„Die Vorwürfe sind aus der Luft gegriffen“, sagt der Tiroler Chefermittler Walter Pupp. Foto: dpa

Die österreichische Polizei liefert die Beweisstücke, die deutschen Kollegen lösen den Fall. Nach der Klärung der Mordfälle von Endingen und Kufstein gibt es nun Vorwürfe, die österreichischen Ermittler hätten nicht konsequent genug ihre Spuren verfolgt. Zu recht?

Endingen/Kufstein - Es kommt nicht häufig vor, dass Polizisten öffentlich Applaus erhalten. Am vergangenen Samstag, als in der Endinger Stadthalle die Festnahme eines Tatverdächtigen im Mordfall Carolin G. bekannt gegeben wurde, war dies anders. Auch für Walter Pupp, der als Vertreter der österreichischen Polizei auf dem Podium saß, war es ein guter Tag. Der Leiter des Tiroler Landeskriminalamtes kann auch die Akten im Fall der im Januar 2014 in Kufstein mutmaßlich vom selben Mann getöteten 20-jährigen Lucile K. schließen.

Die hervorragende grenzüberschreitende Zusammenarbeit habe den Erfolg möglich gemacht, hieß es damals. Doch nun sieht sich Pupp heftigen Vorwürfen ausgesetzt, formuliert von der in Freiburg erscheinenden „Badischen Zeitung“. Die Österreicher hätten nach dem Mord an Lucile K. nicht konsequent genug ermittelt. Von „Versäumnissen“ ist die Rede. So hätten die Tiroler Ermittler drei Jahre lang nicht herausgefunden, dass es sich bei der Tatwaffe, die Spezialtaucher kurz nach dem Mord aus dem Inn gefischt hatten, um die Hubstange eines Iveco-Lastwagens handelte.

Die Soko „Erle“ klärt den Fall

Die Freiburger Soko „Erle“ schaffte es und nutzte diese Erkenntnis zur entscheidenden Eingrenzung. Aus einer ebenfalls aus Österreich stammenden Mautliste mit 50 000 Lastwagen, die sich in der Mordnacht im Raum Kufstein befanden, filterten die Beamten 13 Iveco-Fahrer heraus. Unter ihnen befand sich auch der nun verhaftete 40-jährige rumänische Lastwagenfahrer. In Endingen war sein Handy am Tattag ins Netz eingeloggt. Eine DNA-Probe brachte mittlerweile Gewissheit.

Die Österreicher liefern die Beweisgegenstände, die Deutschen klären den Fall. Könnte Carolin G. noch leben, wenn schon die Tiroler Ermittler ihre Arbeit getan hätten, fragt nun die „Badische Zeitung“. Pupp reagiert ziemlich grantig. „Der Vorwurf ist aus der Luft gegriffen.“ Zwar habe er die Mautdaten nicht auswerten lassen. Doch dies habe mit rechtlichen Schranken zu tun, denen die Polizei in Österreich unterliege.

Das Rätsel mit der Hubstange

Im Unterschied zu Deutschland kennt die Alpenrepublik keine DNA-Reihentests. Wäre es gelungen, die Zahl der Verdächtigen aus der Mautdatenliste auf eine handhabbare Größe einzugrenzen, hätte man die verbliebenen Verdächtigen trotzdem nicht zu einer Speichelprobe nötigen können. Das geht nur in Deutschland, wo die Mautdaten dafür bisher nicht von der Polizei genutzt werden dürfen. Eine Auswertung erschien Pupp deshalb sinnlos, zumal die Herkunft der Hub­stange offen blieb. Auch der Soko „Erle“ fiel die Lösung des Rätsels übrigens nicht in den Schoß. Eine erste Nachfrage bei den Herstellern verlief negativ. „Wir mussten deutlich nachhaken“, sagt der Oberstaatsanwalt Michael Mächtle.

Die Sache mit dem Ermittlungsdruck

Die Beharrlichkeit der Freiburger Soko mag auch mit dem zu tun haben, was Polizei-Insider als „Ermittlungsdruck“ bezeichnen. Er sei in Endingen immens gewesen, hieß es bei der Pressekonferenz. Das Opfer war im Ort bestens integriert, umso stärker litt das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung. In Kufstein handelte es sich hingegen um eine französische Austauschstudentin. „Es gab nur ein geringes soziales Umfeld“, klagte Pupp auch über den Mangel an Ermittlungsansätzen.

In Österreich sieht man derweil keinen Anlass, an den eigenen Leuten zu zweifeln. „Wir wissen, die wertvolle Arbeit der Tiroler Landespolizeidirektion zu schätzen“, sagt der Sprecher der Landesregierung in Innsbruck, Florian Kurzthaler. Und auch Richard Kerber, Chef der Freiburger Soko „Erle“, bricht eine Lanze für die Tiroler Kollegen: „Dort wurde alles gemacht, was möglich war.“

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