Ist das Visier unten, gibt es für den Affalterbacher Jaden Immanuel nur Vollgas. Foto: privat

Für Jadens Rennfahrer-Traum zog die Familie von Singapur nach Deutschland. Heute gehört der 13-Jährige zu den besten Nachwuchstalenten – und hat sogar einen Fan in Bollywood.

Wenn der Gegner dicht am Auspuff klebt, spürt Jaden Immanuel den Adrenalinkick. Dann setzt bei ihm der Kitzel ein – die Herausforderung, im entscheidenden Moment die richtige Wahl zu treffen. Soll er das Risiko eingehen und überholen? Oder lieber den Platz sichern, bevor es in die nächste Kurve geht, wo Knie und Ellbogen den Asphalt streifen? „Das hat viel mit Taktik zu tun – aber natürlich auch mit Vertrauen in die Maschine“, sagt Jaden Immanuel, der in Affalterbach lebt und in Marbach zur Schule geht.

 

Der 13-Jährige fährt seit drei Jahren erfolgreich Motorradrennen – im FIM MiniGP 190 und im ADAC Minibike Cup. Beide Saisons beendete er auf Rang drei, stand mit mehreren zweiten und dritten Plätzen insgesamt zehnmal auf dem Podium. Ein Sieg fehlt noch. „Einige fahren schon Motorrad, seit sie fünf sind – ich habe erst vor drei Jahren angefangen“, sagt der Gymnasiast, der trotz seines jungen Alters ein Spätstarter in seinem Sport ist.

Familie zieht wegen des Sports nach Deutschland

Um diesen rasanten Leistungssport überhaupt ausüben zu können, ist die Familie vor einigen Jahren von Singapur nach Deutschland gezogen und lebt jetzt in Affalterbach. In der kurzen Zeit hat es der Teenager mithilfe seines Vaters, der ihn als Trainer, Schrauber und Geldgeber unterstützt, schon weit gebracht.

Was aber muss man neben Körpergefühl, Mut und Konzentration mitbringen, um sich so schnell zu einem Meister der Schräglage zu entwickeln? „Man sollte das Motorrad verstehen, wie und wann man bremsen muss, in welcher Phase man beschleunigen und wie viel Schräglage man sich erlauben kann“, sagt Jaden. Ist das Visier aber einmal unten, kennt er nur Vollgas.

Die gesamte Ausrüstung wiegt rund zehn Kilogramm. Foto: privat

So ein Renntag ist anstrengend – nach einem kurzen Training und dem Qualifikationslauf für die Startposition folgen zwei Renndurchläufe. Insgesamt 18 Rennen sind es beim ADAC Minibike Cup, zehn in der FIM MiniGP 190-Serie. Helm, Stiefel, Handschuhe und Schutzkleidung bringen rund zehn Kilogramm auf die Waage – die müssen bewegt werden.

Seine aktuelle Maschine mit 190 Kubikzentimetern und 25 PS kostet rund 9000 Euro, dazu kommen pro Rennen zwei Reifensätze. „Wir haben einige Sponsoren, sind aber auf der Suche nach weiteren“, sagt Vater Immanuel Vijay. Er brachte seinem Sohn alles bei – erst auf dem Mountainbike, dann auf dem Motorrad. Trainiert wird von Frühjahr bis Herbst auf dem Gelände des AMC Ettlingen, meist an den Wochenenden, wenn kein Rennen ansteht.

Für den Winter hat Jaden einen besonderen Plan: „Ich würde gerne beim TSV Affalterbach in einer Jugendmannschaft mittrainieren.“ Im Ort ist man längst auf den jungen Rennfahrer aufmerksam geworden – Bürgermeister Steffen Döttinger überreichte ihm Ende Oktober eine Urkunde und gratulierte zu seinen Erfolgen.

Jaden Immanuel mit Affalterbachs Bürgermeister Steffen Döttinger. Foto: privat

Jaden Immanuel ist nicht nur auf dem Motorrad ein Talent. Nach nur drei Jahren im Ländle spricht er nahezu perfekt Deutsch und zählt auf dem Friedrich-Schiller-Gymnasium zu den besten Schülern. Geboren ist er in der indischen Millionenstadt Chennai, dort lebt auch noch ein Großteil der Familie.

Mit Motorsport hätten die Inder aber nicht viel am Hut, berichtet die Familie. „Die halten das eher für Show, als für Sport“, sagt Jaden. Dennoch hat er 10.000 Follower auf Facebook und 40.000 auf Instagram – die meisten aus Indien. Unter ihnen ist auch ein prominenter Fan. Der tamilische Schauspieler Ajith Kumar – ein Superstar des indischen Kinos, der wie Tom Cruise gefeiert wird – hat sich von Jaden bei einem Rennen am Nürburgring ein Autogramm auf dessen Basecap gewünscht. Kumar fährt selbst auch Motorradrennen. „Das war natürlich ein toller Moment für mich“, erinnert sich der Nachwuchsfahrer.

In Deutschland fehlen im Motorradsport die Vorbilder

Bei seinen Rennen startet Jaden mit deutscher Lizenz, träumt aber davon, eines Tages Indien in der MotoGP zu vertreten. „Ich könnte mir aber auch vorstellen, für Deutschland zu starten, weil hier die Unterstützung einfach größer ist“, sagt er.

Mit Marc Márquez und Valentino Rossi hat er sich als Vorbilder die beiden besten Fahrer der letzten Jahrzehnte ausgesucht. Der Weg in die höchste Startklasse ist in Deutschland jedoch weit und teuer. Derzeit dominieren die Spanier die Szene, weil manche Kinder schon zum vierten Geburtstag ein Mini-Motorrad bekommen und es optimale Trainingsbedingungen gibt. In Deutschland fehlen derweil die Vorbilder. Seit 2018, als Philipp Öttl die Einstiegsklasse Moto3 gewinnen konnte, befindet sich Deutschland auf dem Standstreifen.

Jaden und sein Vater denken trotzdem Schritt für Schritt. Ab März könnte er in die nächsthöhere Klasse aufsteigen – mit einem neuen Motorrad und Rennen auf internationalen Strecken in Italien oder Tschechien. Dann wäre er doppelt so lange auf den Strecken unterwegs: 40 statt 20 Minuten pro Lauf. Das erfordert noch mehr Mut, Ausdauer und Konzentration. Der fröhliche Teenager freut sich schon auf diese neue Herausforderung – und auf den nächsten Adrenalinkick.