Muammar al-Gaddafi herrscht seit 41 Jahren über Libyen. Nun wankt sein Regime.

Tripolis - Große Herrscher legen bei ihren öffentlichen Auftritten Wert auf die Inszenierung, darauf, ins rechte Licht gerückt zu werden. Auch Muammar al-Gaddafi. Im September 2009, bei den Feiern zum 40. Jahrestag der libyschen Revolution, zeigt sich der Oberst in einer operettenhaften hellblauen Uniform mit Kordeln und Orden. Ein eindrucksvoller Anblick von einem imposanten Mann auf dem Höhepunkt seiner Macht. Dann ein Auftritt, wie er erbärmlicher kaum sein kann: Gaddafi sitzt in einem beigen Fahrzeug mit offener Tür, hält einen weißen Regenschirm in die Höhe und blickt entrückt in die Kamera, um diese Sätze zu sagen: "Ich bin in Tripolis, nicht in Venezuela. Hört nicht auf die Ansagen der streunenden Hunde!" Und der 68-Jährige mit einer Fellmütze auf dem Kopf murmelt durch die Autotür, er habe mit den protestierenden Jugendlichen in Tripolis reden wollen, aber dann habe es angefangen zu regnen. Es wirkt wie ein Comedy-Sketch. Wo die Bilder entstanden, bleibt unklar.

Es ist ein surrealer Auftritt, der Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Revolutionsführers nährt. Gut möglich, dass sich deswegen wenige Stunden zuvor Saif al-Islam, das sanfte Gesicht des Gaddafi-Clans, aufgerufen sah, vor die Kameras zu treten. Der 38-Jährige bangt um das Regime - und in der Nacht zum Montag hält er eine Fernsehansprache, in der er alle Register zieht: Er versucht, den Libyern Angst zu machen. Er behauptet, die Aufständischen seien alle militante Islamisten. Und er droht mit Bürgerkrieg. Es ist eine Rede, die die ganze Verzweiflung des Gaddafi-Clans zu Ausdruck bringt. Gaddafi gilt selbst im engsten Familienkreis nicht mehr als präsentabel. Nach Tunesien und Ägypten scheint nun Libyen als nächster Stein im großen arabischen Dominospiel zu fallen.

Gaddafis wilder Zickzackkurs

Gaddafi ist der mit Abstand schrillste unter den arabischen Herrschern - und der dienstälteste. Der Staatschef gilt als neurotisch und aufbrausend, er misstraut fast jedem und verlässt sich am liebsten auf die eigene Familie. Gaddafi zeigt sich später nochmals im Fernsehen - mit einem Wutausbruch: "Ich werde als Märtyrer sterben wie meine Großväter".

Der Westen hat sich freilich mit ihm abgefunden, er hat dessen Eskapaden, so gut es eben ging, ignoriert. Man wollte es sich mit dem Herrn über den unermesslichen Ölreichtum nicht verderben. Die frühere französische Menschenrechtsministerin Rama Yade hat die westliche Annäherung allerdings nie mitmachen wollen - und die aktuellen Ereignisse geben ihr recht. Sie zeigte Courage, als sie 2007 während eines Paris-Besuchs des libyschen Revolutionsführers Klartext sprach: "Oberst Gaddafi muss verstehen, dass unser Land kein Fußabtreter ist, auf dem sich ein Staatsführer, ob Terrorist oder nicht, das Blut seiner Untaten abstreifen kann."

2009, anlässlich der 40-Jahr-Jubiläums in Libyen, gab es zudem warnende Stimmen der in Großbritannien beheimateten libyschen Opposition, doch sie wurde ebenfalls kaum ernst genommen. Sie gab Gaddafi die Verantwortung dafür, dass Libyen in seiner Entwicklung zurückgeblieben sei.

Auf jeden Fall hat Gaddafi sein Land in einem wilden Zickzackkurs von der Monarchie in eine Art Volksrepublik geführt. Dann sorgte er dafür, dass Libyen als einer der Hauptsponsoren des Terrorismus gebrandmarkt und mit Sanktionen belegt wurde - 1986 starben drei Menschen bei der Explosion einer Bombe in der Berliner Diskothek "La Belle", 1988 explodierte über dem schottischen Lockerbie ein US-Jumbo - 270 Menschen kamen ums Leben. Zahlreiche Staaten verhängten Sanktionen gegen den "Schurkenstaat". 2003 verkündete Gaddafi plötzlich, Terror und Aufrüstung seien sinnlos. Deshalb werde er nun die Unterstützung von Extremistengruppen beenden und alle Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einstellen.

Auf sein Zelt verzichtet Gaddafi nie

Belohnt wurde Gaddafi für diese Kehrtwende mit besseren Beziehungen zu mehreren westlichen Staaten. Sie ließen ihn samt weiblicher Leibgarde einreisen. Im August 2010 brachte Gaddafi zur Rom-Visite außerdem 30 Berberpferde mit - Italien staunte.

Und auch auf sein Zelt verzichtet der schillernde Diktator bei Auslandsreisen nicht. In Paris stand das mit allem Komfort ausgestattete schwarze Zelt auch schon mal im Park des Gästehauses Hîtel Marigny gegenüber dem Élysée-Palast. Die Franzosen runzelten die Stirn.

Beim UN-Welternährungsgipfel im November 2009 in Rom bat er 200 von einem Hostessen-Service ausgewählte Römerinnen zu einer bizarren Islam-Belehrung. Bedingungen für die "Schülerinnen": Mindestens 1,70 Meter groß, 18 bis 35 Jahre alt und elegant gekleidet. Nach zwei Stunden Vortrag über die Grundlagen des Islam gab es für die Damen noch einen Koran als Abschiedsgeschenk.

Den Geschäften taten diese Skurrilitäten keinen Abbruch. Mit Gaddafi schloss Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy milliardenschwere Wirtschaftsabkommen. Auch Deutschland ist mit dem Wüstenstaat wirtschaftlich eng verbunden: Libyen gehört zu den wichtigsten Erdöllieferanten der Bundesrepublik. Mit Großbritannien und Italien betreibt Libyen ebenfalls regen Handel. Silvio Berlusconi gilt als enger Vertrauter Gaddafis - seit 2008 hat sich der italienische Regierungchef ganze elf Mal mit dem Herrscher aus Tripolis zu Hammelfleisch und Couscous getroffen. Und symbolisch reichte der frühere britische Premierminister Tony Blair dem Revolutionsführer im Jahr 2004 die "Hand der Freundschaft".

Die Schweiz im Visier

Dabei hat Gaddafi immer wieder für diplomatische Verwerfungen gesorgt. Zuletzt geriet die Schweiz in sein Visier. Als Libyen 2009 den Vorsitz der UN-Volksversammlung hatte, ließ Gaddafi die Auflösung der Schweiz fordern. Seine Wut auf die Eidgenossenschaft geht auf das Jahr 2007 zurück. Damals wurden der Gaddafi-Sohn Hannibal und dessen Frau wegen der Misshandlung von Hausangestellten in Genf für zwei Tage verhaftet. Im Gegenzug ließ Gaddafi zwei Schweizer Geschäftsleute in Libyen wegen Visavergehen für ein halbes Jahr hinter Gitter stecken. Nachdem die Schweizer auch noch mehrheitlich für ein Minarett-Verbot stimmten, forderte Gaddafi sogar einen Heiligen Krieg.

Der "Bruder Revolutionsführer", wie Gaddafi offiziell genannt wird, hat immer Recht. Obwohl er kein öffentliches Amt bekleidet, ging ohne seinen Segen in Libyen in den vergangenen vier Jahrzehnten fast nichts. Der 1942 als Sohn eines nomadisierenden Bauern in der Nähe der Stadt Sirte geborene Gaddafi hat den Kult um seine Person jahrzehntelang gepflegt, er ließ überall im Land seine Fotos in Überlebensgröße aufhängen. Diese auf Werbetafeln platzierten Bilder, die ihn mit cooler Sonnenbrille oder in poppigen Phantasiegewändern zeigen, bilden nun eine Zielscheibe für die Wut der Aufständischen. Jetzt reißen sie seine Fotos nieder. Sie stecken die Plakate in Brand und bewerfen sie mit Steinen. Gaddafis Zeit scheint abgelaufen.

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