Bis zu fünf Artisten gleichzeitig fahren beim Zirkus Knie in einer Eisenkugel, die 4,4 Meter Durchmesser misst. Foto: factum/Simon Granville

Sie rasen mit 80 Kilometern pro Stunde in einer Stahlkugel und riskieren für eine spektakuläre Show ihr Leben. Steilwandfahrer sind die modernen Gladiatoren in der Manege. Wer sind die Todesmutigen auf den Motorrädern?

Böblingen - Es ist, als jagten reißende Tiere einander in einem Käfig. In einer Metallkugel von der Größe eines Eiskiosks donnern mit 80 Kilometer pro Stunde vier Motorradfahrer. Sie fahren in Loopings und nur eine Armlänge voneinander entfernt, scheinbar frei von jeder Gravitation. Das Stahlgerüst bebt, Motoren brüllen. Die Luft stinkt nach Öl.

Nur einige Minuten dauert die Show für den Fotografen, dann öffnet einer der Sicherheitsleute das Gitter und lässt einen Fahrer nach dem anderen aus dem Käfig rollen. Everton Alencar nimmt seinen Helm vom Kopf. Er schnauft und deutet auf seinen Unterarm, der so hart ist wie Granit, vollgepumpt mit Adrenalin. Wäre er gerade knapp einer Herde Büffel entkommen – seine Augen würden denselben stieren Ausdruck haben.

Steilwandfahrer sind die modernen Gladiatoren, die in einem Zirkus für eine spektakuläre Show ihr Leben aufs Spiel setzen. In den 1920er Jahren kamen die ersten Kirmestruppen auf die Idee, mit Motorrädern Wände entlang zu brettern und dafür Geld zu verlangen. Seither werden die Shows immer halsbrecherischer: Mal kreisen die Fahrer über zylinderartige Rundwände, die über den Köpfen der Zuschauer baumeln. Mal ist es eine Gitterkugel, in der bis zu sieben Artisten ihre Stunts vollführen. Die Unfälle bleiben nicht aus: 2012 verunglückte ein Fahrer bei der „Show der Sensationen“ tödlich, 2013 kam es im Zirkus Flic Flac mit sechs Fahrern zu einem Massencrash, 2018 prallten in Bielefeld zwei Personen gegeneinander.

Nicht umsonst nennt man den Käfig die Todeskugel. Wer sind die Menschen, die sich einer solchen Gefahr aussetzen?

Mit acht Jahren das erste Mal in der Todeskugel

Graue Wolken hängen über dem Zirkuszelt Charles Knie in Böblingen. Everton Alencar sitzt mit einem lässigen Grinsen in der Empfangshalle und nippt an einer Cola, es sind noch zwei Stunden bis zu seinem nächsten Auftritt. Der 33-Jährige wirkt jetzt ruhig. Es hat etwa eine Viertelstunde gedauert, bis er seine Anspannung aus der Todeskugel heruntergefahren hat. In einem schmucklosen Lastwagenanhänger neben dem Zelt hat er seinen Brustpanzer abgelegt, seinen Helm, die Knieschoner, die Handschuhe, die Mondstiefel, wie er sie nennt, weil sie so unverbiegbar sind wie Metall.

„Die meisten Unfälle passieren, weil sich Menschen überschätzen und mehr zeigen wollen als sie können“, sagt Alencar. Die Gefahr, findet er, sei deshalb immer relativ. Seit er denken kann, hat er den Motorensound im Ohr und den Jubel der Zirkuszuschauer, wenn alles funktioniert. Sein Großvater war Steilwandfahrer in einem Zirkus in Brasilien, auch sein Vater. Da blieb ihm eigentlich keine Wahl, wie er sagt. Mit acht Jahren begab Alencar sich das erste Mal in den Käfig. Knapp 1,30 Meter war er da groß. Auf einem Fahrrad fuhr er die ersten Bahnen, langsam, vorsichtig. Immer von seinem Vater begutachtet und angewiesen. „Ich fuhr so lange bis ich immer wusste, wo ich mich befinde.“ Er springt auf, dreht sich im Kreis und zeigt mit geschlossenen Augen auf den Stuhl neben sich. „Die Orientierung ist das allerwichtigste.“

Mit 13 Jahren, am Tag, als er mit dem Motorrad seinen ersten Auftritt hat, zieht er bereits am frühen Morgen seine neue Uniform an, seine Panzer und Schoner. „Ich wollte allen zeigen, dass ich bereit bin.“ Doch als er die Maschine startet, stürzt er. Er bekommt Angst. Von außen ruft sein Vater: „Es gibt nur dich, das Motorrad und den Globus“. Seither ist das sein Mantra: „Es gibt nur mich, das Motorrad und den Globus“.

Kräfte wie bei den Astronauten

Auch Unfälle hat Alencar erlebt. Vor einigen Jahren, da war er schon von Brasilien nach Europa umgesiedelt, vollführte er einen Stunt in einer offenen Kugel: zwei Fahrer oben, zwei unten. Einer bewegte seinen Lenker einen Zentimeter zu weit und schleuderte seine Maschine aus der Kugel. Die anderen fuhren weiter, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Das ist die Krux: Fahren Artisten langsamer als 50 Kilometer pro Stunde, fallen sie wie tote Insekten von der Decke. So entstehen Kräfte, denen sonst nur Astronauten ausgesetzt sind. Das ist das zwei- bis dreifache der Erdanziehungskraft.

Aber von Unfällen spricht der Familienvater, der vier Sprachen beherrscht und außerhalb der Saison in Italien lebt, ungern. Lieber erzählt er von dem Gefühl, das er auf seiner Suzuki verspürt, wenn er für einen Moment zu schweben scheint und sich auf seine Kollegen verlässt, weil jeder weiß, was er zu tun hat. „Es ist ein Rausch“, sagt Everton Alencar. Jetzt kommt seine Tochter angelaufen. Sie ist keine zehn Jahre alt. Wenn es nach ihrem Vater geht, soll auch sie bald eines werden: Steilwandfahrerin.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: