Autofahrer könnten bald 125er und Co erobern. Foto: dpa/Thomas Frey

Leichtmotorräder mit den Autoführerschein fahren – mit diesem Plan will Bundesverkehrsminister Scheuer etwa die individuelle Mobilität stärken. Aber was bedeutet es für Sicherheit und Umwelt, wenn Autofahrer künftig mit Leichtmotorrädern fahren?

Stuttgart - Erst 90 Minuten Theorie, dann sechs Fahrstunden, und schon sollen Autofahrer auf zwei Rädern losflitzen dürfen. Mit bis zu 15 PS unterm Hintern, die für 100 Stundenkilometer und mehr gut sind. So sieht es der Verordnungsentwurf aus dem Bundesverkehrsministerium vor, der vergangene Woche bekannt wurde. Mehr Unfälle seien zu befürchten, die Anforderungen für Leichtmotorräder zu senken würde diese Fahrzeuggruppe noch gefährlicher machen, so der Tenor der Kritiker. Und überhaupt gebe es nichts gefährlicheres als Motorräder, hieß es von der Unfallforschung der Versicherten schon vor Jahren.

66 Tote bei Unfällen mit Leichtmotorrädern

Tatsächlich starben 2017 583 Motorradfahrer auf deutschen Straßen, 66 davon waren laut Deutschem Verkehrssicherheitsrat (DVR) mit einem Leichtmotorrad unterwegs. Mehr als jedes fünfte Todesopfer im Straßenverkehr geht damit auf Motorräder zurück. Damit sind stark motorisierte Motorräder die gefährlichste Fahrzeugklasse in der Unfallstatistik, gefolgt von Leichtmotorrädern. In Österreich gibt es eine ähnliche Verordnung seit 1997. Wie sind die Erfahrungen in Sachen Sicherheit dort?

Die Leute mit dem Führerscheinzusatz seien insgesamt gemächlicher unterwegs, sagt Ursula Zelenka vom österreichischen Automobilclub Öamtc. Genaue Zahlen gibt es von der Statistikbehörde Statistik Austria nicht, aber: „Diejenigen, die Leichtmotorräder fahren, sind nicht aufs Schnellfahren aus“, sagt Zelenka. Dazu würden die Lehrer beim Fahrtraining jene Anwärter aussortieren, die wenig Talent für das Fahren auf zwei Rädern zeigen. Das Risiko sei also insgesamt kein Thema.

Die Unfallzahlen in Österreich bestätigen das weitgehend. 2018 starben 99 Biker in Österreich, wo pro Kopf mehr Motorräder zugelassen sind als in Deutschland. Das bedeutet 1,85 Todesopfer pro 10 000 zugelassene Motorräder, in Deutschland waren es nur 1,35. Bei Unfällen mit Leichtmotorrädern verloren in Österreich sieben Fahrer ihr Leben, das bedeutet relativ gesehen etwa den gleichen Wert wie in Deutschland. Aber es geht bei dem Thema nicht nur um die Sicherheit.

Führerscheinzusatz vor allem in Städten genutzt

Das deutsche Verkehrsministerium will mit der Verordnung vor allem den Menschen auf dem Land mehr Mobilität ermöglichen. In Österreich ist auf dem Land durch den Führerschein aber wenig passiert. Er werde vor allem von Städtern genutzt. „Die Zielgruppe sind Leute, die sich für den innerstädtischen Verkehr Zugang zu stärkeren Motorrädern schaffen“, also nicht mit einem Moped fahren wollten, so Zelenka.

Im Stadtverkehr liegen die Vorteile der Motorräder auf der Hand: Sie sind klein und wendig, man kann sich durch die Autos schlängeln, ein Parkplatz findet sich leichter und ist zudem meist günstiger. Aber kann das den Verkehr entlasten? Auch da winkt ein Experte ab. „Da Motorräder bei uns nur einen kleinen Anteil des Kfz-Verkehrs ausmachen, werden diese Änderungen keine messbaren Wirkungen auf den Verkehr in der Stadt haben“, sagt der Verkehrsforscher Markus Friedrich von der Uni Stuttgart.

Kaum Effekte, weder für Staus noch Umwelt

Ähnlich sieht es Christian Winkler, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zum Thema Verkehr forscht. Er erwartet keine nennenswerten Effekte, weder im Bezug auf Staus, noch im Bezug auf den Schadstoffausstoß, selbst wenn die Gefährte elektrisch fahren. Dazu sei möglich, dass die Leichtmotorräder vor allem zusätzlich zu einem Pkw genutzt werden, sagt Winkler. Im Endeffekt würde also noch ein Fahrzeug mehr herumstehen.

Aktuell gibt neben Österreich noch Italien den Leichtmotorradschein aus, dort ganz ohne Zusatzunterricht. Mit dem 125er-Motorrad von Deutschland über Österreich in den Italienurlaub zu fahren, wird aber auch im Falle der Verordnung nicht gehen. Die jeweiligen Regelungen sind nur auf ihr Land beschränkt. „Es ist kein besonders attraktives Modell“, fasst Zelenka die österreichischen Erfahrungen zusammen. Zumindest für Stuttgarter bleibt aber ein potenzieller Vorteil der Fahrerlaubnis für Leichtmotorräder. „Wenn es Fahrverbote gibt, sind Motorräder weniger betroffen“, sagt Verkehrsforscher Winkler.

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