Wollen künftig Projekte in den Bereichen Kultur und Medizin fördern: Ingmar Hoerr, Sara Hörr, Kiriakoula Kapousouzi und Florian von der Mülbe (v.l.n.r.) . Foto: Toby /Binder

Die Curevac-Gründer Ingmar Hoerr und Florian von der Mülbe gehen mit ihren Partnerinnen, Sara Hörr und Kiriakoula Kapousouzi, mit einer Stiftung an den Start.

Tübingen - In ihren nagelneuen Stiftungsräumen am Tübinger Marktplatz sprechen Ingmar Hoerr und seine Frau Sara gemeinsam mit Florian von der Mülbe und seiner Partnerin Kiriakoula Kapousouzi über die Ziele ihrer neuen Morpho Foundation, Ungewissheit an Weihnachten und die RNA-Revolution.

 

Herr Hoerr, warum gründen Sie eine Stiftung?

Ingmar Hoerr Ich bin ein Gründer. Wenn man wie ich im vergangenen Jahr ums Überleben kämpft, wird man nachdenklich und fragt sich: Was erwarte ich eigentlich vom Leben? Davor war ich durchdrungen von der RNA-Technologie. Jetzt möchten wir etwas Neues anstoßen.

Und wie früher gründen Sie gemeinsam mit einem alten Freund?

IH Es ist fantastisch, dass es wieder eine Gründung gemeinsam mit Florian von der Mülbe ist. Ohne ihn wäre Curevac nicht das geworden, was es ist. Wir zwei ergänzen uns: Ich bin der Visionär, aber mit mir allein hätte man die pharmazeutische Produktion niemals aufbauen können. Das habe ich im Labor gemerkt: Florian hat immer alles akribisch notiert, während ich in meinem Blätterwald die Hälfte der Zeit suchen musste, was ich mal wieder verlegt hatte.

Sara Hörr Wir kennen Florian und Kiriakoula schon so lange, privat und beruflich. Das ist eine tolle Symbiose zwischen uns. Die beiden standen uns auch zur Seite, als Ingmar so schwer erkrankt war.

Kiriakoula Kapousouzi Florian und ich wussten sofort: Bei der Stiftung wollen wir dabei sein.

Herr Hoerr, Sie hatten am Freitag, 13. März 2020, eine Hirnblutung. Ist die Stiftung nicht nur für andere, sondern auch für Ihr Seelenheil?

IH Als ich in der Reha einen Patienten in meinem Alter im Rollstuhl gesehen habe, der sein Kind kaum auf dem Schoß halten konnte, dachte ich: Das hätte ich sein können mit meinen Söhnen. Da kamen mir fast die Tränen und ich habe mir die Frage gestellt: Was erwarte ich von der Zeit auf der Welt, die mir bleibt? Ich bin zu jung, um nur Kakteen zu züchten. Mit der Stiftung können wir etwas bewegen und zugleich etwas zurückgeben. Das ist wie eine Therapie für mich.

Und was will die Stiftung?

SH Wir sind in zwei sehr unterschiedlichen Bereichen tätig: Ich war zehn Jahre an der Staatsoper Stuttgart in der Kommunikation, habe Rhetorik und Musikwissenschaft studiert. Von Ingmars Doktorarbeit verstehe ich ehrlich gesagt nicht viel mehr als die Präpositionen. Medizin, Gesundheit und Innovation sind Ingmars Themen, mir liegen Kunst und Kultur am Herzen. In diesen beiden Bereichen wollen wir uns einsetzen was wiederum sehr gut zur Familie von der Mülbe passt: Mit Koula und Florian teilen wir diese Interessen und Expertise – und die damit verbundenen Überzeugungen.

Das sind aber ganz schön unterschiedliche Bereiche, oder?

KK Das dachten wir am Anfang auch. Aber wenn man genau hinschaut, gibt es tatsächlich viele Überschneidungen und Berührungspunkte. Gerade in der Pandemie haben sich beide Bereiche auf ungute Weise unmittelbar und untrennbar miteinander verbunden: Die Kultur musste dichtmachen aufgrund der gesundheitlichen Situation auf der ganzen Welt. Und der Lockdown – gerade auch der kulturelle – hat wiederum ganz andere gesundheitliche Probleme bei den Menschen hervorgerufen.

Wie muss man sich die Stiftungsarbeit konkret vorstellen?

SH Wir stehen ja noch ganz am Anfang. Zunächst haben wir umfassend recherchiert: Was gibt es für gemeinnützige Projekte weltweit, die zu uns passen könnten? Bislang sind wir bei zwei Projekten im kulturellen Bereich und bei zwei Projekten im Bereich der Gesundheit eingestiegen.

Was sind das für Projekte?

SH Im kulturellen Bereich fördern wir zum Beispiel ein Projekt mit dem Ziel, Theaterarbeit an Grundschulen in Baden-Württemberg zu implementieren. Alle Kinder, unabhängig von ihrem familiären, sozialen und finanziellen Hintergrund sollten sich während ihrer Schulzeit in einem angstfreien Raum kreativ und künstlerisch ausprobieren können. So erleben sie, was es heißt, selbstwirksam und selbstbestimmt zu handeln. Wir sind überzeugt: künstlerisch-kreative Erfahrungen im Kindesalter sind die Voraussetzungen für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

IH Ein ganz anderes Projekt dreht sich um das Thema Wasserqualität in Indien. Wir arbeiten an einem Monitoring, das Gemeinden warnt, wenn ihr Wasser besonders keimbelastet ist. Hier bringen wir nicht nur Geld ein, sondern auch unser Know-how.

Florian von der Mülbe Aus der Abwasser-Analyse kann man extrem wichtige Erkenntnisse gewinnen, das hat man in der Pandemie gesehen: Man kann potenzielle Infektionsgeschehen frühzeitig vorhersehen und entsprechend präventiv handeln.

Wie viel Geld steht der Stiftung zur Verfügung?

FVDM Über Budgets möchten wir momentan noch nicht sprechen. Wir wollen erst einmal ins Tun kommen. Und insgesamt stehen immer die Inhalte an erster Stelle, da wir etwas positiv bewegen wollen.

In Zeiten, in denen es keine Zinsen gibt, haben viele Stiftungen Finanzierungsschwierigkeiten.

IH Deshalb haben wir auch keine klassische, auf die Ewigkeit hin angelegte Stiftung gegründet, die nur ihre Kapitalerträge einsetzen darf. Wir sind eine gemeinnützige GmbH. Wir wollen unser Geld verbrauchen, es noch zu unseren Lebzeiten an den richtigen Stellen investieren. Unser Ziel ist es, dass sich die von uns geförderten Projekte in ein paar Jahren selbst tragen.

Herr Hoerr, Herr von der Mülbe, Sie haben Curevac gemeinsam gegründet und über viele Jahre mühsam nach oben gebracht. Jetzt haben Sie das Unternehmen verlassen oder arbeiten in anderer Funktion mit. Wie schwer fällt das Loslassen?

IH Ich musste ja von allem loslassen letztes Jahr, da musste ich schauen, dass ich überlebe.

FVDM Ich bin Curevac ja auch weiterhin verbunden. Insgesamt können wir beide sagen: Irgendwann hat das Kind eine gewisse Reife und dann werden andere Stärken oder eine andere Umgebung benötigt. Dann ist es wichtig, es in gute und kompetente Hände für die neue Phase zu übergeben – und das haben wir getan.

SH Wir beide, Kiriakoula und ich, haben die Entwicklung der Firma über Jahre hinweg ganz nah mitverfolgt. Als ich Ingmar kennengelernt habe, war Curevac gerade gegründet und hatte gerade mal drei Mitarbeiter – Florian und Ingmar inklusive…

KK …und für diese drei Personen gab es ein Neun-Quadratmeter-Büro an der Uni mit zwei PCs. Jahr für Jahr haben wir für das Überleben der Firma mitgekämpft. Weihnachten wussten wir nie: Gibt es Curevac nächstes Jahr noch?

SH Und wenn wir beide telefoniert haben, hieß es oft mit einer Portion Galgenhumor: Hätten die zwei mal was Gescheites gelernt.

FVDM Und jetzt ist Curevac ein kleiner Konzern und hat nichtmehr viel mit dem Start-up zu tun, was es war, als alles anfing.

IH: Das macht das Loslassen vielleicht auch ein bisschen leichter.

Wie sehr hat es Sie getroffen, dass der Curevac-Impfstoff gegen Corona nicht so funktioniert hat wie erhofft?

IH Natürlich tut das weh. Allerdings kann ich zu den Gründen dafür nichts sagen, weil ich nach dem 13. März des vergangenen Jahres keinen Einblick mehr in die Entwicklung des Impfstoffes hatte. Worauf ich aber stolz bin, ist die Tatsache, dass wir die Pionierrolle hatten: Wer weiß, wo die RNA-Technologie heute stünde, wenn wir damals Curevac nicht gegründet hätten? Wir haben die erste RNA-Konferenz in Tübingen organisiert, bei der ein paar Fuzzis zusammengesessen sind. Heute freue ich mich, dass die Menschheit mit der RNA-Technologie eine medizinische Waffe zur Hand hat, die gegen vielfältige Krankheiten eingesetzt werden kann.

FVDM Wir haben immer von der RNA-Revolution gesprochen. Durch die Pandemie wurde diese beschleunigt. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die RNA sich irgendwann auch anders durchgesetzt hätte.

IH Und ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Die Protagonisten

Quartett
Die vier Stiftungsgründer haben alle an der Universität Tübingen promoviert. Florian von der Mülbe, geboren 1972 in Tübingen, studierte ebendort Biochemie. Ingmar Hoerr, geb oren 1968 in Neckarsulm, studierte in der Universitätsstadt Biologie. Hoerrs Promotion über die Entwicklung von RNA-Impfstoffen (1999) lieferte grundlegende Erkenntnisse, die ausschlaggebend waren für die Gründung von Curevac (2000). Sara Hörr, geboren 1978 in Stuttgartist promovierte Musikwissenschaftlerin. Die 1974 ebenfalls in Stuttgart geborene Kiriakoula Kapousouzi promovierte in BWL.

Schreibweise
Was ist richtig, Hoerr oder Hörr? Die korrekte Antwort lautet: beides. Ingmar Hoerr hat seinen Nachnamen wegen seiner vielen Auslandskontakte internationalisiert, Sara Hörr ist bei den Umlaut-Punkten geblieben.