Finn hat den Dreh raus. Der Grundschüler muss aber ganz schön kurbeln, bis die Äpfel zu Saft werden. Foto: Gottfried Stoppel

Der Trend geht zum eigenen Apfelsaft: Immer mehr Mostereien gibt es im Land. Die Gemeinde Loffenau leistet sich noch eine eigene Kelter samt Kellermeister – und die haben alle Hände voll zu tun.

Loffenau - Für Markus Kyre könnte es wieder ein langer Tag werden. Ein Auto nach dem anderen fährt die Kelter in Loffenau (Kreis Rastatt) an. Säcke mit Äpfeln werden ausgeladen und warten reihenweise darauf, in der großen Siebbandpresse zu frischem Saft gekeltert und anschließend – wenn gewünscht – pasteurisiert zu werden. An manchen Tagen, sagt der 42-Jährige, werde es Mitternacht, ehe sein Kellermeisterkollege, die Siebbandpresse, und er Feierabend machen können.

Markus Kyre ist von Haus aus Elektrotechniker. Örtlicher Kellermeister ist er zwar hobbyhalber, aber durchaus im offiziellen Auftrag. Die Gemeinde Loffenau leistet sich für ihre 2500 Bürger noch eine eigene Kelter. Vor einigen Jahren hat die Kommune die große Siebbandpresse angeschafft, die 2500 Liter Apfelsaft in der Stunde produzieren kann. Aus einem Zentner Obst werden etwa 30 bis 35 Liter Saft. Bis zu 100 000 Liter Saft pro Saison sind in der Kelter seit der Neuanschaffung gepresst worden. Vor drei Jahren kamen die zwei Pasteurisierungsanlagen dazu, die im hinteren Bereich der Kelter stehen. Bei gut 80 Grad wird der Apfelsaft haltbar gemacht und in spezielle Plastikbeutel mit Zapfhahn gefüllt. „Bag in box“ heißt das Zauberwort, das der Loffenauer Kelter zusätzliche Saftkundschaft verschafft hat.

Sogar aus dem Karlsruher Raum kommen mittlerweile die Stücklesbesitzer. Im Jahr 2015, als die Pasteurisierungsanlagen brandneu waren, wurden 4315 Liter Apfelsaft heiß abgefüllt. Im Jahr darauf war es schon fast doppelt so viel. 2016 gab es kaum Äpfel, aber in diesem Jahr, sagt Markus Kyre, „sind wir schon jetzt bei 8000 Litern Heißabfüllung“.

Wer in Loffenau mostet, bezahlt 20 Cent je Liter für das Versaften. Wer den Saft pasteurisieren lassen will, muss 30 Cent je Liter zusätzlich berappen und die Kosten für das Verpackungsmaterialübernehmen.

Sogar aus Karlsruhe kommen Stücklesbesitzer

Das hält die Menschen nicht davon ab, Saft aus eigenen Äpfeln produzieren zu lassen: 70 Mostereien im Land hat der Naturschutzbund Baden-Württemberg (Nabu) auf seiner Internetseite www.streuobst.de registriert, darunter 59 stationäre und 11 mobile Anlagen. Damit habe der Südwesten so viele Saftpressen wie kein anderes Bundesland, sagt Markus Rösler, der Sprecher des Nabu-Bundesfachausschusses Streuobst. Allerdings hat auch kein anderes Bundesland so große Streuobstbestände wie Baden-Württemberg: Mehr als 100 000 Hektar Streuobstwiesen gibt es hierzulande, das ist etwa ein Drittel des bundesweiten Bestandes. Deutschlandweit sind beim Nabu 326 Mostereien registriert, 228 stationäre und 98 mobile.

Den Trester bekommen Schafe – oder das Wild im Wald

Beim Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft sind die Loffenauer bekannt für ihr besonderes Engagement: „Das ist äußerst weitsichtig“, lobt Rolf Heinzelmann die Kommune. „Das Geld ist besser angelegt als in irgendwelche hässlichen Brunnen, weil es dazu beiträgt, die Streuobstwiesen besser zu schützen.“ Der Bürgermeister Markus Burger sieht es ähnlich: „Wir sind eine ländlich geprägte Gemeinde, wir fühlen uns der Landwirtschaft verpflichtet.“ 10 000 bis 15 000 Euro lässt sich die Kommune die Saftpresse jedes Jahr kosten. Der Flecken im Murgtal ist Streuobstland. Der hiesige Obst- und Gartenbauverein ist mit 325 Mitgliedern nach dem Sportverein der zweitgrößte Club.

Hinter der Kelter plätschert der Trester in einen großen Container. Ein Schäfer wird ihn später holen als Futter für seine Tiere. Auch Jäger nehmen die Pressrückstände gerne – die Wildschweine und Rehe im Wald freuen sich. Aus dem Kelterfenster ragt ein kräftiger Schlauch heraus in ein blaues Fass, das auf einem Unimog steht. Der Schlauch ist etwas löchrig, der Saft spritzt in alle Richtungen. Eine Frau bückt sich, streckt den Finger in den Saftstrahl und schleckt ihn ab. „Mmh“, sagt sie.

Auch im Schwaikheimer Dornhau (Rems-Murr-Kreis) wird gleich gekostet. Der Natur- und Umweltschutzverein hat Kindergartenkinder und Grundschüler der Uhland-Schule zum Saftpressen in das Flurstück eingeladen, wo in den 80er Jahren eine Müllkompostanlage geplant war.

Auf der Streuobstwiese wachsen alte Sorten wie Gewürzluiken, Bittenfelder oder der Schwaikheimer Rambur, ein Baum, den der damals aus Protest gegen die Müllpläne gegründete Umweltschutzverein gepflanzt hat als Zeichen des Widerstands. Mit einer 60-Liter-Siebbandpresse wird der Saft gemacht, jedes Kind darf mal kurbeln. Dafür braucht man schon ein bisschen Muskelkraft. Mit dem Ergebnis sind die jungen Moster aber hochzufrieden: Jakob findet den Saft „total lecker“, für Alexia ist es sogar „der beste Saft, den ich je getrunken habe“. Finn redet nicht mehr, Finn trinkt lieber.

Der Weg zum eigenen Saft

Als Gütlesbesitzer kann man sein Streuobst abliefern – oder eben selbst nutzen. Der Nabu hat auf der Seite www.streuobst.de eine deutschlandweite Übersicht von Keltereien zusammengestellt, wo Privatleute ihre Äpfel zu Saft verarbeiten lassen können. Dieser Saft wird pasteurisiert und damit haltbar gemacht. Abgefüllt wird er in Plastikbeutel, die wiederum in Kartons verpackt werden – der so genannte Bag-in-box. In Frankreich sind diese Verpackungen auch beliebt als Weinbehältnisse. Hierzulande genießen sie aber beim Wein eine geringe Akzeptanz beim Endverbraucher.

Ungeöffnet soll der Saft in diesen Beuteln zwei Jahre lang haltbar sein. Ist der Beutel angezapft, bleibt er bis zu 90 Tage lang immer noch frisch: durch den Zapfhahn soll keine Luft nach innen gelangen. Damit sollen Verkeimungen oder beginnenden Oxidationsprozesse vermieden werden.

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