Erstmals kann die Mückenbelastung in Deutschland geschätzt werden. Nach dem Hochwasser wird erwartet, dass sie massiv ansteigen. Was hilft gegen die aggressiven kleinen Stecher?
Das Hochwasser vom Wochenende liefert ideale Bedingungen für Stechmücken. Wie viele es sind, kann keiner zählen. Die Belastung hängt stark vom Wetter ab, das sich häufig und schnell ändert. Auch die Zahl der Mückenstiche wird von niemandem erfasst. Doch Geräte zur Behandlung der Stiche werden digital – und „Heat it“ vom Karlsruher Startup Kamedi kann zählen, wie oft sein per App gesteuerter Smartphone-Aufsatz zum Einsatz kommt.
500 000 Geräte wurden in Deutschland verkauft, vergangene Woche seien damit rund 200 000 Stiche behandelt worden, berichtet der Gründer Lukas Liedtke. Weil bei Regen kaum jemand draußen ist, liegen die Behandlungszahlen derzeit unter denen vom Vorjahr. Typischerweise steigen sie Anfang Juni aber massiv an und bleiben bis Mitte September hoch. Deshalb stellen sich jetzt Fragen zum Mückensommer 2024.
Wie schätzen Experten die Mückenbelastung derzeit ein?
„Das Mückenvorkommen ist aktuell völlig normal“, sagt Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). In den letzten, sehr trockenen Sommern seien weniger Mücken aktiv gewesen. 2024 gebe es infolge hoher Temperaturen und häufiger Regengüsse wieder mehr Mücken. Das Augenmerk liegt aktuell auf den Überflutungsgebieten.
Infolge des Dauerregens sei „mit einem erhöhten Mückenaufkommen zu rechnen“, sagt der Parasitologe Helge Kampen – insbesondere „wenn das Wasser zurückgeht und sich kleinere Wasserflächen bilden“. Davor warnte Ende Mai bereits das saarländische Gesundheitsministerium.
Überflutungsmücken und Tigermücken sind besonders auffällig und nervig. Doreen Werner bezeichnet sie als „kleine Kamikazeflieger“. Ihr penetrantes Anflugverhalten sei aber natürlich, es handle sich um „aggressive kleine Stecher“ – deren Stiche in Einzelfällen gefährlich werden können.
Sind Stiche einfach nur nervig?
Einzelne Stiche, auch viele Stiche nach einem lauschigen Abend, sind harmlos. Gefährlich wird es, wenn beim Kratzen etwa Keime oder Bakterien in den Körper gelangen. Dazu kommt ein Infektionsrisiko durch den Mückenstich selbst. Invasive Arten wie die Asiatische Tigermücke können tropentypische Krankheiten wie das Dengue- oder Chikungunya-Fieber übertragen. Das Robert-Koch-Institut warnt zudem vor Tropenkrankheiten, die auch von heimischen Mücken übertragen werden können.
Dass sich Menschen in Deutschland beim Stich infizieren, kommt bislang sehr selten vor – weil sich die Mücken erst selbst anstecken müssen, etwa bei Reiserückkehrern. Das Risiko, durch einen Mückenstich infiziert zu werden, ist dennoch nicht gleich Null – „und es könnte mit dem Klimawandel zunehmen“, sagt Helge Kampen. Wichtig sei es, das Vorkommen und die Verbreitung der Stechmücken zu beobachten und sie gegebenenfalls zu bekämpfen.
Wie wird die Ausbreitung der Mücken untersucht?
Ein wichtiges Instrument ist der Mückenatlas – ein Citizen-Science-Projekt, also Wissenschaft mit Bürgerbeteiligung. Jedermann kann Stechmücken einfangen und per Post an das Forschungsinstitut ZALF in Müncheberg senden. Dort wird von Experten die Mückenart bestimmt. Jeder Mückenjäger bekommt eine persönliche Antwort mit Informationen zum eingesendeten Tier, Kinder erhalten sogar eine Mückenjäger-Urkunde.
Das Projekt leistet neben Bildung und Aufklärung einen wichtigen Beitrag zur Forschung. Mit den gesammelten Daten modellieren die Forscher die mögliche zukünftige Verbreitung verschiedener Mückenarten. Zudem untersuchen sie die eingesendeten Tiere im Labor. Davon erhoffen sie sich Erkenntnisse für den Infektionsschutz gegen mückenübertragbare Erkrankungen.
Wie erkenne ich Stechmücken?
Es gibt drei blutsaugende Mückenfamilien in Deutschland: Kriebelmücken, Gnitzen und Stechmücken. Kriebelmücken sehen kleinen Fliegen ähnlich, Gnitzen sind so vielfältig wie unauffällig. Diese beiden Familien beißen in die Haut und reißen sie auf, ein Blutstropfen kann sich an der Einstichstelle zeigen. Die Symptome sind teils andere als beim Mückenstich. Stechmücken nehmen das Blut über einen Stechrüssel auf. Er ist ihr wichtigstes Erkennungsmerkmal.
Wie kann ich mich vor Mückenstichen schützen?
Dafür muss man die Brutplätze der Stechmücken möglichst regelmäßig beseitigen. Da die Mücken ihre Eier bevorzugt auf der Wasseroberfläche stehender Wasserbehälter ablegen, sollte man diese im Hochsommer einmal pro Woche komplett entleeren. Insektenschutzgitter für die Fenster verhindern, dass Mücken in die Wohnung gelangen. Im Sommer sollte man abends im Freien lange Kleidung tragen oder Moskitospiralen einsetzen. Sie setzen beim Abbrennen Duftstoffe frei, die Mücken fernhalten – ähnlich wie auf die Haut aufgetragenes Mückenspray.
Wer gestochen wurde, sollte die Einstichstelle kühlen – das lindert die Schwellung. Die alternative Behandlung mit Wärme schaltet die von der Mücke injizierten Proteine und damit den Juckreiz aus. Kratzen wird wegen Infektionsgefahr bei der Wunde nicht empfohlen.
Mücken und ihre Stiche oder Bisse zählen zu den weniger angenehmen, aber immer wiederkehrenden Erscheinungen des Sommers. Möglich, dass der Sommer 2024 in dieser Hinsicht besonders unangenehm wird. In den Heat-it-Zahlen von Lukas Liedtke wird man es erkennen.
Mücken sind nicht nur Plagegeister
Ökologie
Mücken sind wichtiger Teil natürlicher Nahrungsnetze. Sie sind Nahrungsquelle für Fische, Reptilien, Amphibien, Vögel und Fledermäuse. Ihre Entwicklung ist abhängig von feuchten Lebensräumen. Die Larven säubern ihre Gewässer, indem sie Abfall organischen Materials aus dem Wasser filtern. Mücken übernehmen neben Bienen und Hummeln eine ebenso wichtige Rolle als Bestäuber.