Mückenbekämpfung am Rhein Foto: dpa/Rolf Haid

Nach dem Hochwasser wird in Teilen Baden-Württembergs eine Mückenplage erwartet. Was das bedeutet und wie man die Insekten bekämpft, erklärt der Mückenforscher Helge Kampen.

Helge Kampen erforscht, wie sich Mücken ausbreiten und welche Krankheiten sie übertragen.

 

Herr Kampen, gibt es immer mehr Stechmücken in Deutschland?

Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Daten. Von dem allgemeinen Rückgang der Insektenzahlen infolge der Umweltzerstörung sind die Mücken allerdings prinzipiell nicht betroffen. Häufig vorkommende Arten wie die Gemeine Hausmücke entwickeln sich auch in Gärten, Wassereimern oder Regentonnen und finden somit genügend Brutplätze.

Wieso kommt es manchen dennoch so vor, als nehme die Zahl der Mücken zu?

Das hat viel mit persönlichem Empfinden zu tun. Es gibt Menschen, die werden öfter gestochen. Sie geben über ihren Schweiß eine für Mücken attraktive Duftnote ab, die mit der Ernährung und der Hautflora zu tun haben kann. Außerdem tendiert man dazu, zu vergessen, wie die Situation im letzten Jahr war.

Gibt es Mückenarten, auf deren Stiche unsere Haut besonders stark reagiert?

Mücken geben beim Stechen Speichel in die Haut ab. Darin sind viele bioaktive Moleküle enthalten, auf die jeder Mensch unterschiedlich reagiert – mal weniger, mal mehr. Wie stark die Reaktion ausfällt kann sich auch im Laufe des Lebens ändern.

Helge Kampen Foto: FLI/Wolfram Maginot

Begünstigen wir Mückenstiche auch durch unsere Lebensweise?

Wer sich viel im Freien auffällt, ist natürlich mehr exponiert. In vielfältig und natürlich gestalteten Gärten leben auch mehr Mücken. Die 52 Mückenarten in Deutschland bevorzugen unterschiedliche Brutplätze und Blutwirte. Ob man häufig gestochen wird, hängt also auch von den lokal vorkommenden Mückenarten ab. Die Asiatische Tigermücke zum Beispiel ist besonders aggressiv und sticht auch tagsüber.

Diese invasive Art breitet sich vor allem in Baden-Württemberg aus. Haben wir hier ein größeres Risiko, gestochen zu werden?

Ja, sicher. Vor allem am sehr warmen Oberrhein fühlt sich die Asiatische Tigermücke besonders wohl. Die Tiere werden meist aus Italien eingeschleppt, wo sie schon fast überall vorkommen. Sie sind so aggressiv, dass sie den Menschen ins Auto hinterherfliegen. Untersuchungen an Autobahnraststätten zeigen, dass die A5 als Hauptverkehrsachse eine wichtige Rolle spielt. An Raststätten in der Region Freiburg werden besonders viele Tigermückeneier nachgewiesen.

Wie schätzen sie das Risiko ein, durch einen Mückenstich mit Dengue-Fieber infiziert zu werden?

Die Mücken müssen sich erst selbst anstecken, beispielsweise bei infizierten Reiserückkehrern aus tropischen Gebieten. Diese sind bislang sehr selten, pro Jahr kommen etwa 1000 Menschen mit einer Dengue-Infektion zurück nach Deutschland. Das Infektionsrisiko ist also sehr gering, aber nicht gleich null. Und es könnte mit dem Klimawandel zunehmen. Er verbessert die Lebensbedingungen der Mücken. Die Tigermücke breitet sich aber nicht aktiv in Deutschland aus, sondern wird vom Menschen verschleppt. Noch sind die Populationen relativ lokal und stabil. Das kann man dadurch steuern, indem man die Mücke lokal bekämpft.

Passiert das überhaupt?

Es gibt leider in Deutschland keine gesetzlichen Vorschriften, dass die Tigermücke bekämpft werden muss. Das ist nach dem Infektionsschutzgesetz erst vorgeschrieben, wenn eine Übertragung von Krankheitserregern nachgewiesen wurde. 2020 ist ein Mensch am West-Nil-Virus gestorben. Doch bekämpft wurde damals nicht. Der Druck aus der Bevölkerung oder Politik ist nicht groß genug.

Das Problem ist zudem, dass wir die Larven zwar ganz gut bekämpfen können, so wie die der Tigermücke am Oberrhein durch die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS). Das West-Nil-Virus wird aber von der viel häufiger vorkommenden Gemeinen Hausmücke übertragen. Da müsste man auch die stechenden Weibchen bekämpfen, die unter Dächern oder in der Vegetation sitzen. Gegen sie gibt es nur unspezifisch wirkende Mittel, die gleichzeitig die ganze Insektenwelt in Mitleidenschaft ziehen würden. Deshalb will man das nicht machen und dürfte es auch nur mit Sondergenehmigung.

Gab es in Deutschland bereits Mückenplagen?

Es gibt dafür keine einheitliche Definition. In den Rheinauen hätte man ohne die Maßnahmen der KABS aber sicherlich eine extreme Belastung. Nach einem Hochwasser schlüpfen da alle Larven der sogenannten Überschwemmungsarten gleichzeitig, und dann hat man plötzlich Milliarden von Mücken. Der Mensch siedelt nun mal in natürlichen Räumen. Wer dort wohnt, muss auch mit solchen Problemen rechnen.

Mückenexperte aus Greifswald

Vita
Helge Kampen ist ein Parasitologe. Seit 2008 arbeitet er am Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald, wo er das Labor für Medizinische Entomologie leitet. An der Uni Greifswald hat er eine Professor inne. Er forscht schwerpunktmäßig zur Verbreitung, Ökologie und Rolle von Mücken als Krankheitserregern. Kampen promovierte an der Uni Bonn, wo er anschließend mehrere Stellen innehatte und sich 2006 habilitierte.