Motocross-Pilot Leon Denz aus Böblingen hat mit 19 schon drei Knie-OPs hinter sich, denkt aber gar nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Nun wartet das größte Rennen seiner Karriere auf ihn
Benzin im Blut. Es klingt wie eine Plattitüde, die Journalisten gerne mal verwenden, um einen Rennfahrer zu charakterisieren, wenn ihnen nichts Besseres einfällt. Leon Denz verwendet die vermeintliche Floskel ganz von allein, um das zu beschreiben, was ihn antreibt. Benzin im Blut. „Wenn du es einmal im System drin hast, fließt es immer weiter. Dann bekommst du es nicht mehr raus“, schmunzelt der sympathische Motocross-Pilot.
Es sind nur drei kleine Worte, aber die perfekte Erklärung dafür, warum der Böblinger die vielen Rückschläge in seiner noch jungen Karriere einfach wegsteckt, um weiterhin das zu tun, was er liebt. Benzin im Blut. Wie anders ließe es sich begründen, dass die drei Knie-Operationen, die er mit gerade einmal 19 Jahren bereits hinter sich hat, nicht einmal ansatzweise dazu führen, dass er ans Aufhören denkt?
Erster Kreuzbandriss mit zehn Jahren
Mit zehn riss bei ihm erstmals das Kreuzband. „Ich bin mit der Maschine umgekippt und habe mir unglücklich das Bein eingeklemmt“, erinnert er sich an den Vorfall 2016. Es dauerte eine Weile, ehe er wieder loslegen konnte. Doch schon bald der nächste Rückschlag. 2019 ging der Meniskus bei einer alltäglichen Bewegung abseits des Geschehens auf der Piste kaputt. OP, Heilungsprozess, ein weiteres Jahr Pause. Als ob die Krankenakte nicht schon dick genug gewesen wäre, zwang ihn dieses verflixte Gelenk 2021 zur nächsten langen Auszeit. Dieses Mal geschah es bei der Ausübung eines anderen Sports. Wieder das Kreuzband, wieder der Meniskus.
Schier unglaublich, dass sich einer nach so viel Pech und Leidenszeit mit Heilung, Reha und Muskelaufbau erneut in den Sattel begeben will. „Ich kann schwer beschreiben, warum ich nicht aufgegeben habe“, überlegt Leon Denz laut. Die Antwort auf diese Frage sollte inzwischen klar sein: Benzin im Blut. Das spült die Rückschläge einfach aus dem Gedächtnis. Auch den von 2024, als ein Konkurrent direkt nach dem Start in ihn hineinsprang und er nach einem Sturz auf den Kopf bewusstlos auf der Strecke lag.
„Wenn man im Krankenhaus aufwacht“, sinniert der Orthopädietechniker, „dann hinterfragt man das alles schon.“ Allerdings, so sagt er, hielten diese leisen Zweifel maximal ein, zwei Tage an, „dann rudert man zurück, denn es ist das, wofür das Herz schlägt“. Da wäre es wieder: Benzin im Blut. Doch wie kommt das eigentlich in den Körper?
Leon Denz infizierte sich im Publikum auf dem Holzgerlinger Schützenbühlring mit dem Virus. Als kleiner Steppke staunte er beim Zuschauen im Maurener Tal Bauklötze und war sich bald schon sicher, dass er das auch mal ausprobieren will.
Mit acht saß er bei der ADAC MX Academy in Reutlingen erstmals auf einem Motorrad und wusste sofort: Das ist es! Bei seinen Eltern musste er nicht allzu große Überredungskünste anwenden, denn die sahen, wie fokussiert und begeistert ihr Sohn an die Sache heranging. Zum neunten Geburtstag schenkten sie ihm schließlich seinen eigenen fahrbaren Untersatz.
Früh übt sich, mag jetzt der Laie denken. Ziemlich spät, wissen hingegen die Experten. „In dem Alter ist man schon hintendran“, erläutert der Böblinger. „Wo andere an Sprünge herangehen und auf Kraft und Ausdauer achten, lernst du erst das Fahren an sich. Ich bin also quasi mit Rückstand gestartet.“ Wie er diesen aufholen konnte? Logisch: Benzin im Blut. Leon Denz kam über Fleiß, harte Arbeit und Leidenschaft. Während er aufholte, flossen einige Tränen und noch mehr Schweiß.
Es war – und ist immer noch – Knochenarbeit, denn Motocross zählt zu den härtesten Sportarten überhaupt. „Du setzt dich nicht einfach auf die Maschine und gibst Gas“, schüttelt der 19-Jährige den Kopf. „Sonst macht sie mit dir, was sie will.“ Was angesichts von Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde schon bei den jüngsten Piloten nicht unbedingt passieren sollte.
„Das ist einfach eine Lifestyle-Geschichte“
Ende 2018 stieg Leon Denz von seiner 65er-KTM auf ein noch schnelleres 85-Kubikzentimeter-Vehikel um, belegte im BW-Cup regelmäßig Top-Fünf-Platzierungen. 2020 bot aufgrund von Corona nur wenige Renntermine, um auf diesem Level in Form zu bleiben, doch beispielsweise im Hessen-Cup belegte er den fünften Gesamtrang. Ab 2021 preschte er mit einer 125er über die Piste, ehe besagte dritte schwere Verletzung ihn ausbremste.
Um keine Fehler zu machen, muss er den Tunnelblick aktivieren
„Außenstehende sagen da: Mach’ doch langsam und werd’ erst wieder richtig gesund. Aber man selbst will so schnell wie möglich zurückkommen“, nickt der junge Mann. „Das ist einfach eine Lifestyle-Geschichte.“ Benzin im Blut eben. Adrenalin, Tempo, durch die Luft fliegen. Der Moment, wenn 40 Mann nach dem Start nebeneinander blitzschnell auf die erste Kurve zuschießen. Das Feeling, sich durchzubeißen und den Vordermann zu kassieren. „Für mich ist das alles ein ganz großer Teil von Freiheit“, schildert Leon Denz. Helm und Brille auf den Kopf, Alltag raus. „Du brauchst diesen Tunnelblick, um keine Fehler zu machen“, betont er. Ablenkungen können fatal sein. „Du musst handeln mit dem, was vor dir ist.“ Volle Konzentration. „Außerdem ist es nicht nur das Fahren“, schiebt er hinterher. „Bei den Veranstaltungen triffst du Gleichgesinnte, die zu Freunden werden. Das ist eine Gemeinschaft, auf die man sich freut, und mit der man eine geile Zeit erlebt.“
Seit geraumer Zeit tut er dies als Mitglied der KFV Kalteneck. Von zu Hause sind es fünf Minuten bis zum Schützenbühlring. Und auf diesem absolviert er nun am Wochenende mit der Nummer 246, die sein Geburtsdatum 24. Juni widerspiegelt, sein erstes Rennen im ADAC MX Youngster-Cup. Ermöglicht wird ihm das durch eine Wildcard. „Eine mega Chance, vor einem so großen Publikum auf eigener Strecke zu fahren“, schwärmt Leon Denz, der 2022 und 2023 die gesamte Saison in der deutschen Meisterschaft mitmischte, im Bundesendlauf für die Besten aus den Landesserien Vierter wurde und 2024 schließlich auf eine 250er umstieg.
In Sachen Ziele für das Heimspiel denkt er realistisch. „Ich weiß auf jeden Fall, dass ich nicht gewinnen werde“ lacht er. „Wenn ich mich für die Hauptläufe qualifiziere, habe ich schon Großes erreicht.“ Dafür hat er ordentlich an seiner Fahrtechnik geschliffen und sich auch in Sachen Fitness verbessert. „Aber ich habe auch gelernt, einfach mit Spaß ranzugehen“, nickt Leon Denz, der nun selber dort mitmischen darf, wo er früher die ganz Großen bewundert hat.
An der Stelle, wo es einst mit dem Treibstoff in seinen Adern anfing. Mit dem Benzin im Blut.