Ganz schnelle Passagen und solche, die fahrerisches Können erfordern – die Gerhard-Mitter-Rallye war eine Augenweide für die Motorsport-Fans bei den Hotspots im Kreis Böblingen.
Bei der 41. Auflage der Gerhard-Mitter-Gedächtnis-Rallye des MSC Calw standen mit den Siegern Lars Stütz/Jannik Wagner (21:08,4 Minuten) Tom Kässer/Stephan Schneeweiß (21:13,1 Minuten) und Nikolaus Schelle/Franziska Schelle (21:41,4) gleich drei neue Duos auf dem Treppchen.
Große Namen wie der fünffache Sieger Rainer Noller/Tanja Schlicht, die letztjährigen Zweiten Florian/Lara Schwenker, oder der Schweizer Urs Flum mit Beifahrerin Miriam Cinetto mussten sich mit den folgenden Plätzen begnügen. Für Fritz Köhler/Petra Hägele mit der Startnummer 1 endete das Geschehen aufgrund eines Ausrutschers bei der zweiten Wertungsprüfung bei Nufringen auf dem letzten Platz. Der Routinier nahm es mit Humor: „Wenn man elf Minuten in einem Graben parkt, kann man kein Rennen mehr gewinnen.“
Fritz Köhler war statt in traditionellen Gelb mit einem weitgehend weißen BMW E36 aufgetaucht. „Ein neues Auto, aber wir finden schon zueinander“, meinte der Publikumsliebling, der bereits zum 31. Mal mitfuhr. Dass er dann doch noch die Zielflagge sah, verdankte er Wertungsprüfungsleiter Patrick Maier. Der Möttlinger hatte seinen Wagen aus dem Graben gezogen.
Immer mehr bürokratische Hürden für die Organisatoren
Und was sagt Fritz Köhler zu den Siegern? „Kein Problem, die fahren ja ein Auto von mir“, schmunzelte er. Er bedauerte, dass die Organisation einer Rallye von immer mehr Bürokratie überlagert wird. „Vielleicht sollten die Verwaltungen auch mal an die wirtschaftlichen Aspekte denken“, überlegte er laut. „Die meisten von uns mussten nämlich zweimal die örtlichen Tankstellen anfahren.“
40 Teams hatten sich an der Motorsport-Veranstaltung mit Start in Deckenpfronn beteiligt, 28 davon sahen die Zielflagge. „Wir sind gleich zu Beginn mit gebrochener Antriebswelle liegen geblieben“, berichtete Cerstin Apelt, die mit Jan-Marc Kurz am Steuer mitmischte, von dem Defekt an ihrem VW Polo auf der neuen Strecke von Aidlingen in Richtung Sportplatz Gärtringen.
„Die Wertungsprüfung eins und vier Aidlingen/Gärtringen war mein Highlight, denn hier war nach einer ganz schnellen Passage in vielen Abschnitten vor allem fahrerisches Können erforderlich“, berichtete Rainer Noller. Der Routinier war mit seinem Opel Corsa Rally 4 auf den langen Geraden dem 300-PS-Boliden von Lars Stütz/Jannik Wagner unterlegen.
„Unser Auto verlangt einen aggressiven Fahrstil“, erklärte derweil eben jener erst 24-jährige Lars Stütz mit Blick auf seinen BMW M3 E36. Im Vorjahr wegen einer falsch ausgefüllten Bordkarte noch disqualifiziert, konnte er bei seinem zweiten Start den ersten Sieg feiern. „Wir harmonieren gut, wir haben uns zusammengesetzt und haben von der Reifenwahl bis zu den Bremspunkten geschaut, wo wir noch ein paar Sekundenbruchteile rausholen können“, bestätigte Jannik Wagner.
Für die Zuschauer war das Gespann aus Pommersweiler und Frankenhardt eine Augenweide. Die beiden ließen ihren Wagen richtig fliegen. Mit vollem Speed aus den schnellen Abschnitten in heiße Drifts und durch die Schikanen – so eine Fahrweise sorgte für Begeisterung bei den Fans, die sich entscheiden mussten, an welchen Hotspots sie sich aufstellen möchten.
Drei Wertungsprüfungen, die auf insgesamt 35 Kilometern je zweimal durchfahren werden mussten, standen dabei zur Auswahl. Einige Fahrzeuge bekamen Teile des Publikums erst gar nicht zu sehen, denn neben technischen Ausfällen gab es auch zahlreiche Unfälle. Ein Auto war in Brand geraten, hatte aber noch die Auslaufzone erreicht. Michael Morhard/Alexander Morhard vom Ausrichterverein touchierten nach Bremsversagen einen Holzstapel. Ein weiterer Pilot demolierte sein Vorderrad bei einem Crash.
„Ich freue mich aber, dass alle Teams unbeschadet aussteigen konnten“, betonte der zweite Vorsitzende des MSC Calw, Frederik Melms, bei der Siegerehrung. Sein besonderer Dank ging an die über 200 Helfer des Organisationsteams. Zu denen zählte beispielsweise auch Michael Hayer. Er war mit seinem Team vom OSFG Stockach angereist und sorgte an der Wertungsprüfung Aidlingen/Gärtringen für Sicherheit.
„Die Zuschauer sind alle sehr diszipliniert. Nur ein paar Radfahrern mussten wir erklären, dass ein Fahrradweg bei einer Rallye keine Sicherheitsgarantie besitzt“, so der Streckenposten mit einem Augenzwinkern. Die ganzen Querungen, Ein- und Ausfahrten zu überwachen, erfordert einen immensen Personalaufwand. Das ist nur möglich, weil die Motorsportvereine zusammenhalten.
Mit Nikolaus Schelle stand übrigens auch ein Macher des RTL-II-Magazins „Grip“ an der Startlinie. Er und sein Fernsehteam hatten die Veranstaltung komplett begleitet und werden darüber eine Sendung anfertigen. „Für mich ein absolutes Erlebnis, ich bin zum ersten Mal mit meiner Tochter gefahren“, so der Mann mit der Startnummer 5. Am Ende reichte es zu Platz drei, aber Roland Wurster, Ex-Vorstandsmitglied beim MSC Calw, zeigte sich davon überzeugt, dass Nikolaus Schelle mehr kann. „Der ist bestimmt nicht voll gefahren, schließlich war der in seinem Toyota Yaris GR voll verkabelt“, wertete er dessen Drift an der Schikane Schönbronn auch als Show für die Zuschauer.
Bei der Retro-Rallye geht es um gleichmäßiges Fahren
Rennsport war das eine Standbein des Events, die sechste Auflage der Retro-Rallye das zweite. „Das ist zwar nicht jedermanns Sache, aber die Fahrer freuen sich, in diesem Umfeld dabei zu sein und ihre Fahrzeuge zu zeigen“, erklärte ein Insider. Über 20 Autos hatten sich im Anschluss an das Hauptfeld auf die Strecke gemacht, für sie ging es um eine vom Veranstalter vorgegebene Gleichmäßigkeit.
„Wir haben die bis auf wenige Bruchteile exakt getroffen“, freuten sich Wolfgang Michalski/ Fabian Michalski aus Schutterwald, die auf ihrem Alfa Romeo Giulia siegreich unterwegs waren. Ein toller Wagen, dem der Renault R5 GT Turbo von Zuhnemer/Buchert vom MSC Rodenstein kaum nachstand. Auf Platz landeten Markus Braun/Walter Braun vom AC Maikammer in einem VW Golf 3.