Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises Esslingen verspricht sich von den elektronischen Helfern viele Vorteile. Warum die „Tonnen-Erkennung“ nötig ist – und was dagegen spricht.
Die Gebührenmarke an der Mülltonne könnte bald Vergangenheit sein. Die Zukunft gehört dem Mikrochip. Davon ist Michael Potthast, der Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsbetriebes (AWB), überzeugt. Er schlägt deshalb die Einführung eines solchen Behälter-Ident-Systems bei der Abfallsammlung im Kreis Esslingen vor. Damit könne die Arbeit der beauftragten Entsorgungsunternehmen besser kontrolliert werden – und auch die Kunden würden profitieren.
Beschwerden über „vergessene“ Restmüll-, Bio- und Papiertonnen gehen zuhauf beim AWB ein. Die Crux: Die Reklamationen lassen sich kaum stichhaltig prüfen. „Wir können zwar dank GPS die Routen der Müllfahrzeuge nachverfolgen, wissen aber nicht, ob ein Behälter tatsächlich auch geleert wurde“, räumte Potthast jüngst im Betriebsausschuss des Esslinger Kreistages ein.
Gebührenmarke auf der Mülltonne nicht mehr zeitgemäß
Das bisherige System mit der Gebührenmarke sei aus verschiedenen Grünen nicht ideal, erläuterte der AWB-Chef. Nicht selten stünden Tonnen am Straßenrand, die häufiger als angemeldet zur Sammlung herausgestellt werden oder die gar nicht registriert, also auch nicht bezahlt seien. Mitunter seien die verwitterten Aufkleber auch nicht mehr lesbar oder irgendwann unbemerkt abgefallen. Bis zu fünf Prozent der Mülltonnen werden laut Potthast unberechtigterweise geleert – bis zu 3500 Tonnen Restabfall pro Jahr müsste so teuer im Müllheizkraftwerk Stuttgart entsorgt werden.
„Ein intelligenter Abfallbehälter kann zur mehr Kostengerechtigkeit beitragen“, betonte Potthast. Mit dem Identifikationssystem würden die Leerungen der insgesamt fast 330 000 Restmüll-, Bioabfall- und Papiertonnen exakt elektronisch gezählt. Wer die Tonne nicht ausstellt, weil sie nur halb voll ist, muss die Leerung auch nicht zahlen. Die Daten fließen dann in die Berechnung der Abfallgebühr mit ein. „Auf diese Weise können Einwohner, die wenig Abfall erzeugen und ordentlich trennen, finanziell belohnt werden.“
Möglich wäre es auch, falsch befüllte Behälter zu dokumentieren – und so gezielte Aufklärungsarbeit zu leisten. Nicht registrierte Tonnen könnten künftig schneller erkannt werden, zählte der AWB-Chef weitere Vorteile der digitalen Müllabfuhr auf. Und auch, wenn die eigene Mülltonne mal gestohlen wird, was tatsächlich gelegentlich vorkomme, könne die Technik helfen. Potthast benannte aber auch die Nachteile: Neben den enormen Kosten für die Nachrüstung der Behälter mit den Chips sei das vor allem ein wachsendes Risiko, dass Müll auf illegale Weise entsorgt werde, wenn man Schlupflöcher schließe.
Esslingen eher Schlusslicht bei Einführung der digitalen Technik
Der kreisrunde Chip in der Größe eines Zwei-Euro-Stückes wird in der Schüttkante des Sammelbehälters befestigt. Der kleine Transponder hat eine Identifikationsnummer gespeichert, die exakt einem Grundstück zugeordnet ist. Beim Leeren der Tonne erfasst ein Lesegerät am Müllfahrzeug die Nummer, diese wird zusammen mit Datum und Uhrzeit im Bordcomputer gespeichert. Solche elektronischen Helfer seien schon seit über 20 Jahren im Einsatz, so Potthast. 75 Prozent der Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg würden sie bereits nutzen. „Wir sind da eher Schlusslicht.“
Dem AWB-Chef zufolge wäre ein realistischer Zeitpunkt für die Einführung der Tonnen-Erkennung frühestens zu Beginn des Jahres 2029. Im kommenden Jahr wolle man ein entsprechendes Konzept erarbeiten, 2027 finden dann turnusgemäß die ersten Ausschreibungen statt, kündigte Potthast an. Den Grundsatzbeschluss soll der Kreistag Ende nächsten Jahres verabschieden.