Ein Warnhinweis für Radfahrer: Der Aufkleber soll Unfälle beim Rechtsabbiegen verhindern helfen. Foto: factum/

Der Abfallwirtschaftsbetrieb rüstet auf, um Unfälle mit Müllwagen zu vermeiden – nachdem vor drei Jahren in Waldenbuch ein Senior ums Leben kam. Im Kreis sind 1800 Straßen untersucht worden, damit Rückwärtsfahrten sicherer werden.

Böblingen - Er fährt wieder, aber nur spezielle Touren: Langsam ist der 59 Jahre alte Mitarbeiter des kreiseigenen Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) in Böblingen an seine alte Tätigkeit herangeführt worden. Im November 2016 hatte er beim Rückwärtsfahren mit dem Müllwagen in Waldenbuch einen 84 Jahre alten Mann überfahren. „Das war für alle Fahrer ein Weckschrei“, sagt Joachim Predl, der Leiter des Betriebshofs. Seither ist der AWB damit beschäftigt, den Arbeitsschutz für die Lastwagenfahrer zu verbessern und damit auch den Schutz von Fußgängern und Fahrradfahrern. Die neueste Aktion ist ein Aufkleber, der auf den toten Winkel des Müllwagenfahrers hinweist. Außerdem sind sämtliche Straßen des Kreises auf Gefahren beim Rückwärtsfahren untersucht worden. Und das Unternehmen investiert in Sicherheitstechnik.

Unfälle beim Abbiegen sind oft tödlich

Bundesweit sind im vergangenen Jahr nach einer Statistik des Fahrradclubs ADFC 34 Radfahrer bei Abbiegeunfällen mit Lastwagen ums Leben gekommen. Lukas Müller hat auch schon brenzlige Situationen erlebt. „Ich schaue beim Abbiegen nach rechts in den Spiegel, sehe niemand – und plötzlich ist ein Radfahrer da“, sagt der AWB-Müllwagenfahrer. „Achtung: toter Winkel“ steht deshalb auf dem Aufkleber, der hinten rechts auf die Lastwagen geklebt wird und Fahrradfahrer warnen soll. „Passiert ist bisher nichts, aber ein paar Mal bin ich erschrocken“, erzählt der 30-Jährige. Über drei Spiegel kann er nach hinten schauen, ein Bildschirm zeigt, was die Kamera am Heck filmt. Wenn Lukas Müller mit einem der beiden neuen Müllwagen unterwegs ist, fühlt er sich am sichersten: Die Fahrzeuge sind mit Sensoren an der rechten Seite ausgestattet und geben ein Lichtsignal, wenn sich dort jemand aufhält. „Das ist eine Erleichterung“, sagt er.

Die nächsten vier neuen Müllfahrzeuge werden im Herbst ausgeliefert, dann sind immerhin sechs der 34 Lastwagen mit dem Sensor ausgestattet. Nachrüsten sei schwierig, sagt Wolfgang Bagin, der AWB-Geschäftsführer. Dennoch hat der Betriebshof derzeit drei verschiedene Modelle in weiteren Fahrzeugen installiert, um sie zu testen. Vom Jahr 2022 an werden die Abbiegeassistenten EU-weit zur Pflicht. „Wir machen es schon vorher freiwillig“, sagt Wolfgang Bagin. Sobald die entsprechende Technik auf dem Markt ist, solle der gesamte Fuhrpark des Abfallwirtschaftsbetriebs nachgerüstet werden.

Engestellenfahrzeug bereits gekauft

Parallel dazu läuft die vor zwei Jahren gestartete Analyse von mehr als 1800 für die AWB-Mitarbeiter kritischen Straßen im Kreis Böblingen. Sie soll im Dezember abgeschlossen sein. Ein Ingenieurbüro hat eine Gefährdungsbeurteilung erstellt, der AWB arbeitet momentan das Ergebnis ab. „Es ist ein relativ großer Aufwand“, berichtet Joachim Predl. Jede problematische Stelle werde dafür eigens mit einem Müllfahrzeug befahren, mit den Kommunen bespricht er mögliche Maßnahmen. Eine Empfehlung des Ingenieurbüros ist der AWB bereits gefolgt: Vor einem Jahr wurde ein Engstellenfahrzeug gekauft, das beispielsweise in der Herrenberger Altstadt im Einsatz ist. Es ist drei Meter kürzer und 20 Zentimeter schmaler und kann nur fünf statt 11,5 Tonnen laden. Seine Wirtschaftlichkeit für den Betrieb ist damit allerdings auch um die Hälfte reduziert. Dass manche Kreisbewohner ihre Mülltonnen bald an eine Sammelstelle schieben müssen, „wird nicht vermeidbar sein“, sagt der Betriebshofleiter.

Von seinen Fahrern verlangt der AWB jedenfalls nicht, in gefährliche Straßen hineinzufahren. Denn bei Unfällen haftet der Mitarbeiter persönlich. Wenn er sich nicht an alle Regeln hält, zahlt die Versicherung nicht. Der 59-jährige Kollege, der für den Tod des Rentners in Waldenbuch verantwortlich war, wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Ein Jahr lang arbeitete er danach nur als Lader – nach 15 Jahren hinterm Steuer. Mittlerweile sammelt er im Reklamationsfahrzeug den bei den normalen Touren vergessenen Müll ein.

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