Moslem und in der CDU Der Zufallsschwabe

Von Almut Siefert 

Mit Video-Interview - Er ist engagiert, will etwas für die Gesellschaft tun. Salahdin Kobans Berufswunsch: Vollzeitpolitiker. Doch warum tritt ein junger Moslem ausgerechnet in die CDU ein?

Stuttgart - Mit der Liebe ist das so eine Sache. Er habe da ein Mädchen kennengelernt, sagt Salahdin Koban. Aber irgendwie hat er wohl etwas Falsches gesagt – oder getan. Glaubt er. „Jedenfalls hat sie mich bei Facebook gelöscht.“ Deshalb bleibe es erst mal dabei. Seine große Liebe ist die Heimat seiner Eltern: Das Kurdengebiet zwischen dem Irak und der Türkei. „Ich liebe die Landschaft dort, das Gebirge, ich mag die Menschen – das kurdische Volk kämpft seit 90 Jahren für seine Anerkennung.“ Sich selbst bezeichnet Salahdin Koban als Deutsch-Kurde. Und als Zufallsschwabe.

Für Politik habe er sich schon immer interessiert, sagt der 28-Jährige. „Mein Vater hat zu Hause immer Nachrichten geschaut.“ Salahdin Koban möchte die Gesellschaft mitgestalten. Deshalb ist er in eine Partei eingetreten. Das war 2010. Seitdem ist der junge Mann aus Schwaikheim im Rems-Murr-Kreis Mitglied in der CDU. Dass er Moslem ist, störe dabei nicht, sagt er.

Den Antrag auf die Partei-Mitgliedschaft hat Koban online ausgefüllt – und seine Konfession angegeben. Darauf kam prompt der Anruf des zuständigen Ortsvorstehers von Schwäbisch Gmünd. „Er fragte mich schlicht: Sind Sie sicher?“, erzählt Koban. Ja, war er. Und sein Antrag wurde einstimmt vom Gremium angenommen.

Vor allem Edmund Stoiber hat es Salahdin Koban angetan

„Das C im Namen der Union schreckt viele Migranten ab – dabei passt die Partei thematisch besser zu ihnen als so manch andere“, sagt der junge CDUler. Die meisten Migranten seien doch eigentlich sehr konservative Leute. Für ihn steht das C der Union für ein christliches Menschenbild: „aufgeklärt, friedlich, das alle Menschen aufnimmt.“

Wie er zur Partei kam? Edmund Stoiber hat es ihm angetan. „Ich habe mir immer im Fernsehen den politischen Aschermittwoch mit Stoiber angeschaut – den fand ich irgendwie faszinierend“, sagt Koban. Als er sich näher mit dem Programm und der Politik der Partei auseinandergesetzt hatte, sei ihm klar geworden: „die Union kann vernünftige Politik machen.“ Sie sei nicht so ideologisch wie andere Parteien. Eher rational. Vernünftig. Sagt Koban.

„Natürlich machen sie auch Fehler“, setzt er schnell hinterher. „Zum Beispiel ist der Ton manchmal etwas populistisch.“ Was er sich außerdem wünscht: Mehr Gelassenheit. Vor allem was die Debatte um die Homoehe angeht. „Ich verstehe den Wirbel um dieses Thema gar nicht“, sagt Koban. Schließlich gehe es doch niemanden etwas an, was ein anderer in seinem Privatleben treibe.

Eine negative Erfahrung ist ihm im Gedächtnis geblieben

Negative Erfahrungen hat er in der Union nur wenige gemacht. Doch an eine erinnert er sich. Eine kleine Veranstaltung, Aschermittwoch, irgendwo auf dem Land. „Wo, möchte ich nicht sagen.“ Das Durchschnittsalter zwischen 60 und 70 schätzt er. „Ich habe gefragt, ob ich mich an den Tisch dazu setzen kann“, erzählt er. „Oh, du sprichst ja deutsch“, war die Reaktion.

Seit zwei Jahren ist Salahdin Koban politisch aktiv. Er ist stellvertretender Vorsitzender der CDU Schwaikheim der Junge Europäischen Föderalisten (JEF) Stuttgart. Außerdem ist er Mitglied in der Jungen Union, in der Christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft, in der kommunalpolitischen Vereinigung der Partei, im Arbeitskreis Integration, in der Europaunion, der Deutsch-Israelischen und in der Deutsch-Arabischen Gesellschaft.

Und er ist Fußballfan. Vom 1. FC Köln. „Meine Eltern haben mal in Rheinberg gewohnt“, sagt Koban als wolle er sich dafür verteidigen. Dass er Schwabe sei, sei einem Zufall geschuldet. „Ich wurde in Mutlangen geboren, als meine Eltern hier im Urlaub waren. Aber nach ein paar Jahren im Rheinland sind wir dann hierher gezogen.“

Von den Lehrern in eine Schublade gesteckt

2014 hat Koban seine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Im Oktober beginnt er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre. Das mit der Schule, das sei so ein Thema gewesen. „In der Grundschule hatte ich furchtbare Lehrer“, sagt Koban. „Ich musste auf die Hauptschule, nur weil ich ein Migrantenkind war. Von den Lehrern wird man schnell in eine Schublade gesteckt.“ Was er davon hält, dass die grün-rote Landesregierung die bindende Lehrerempfehlung für weiterführende Schulen abgeschafft hat? „Eigentlich finde ich das gut“, sagt Koban. „Aber man muss auch die gestiegene Zahl der Sitzenbleiber seitdem im Kopf behalten.“

Der junge Mann, der im Hochsommer mit schwarzem Pulli und Hemd durch den Schlosspark läuft, hält von der Bildungspolitik Ketschmanns nicht viel. Vor allem nicht von dem Aktionsplan für mehr sexuelle Vielfalt im Unterricht. „Da wird das Bewusstsein auf ein anders sein gelenkt, das vorher eigentlich schon überwunden war“, findet Koban. „Damit baut man keine Vorurteile gegen Homosexuelle ab.“

Nach der Hauptschule und der Mittlerern Reife hat Koban sein Fachabi gemacht. Und danach erst mal ein Jahr lang gejobbt.„Leider habe ich es nicht gemacht wie viele meiner Freunde, die nach der Schule erst einmal rumgereist sind“, sagt er. „Die nächsten Jahr sind durchgeplant, da ist auch keine Zeit für so etwas.“ Koban feilt an seiner Karriere. Sein Berufswunsch: Vollzeit-Politiker. Am liebsten im Bund, Außenpolitik interessierte ihn am meisten.

Die Flüchtlingspolitik, glaubt Koban, werde zum zentralen Wahlkampfthema

Im Oktober schafft er es doch noch, wegzufahren. Für zwei Wochen, nach Dohuk, die Familie besuchen. Seit 2011 war er nicht mehr dort. Aus Dohuk stammt der Teil der Familie mütterlicherseits. „Die Familie meiner Mutter wurde aus dem Irak vertrieben“, erzählt Koban. „Die Familie meines Vaters, die aus Urfa Riha kommt, das liegt an der Grenze zu Kobane, hat die Flüchtlinge bei sich aufgenommen.“ So haben sich die Eltern kennenlernt. Der Vater ein türkischer Kurde, die Mutter eine irakische Kurdin – „Aber davon lassen sie sich nicht den Alltag versauen“, sagt Koban und lacht.

Dohuk, das ist auch die Stadt im Nordirak, in der das große Flüchtlingslager der Jesiden liegt, die von der Terrormiliz Islamischer Staat vertrieben wurden. Und es ist der Ort, an dem Ministerpräsident Winfried Kretschmann 1000 missbrauchte Frauen auswählen lässt, um sie in einem Sonderkontingent nach Baden-Württemberg zu holen und hier traumapsychologisch betreuen zu lassen. „Ein gutes Projekt“, findet Koban, auch wenn er sonst von Kretschmann nicht viel hält. „Eigentlich hätte man noch viel mehr Frauen aufnehmen müssen. Ich würde mir wünschen, dass der Bund da nachzieht.“

Die Flüchtlingspolitik, so glaubt der Nachwuchs-Politiker, wird das zentrale Thema im Landtagswahlkampf werden. Was er besser machen würde? „Die Einquartierung“, sagt Koban. Zelte für Flüchtlinge, wie sie vor wenigen Wochen an der A81 bei in Neuenstadt am Kocher nahe Heilbronn aufgebaut wurden, „sollte es in einem so reichen Land wie unserem nicht geben müssen.“

Dass der Beruf des Politikers auch schlechte Seiten hat, nimmt Koban in Kauf

Wichtig ist ihm: Hinter jeder Akte steckt ein Mensch. „Als ich klein war haben wir bei uns eine irakische Familie aufgenommen, die geflohen war“, erzählt Koban. Mit dieser Familie sei eine enge Freundschaft entstanden, die bis heute hält. Die Familie lebt noch immer in Baden-Württemberg, die Tochter hat gerade ihr Marketing-Studium abgeschlossen. „Viele verstehen Integrationspolitik nicht“, sagt Koban. „ Integration ist auch ein Bringschuld. Man sollte Migranten nicht immer nur als Opfer sehen.“

Es gibt so vieles, was Salahdin Koban als Politiker ändern möchte. Dass der Beruf auch seine schlechten Seiten hat, ist ihm durchaus bewusst. „Politiker altern irgendwie sehr schnell“, sagt der 28-Jährige und zählt auf: Merkel, Kretschmann, Obama. „Aber das wäre es mir wert.“

Um den Verfall in Grenzen zu halten ist es wichtig, den richtigen Ausgleich zu schaffen. Koban liest gerne, zuletzt die Memoiren von Altkanzler Helmut Kohl, und auch sonst viele Sachbücher, vor allem über den Nahen Osten. Er schreibe sogar selbst gerade ein Buch, gesteht er. Allerdings hat das ausnahmsweise einmal nichts mit Politik zu tun. „Es ist ein Liebesroman“.

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