falsch läuft. Julia Gruber zeigt auf eine Plastiktüte mit Windeln zwischen Küchenabfällen und verwelkten Blumen. „Das gehört einfach nicht in die Biotonne“, sagt die Quartiersmanagerin kopfschüttelnd. „Aber viele Bewohner wissen es einfach nicht besser und tun sich schwer mit der richtigen Mülltrennung.“

 

Gerade in großen Wohnanlagen wie jener in der Esslinger Pliensauvorstadt zwischen Hedelfinger, Karl-Pfaff- und Stuttgarter Straße gibt es bei der Müllsammlung ein gravierendes Problem – in den Biotonnen landet häufig Material, das überhaupt nicht bio ist. Kaffeekapseln, Konservendosen, Obstnetze und Zigarettenschachteln zum Beispiel. Das erschwert und verteuert die Entsorgung. Die Biomüllqualität zu verbessern, ist deshalb Ziel eines gemeinsamen Projektes des Abfallwirtschaftsbetriebes des Landkreises Esslingen (AWB) und dem Unternehmen Esslinger Wohnungsbau (EWB).

Information ist alles

In dem Quartier mit 131 Wohnungen will man ein Jahr lang Erfahrungen sammeln, in welchem Umfang sich die Abfallzusammensetzung in den nächsten Monaten verändert, wenn die Bewohner gezielt darüber informiert werden, was in die braune Tonne darf und was nicht. Der Auftakt ist gemacht: An alle Haushalte wurden Vorsortierbehälter und Flyer verteilt, die Müllplätze sind neu gestaltet und mit plakativen Trennanleitungen beklebt. „Jetzt müssen wir dranbleiben“, sagt Julia Gruber, die regelmäßig in die Biotonnen an den vier Standplätzen im Quartier schauen und die Mieter zum Mitmachen motivieren will.

Grundsätzlich, sagt AWB-Chef Manfred Kopp, geht die Mülltrennung schon in die richtige Richtung. Zu Beginn der Biomüllsammlung im Jahr 2015 kamen im Kreis Esslingen 36 400 Tonnen zusammen, seither stieg die Menge kontinuierlich auf 40 700 Tonnen im vergangenen Jahr an. Das entspricht rein rechnerisch einer Menge von 76 Kilo Biomüll pro Einwohner – und damit liegt der Kreis weit über dem Landesdurchschnitt von 58 Kilo. Dennoch könnte es mehr sein, meint Manfred Kopp. Und vor allem: Es ginge auch noch qualitativ besser. Denn: „Biomüll ist ein wichtiger Rohstoff.“

Kompostierung erschwert

Der Biomüll aus dem Kreis Esslingen, wo insgesamt rund 97 500 braune Tonnen stehen, wird zusammen mit dem Biomüll aus dem Kreis Böblingen im Kompostwerk in Kirchheim in einem sechs- bis achtwöchigen Verrottungsprozess zu einem hochwertigen Produkt verarbeitet. Der fertige Kompost – laut Kopp werden jährlich zwischen 15 000 und 18 000 Tonnen produziert – wird nach der Aufbereitung unter anderem in der Landwirtschaft eingesetzt. Doch das, was angeliefert wird, ist nicht frei von sogenannten Störstoffen. Neben Metallen, Steinen und Glas sind das vor allem Plastiktüten.

„Kunststoffe gehören nicht in die Biotonne“, sagt der Geschäftsführer des AWB in aller Deutlichkeit. Das gilt auch für die als kompostierbar gekennzeichneten Biokunststoffbeutel, wie sie in vielen Super- und Drogeriemärkten verkauft werden. Aufgrund ihrer langen Verrottungszeiten können sie im Kompostwerk nämlich nicht vollständig abgebaut werden und müssen aus dem Kompost aufwendig herausgesiebt werden. Laut Kopp fallen so rund 230 Tonnen Kunststoffe pro Jahr in Kirchheim an.

Gemessen an der Gesamtmenge des Biomülls sei das zwar ein sehr geringer Anteil, meint Manfred Kopp. Doch künftig gelten laut Gesetz Obergrenzen für den Kunststoffanteil im Biomüll: Bioabfälle aus der Biotonne dürfen vor der Behandlung demnach nur noch maximal ein Prozent Kunststoffe enthalten. Die Aufgabe der Kompostierer wird daher sein, den angelieferten Bioabfall noch genauer zu prüfen.

Die Initiative des AWB und der Esslinger Wohnungsbau wird durch das Land Baden-Württemberg gefördert. Das Umweltministerium ermutigt Abfallwirtschaftsbetriebe und Hausverwaltungen ausdrücklich, eigene Aktionen zu starten und verweist auf die Ergebnisse eines Modellprojekts: Im Jahr 2019 wurde in Stuttgart, Heilbronn und Karlsruhe exemplarisch erprobt, wie in großen Wohnanlagen Bioabfälle leichter und sauberer erfasst werden können.

Weniger Fehlwürfe

Nach Einschätzung des städtischen Eigenbetriebes Abfallwirtschaft Stuttgart war der Testlauf im Cannstatter Wohngebiet Vatikan positiv verlaufen: „Der Bioabfall war von guter Qualität und wies keine Fehlwürfe auf“, sagt eine Sprecherin der Stadtverwaltung. „Im Verlauf des Projekts konnte eine leichte Mengenzunahme des über die Biotonne entsorgten Bioabfalls verzeichnet werden.“ Als positiv habe sich vor allem die direkte Ansprache der Bewohner erwiesen.

Auch Julia Gruber von der EWB setzt in der Esslinger Pliensauvorstadt auf den Dialog mit den Mietern. „Wir wollen dabei nicht belehren, sondern aufklären und sensibilisieren.“ Sie weiß aber auch: „Wir brauchen Geduld.“

Biotonne richtig nutzen

Verpflichtend
 Seit dem 1. Januar 2015 müssen Bioabfälle flächendeckend getrennt gesammelt werden. Das verlangt das Kreislaufwirtschaftsgesetz von den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern. Die Bundesregierung hat jüngst die Bioabfallverordnung überarbeitet und erstmals Grenzwerte für den Plastikanteil im Bioabfall eingeführt.

Erwünscht
  In die Biotonne dürfen laut dem AWB zum Beispiel nur Küchenabfälle wie Gemüse-, Obst- und Salatreste, Süd- und Zitrusfrüchte, feste Speisereste wie Brot, Nudeln und Kartoffeln in Kleinmengen, reiner Kaffeesatz, Teereste mit Filter und Beutel, Haushaltspapier und Eierkartons, verwelkte Blumen, Pflanzenreste, Laub und Grasschnitt.

Verboten
 Nicht in die Biotonne gehören Plastikbeutel (auch keine biologisch abbaubaren), flüssige Speisereste wie Suppe, Speiseöle und Fette, Knochen, Zigarettenkippen, Gummi und Textilien, Leder, Medikamente, Kosmetika,Glas und Porzellan, Dosen, Straßenkehricht, Staubsaugerbeutel, Haustierstreu, Windeln und Hygieneartikel.