Valentino Rossi ist immer zu Späßen aufgelegt – das hat die Motorradszene bereichert. Foto: imago images/Cordon Press/Miguelez Sports/via www.imago-images.de

Die Motorrad-Rennfahrer Valentino Rossi wird nach der Saison im November seine Karriere beenden – nach 26 Jahren, neun WM-Titeln und jeder Menge Kalauern, mit denen er die PS-Branche bestens unterhalten hat.

Stuttgart - Als Valentino Rossi kürzlich beim Steiermark-Grand-Prix zur Pressekonferenz geladen hatte, da wussten die Gäste sofort, was kommen würde. Rossi setzte sich auf den Stuhl und gab seelenruhig zu Protokoll, dass er nach der Saison für immer vom Motorrad steigen werde. Das Ende einer Ära war damit ausgerufen, man hatte es sich ja schon denken können, denn Rossi ist stramme 42 Jahre alt und kann nicht ewig fahren. „Es ist ein trauriger Tag. Nächstes Jahr wird sich mein Leben ändern“, sagte der Italiener, der 26 Jahre die Motorrad-Weltmeisterschaft prägte wie vor ihm nur noch sein italienischer Landsmann Giacomo Agostini.

 

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Noch achtmal wird Rossi in der MotoGP auf seine Kiste klettern – dann ist Feierabend. Am Wochenende fährt die rasende Motorradmeute ein weiteres Mal in Österreich, da werden es die Rennsportpuristen noch einmal genießen, dem Supermann mit der legendären Nummer 46 zuzuschauen.

Um den Sieg wird es für „VR46“ da nicht gehen. Er befindet sich abgeschlagen im hinteren Teil des WM-Tableaus, als 19. mit 20 mageren Pünktchen. Sein letzter Sieg datiert ohnehin aus dem Jahr 2017. Damals zeigte der alte Knabe im niederländischen Assen der Jugend noch einmal, wie man am Gashahn dreht.

Die Jugend wird immer besser

Doch fortan musste der Italiener feststellen, dass die jungen Burschen immer schneller werden, immer besser, immer mutiger. Auch die zuletzt dürftigen Ergebnisse haben Rossis Entscheidung reifen lassen, die Karriere zu beenden. Diese letzten sportlichen Eindrücke schmälern die Lebensleistung des Motorrad-Rennfahrers jedoch überhaupt nicht. Für viele der aktuellen Piloten ist er Vorbild gewesen – und die zentrale Figur der Zweiradbranche. „Er ist der Gott der Motorräder“, sagte der Spanier Maverick Vinales etwas pathetisch, und der MotoGP-Spitzenreiter Fabio Quartararo sprach davon, dass Rossi eine „Legende“ sei und immer noch sein „Idol“. Auch der frühere Teamkollege Jorge Lorenzo äußerte sich und erhob den neunmaligen Weltmeister in den erlauchten Kreis der größten Sportler dieses Planeten. „Valentino steht auf einer Stufe mit Jordan, Woods, Ali oder Senna“, postete der Spanier und verneigte sich so vor seinem Kumpel.

Beste Unterhaltung

Ohne Rossi wird der Töff-Szene etwas fehlen. Sein Name stand stets für beste Unterhaltung. Als er sich mal auf der Ehrenrunde eine aufblasbare Sexshop-Puppe unter den Arm klemmte, ging das noch als nachpubertäre Spielerei durch. Doch seine Ausflüge in andere Kategorien des Geschwindigkeitsrausches offenbarten vor allem eines: Er ist wild, ungestüm – und hochbegabt. Unvergessen sind die Testfahrten in einem Formel-1-Ferrari. Damals lag der Maestro nur 1,5 Sekunden hinter Rekordweltmeister Michael Schumacher. Der damalige Formel-1-Boss Bernie Ecclestone rieb sich schon die Hände und sah in Rossi einen spektakulären Neuzugang, der seiner von braven und angepassten Piloten überfluteten Serie etwas Glanz verleihen könnte. Daraus wurde nichts. Auch wenn sich Rossi tatsächlich kurz überlegt hatte, ob er den Sprung ins Auto wagen soll.

Auch in die Deutsche Tourenwagenserie gestattete er sich einen bis heute unvergessenen Ausflug. Zunächst bretterte er zweimal ins Kiesbett, doch als er sich an das Auto gewöhnt hatte, fuhr er wie aus dem Nichts eine Zeit im Bereich der Pole-Position. 2009 bestritt er dann beim 6-Stunden-Rennen in Vallelunga sein erstes Langstreckenrennen – und wurde in einem GT3-Ferrari sagenhafter Dritter.

Mit dem Arztkittel unterwegs

Nichts ist unmöglich – das ist stets die Maxime des abenteuerlustigen Rennfahrers und hochbegabten Entertainers gewesen. Einmal präsentierte er sich bei der Siegesfeier im Arztkittel und hörte sein Motorrad mit einem Stethoskop ab. Weniger witzig war, als er seinem Dauerrivalen Max Biaggi mal auf dem Weg zur Siegerehrung ins Gesicht schlug. Im Stil der Sendung „Versteckte Kamera“ erfand Rossi dagegen einst den Sponsor Polleria Osvaldo. Er bat ein TV-Team zur Pressekonferenz auf einer Hühnerfarm, wo ein älterer Herr aus seinem Heimatort Tavullia in die Rolle des Bauern geschlüpft war – und den Medienvertretern einen ordentlichen Bären aufgebunden hatte.

Valentino Rossi ist für jeden Scherz zu haben. Doch auch als Geschäftsmann zeigt er Gespür dafür, wo die Scheine zu holen sind. Er verkauft Fanartikel unter dem Label „VR46“ – auch von anderen Fahrern. Ab 2022 geht neben seinem Moto2-Team noch eine Rossi-Mannschaft in der MotoGP an den Start. Zudem befindet sich eine Rennfahrer-Akademie in seinem Besitz. Trainiert wird auf der Ranch von Rossi.

Das Leben ist, wie es ist

„Ich würde gerne weiter Rennen fahren, nicht ein Jahr, sondern zwanzig, aber das Leben ist leider so, wie es ist“, sagte der Mann, der sich selbst den Namen „Doctor“ gab. Doch nach einer kurzen Denkpause lächelte der ewige Lausbub Valentino Rossi in die Runde und zog sehr zufrieden Bilanz: „Ich habe die Leute am Sonntagnachmittag ganz gut unterhalten.“ Wie wahr!