Wolfgang Drexler beteuert, keine Angst vor anonymen Drohungen zu haben. Foto: dpa

Der SPD-Politiker Wolfgang Drexler wird in den sozialen Netzwerken von Reaktionen überrollt, nachdem er einer AfD-Abgeordneten den Handschlag verweigert hat. Der frühere Landtagsvizepräsident macht die AfD für das Klima der Spaltung und des Hasses verantwortlich.

Stuttgart - Der Sozialdemokrat Wolfgang Drexler hatte der AfD-Abgeordneten Christina Baum im Landtag nicht die Hand geben wollen. Ein SWR-Team hatte die Szene festgehalten und ins Internet gestellt. Daraufhin erhielt Drexler eine Morddrohung und wurde im Netz beschimpft. Diese massiven Angriffe auf einen Kritiker seien ein typisches Vorgehen von Rechtsradikalen, so der frühere Landtagsvizepräsident.

Herr Drexler, wie ernst nehmen Sie die anonyme Morddrohung?
Als Sprecher von Stuttgart 21 habe ich auch schon mal eine Morddrohung erhalten. Ernst nehmen muss man so was immer – ob ich Angst habe, ist eine andere Frage. Ich mach die Drohung öffentlich, was ein gewisser Schutz für mich ist. Aber es geht ja auch um meine Familie, da ist meine Sorge größer. Dezidiert steht drin: „Wer gegen die AfD ist, muss ermordet werden. Daher teilen wir Dir Drexler mit, dass wir entschieden haben…“ Dann geht es ziemlich detailliert gegen eine Angehörige. Ich sag nicht mehr dazu, weil ich nicht will, dass die Betroffene auch noch in den Fokus kommt. Für manchen in Deutschland zählt offenbar wieder die Sippenhaftung: Sobald ich was sage, hat es Auswirkungen auf meine Familie.
Was stört Sie an Christina Baum, der Sie den Handschlag verweigert haben?
Die Meinung, die auch die AfD verbreitet, im Parlament seien wir alle nett zueinander, kann ich nicht teilen. Ich muss realisieren, was die AfD draußen über uns sagt – was in der Öffentlichkeit stattfindet, muss einen Bezug zu unserer Arbeit haben. Und wenn Frau Baum von einer rot-grün linken Meinungsdiktatur in Baden-Württemberg spricht oder wenn sie davon redet, dass hierzulande Verhältnisse herrschen, die sie so nicht einmal in der DDR erlebt hätte oder wenn sie davon spricht, dass Kinder hier in den Kindergärten zu homosexuellen Handlungen animiert würden, was die Freiheit von Pädophilen und Sex ab 12 Jahren fördere oder wenn sie die Wahl einer muslimischen Landtagspräsidentin als weiteres Zeichen der Islamisierung Deutschlands wertet – dann muss doch klar sein, dass ich so einer Frau nicht die Hand gebe. Das hat auch nichts mit Höflichkeit und Erziehung zu tun. Ich muss doch eine Haltung haben. Demokraten müssen deutlich machen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen.
AfD-Fraktionschef Meuthen bezeichnet Ihr Verhalten als „ungeheuer stillos“ und „armselig“. Geben Sie sonstigen AfD-Abgeordneten die Hand?
Bisher ist noch niemand zu mir gekommen. Und es gibt sicherlich AfD-Leute, die da völlig unbeschriebene Blätter sind und solche Äußerungen nicht gemacht haben. Aber wir würden ja auf die Strategie von Meuthen eingehen, wenn wir nicht im Landtag einbeziehen, was außerhalb gesagt wird. Was ist daran stillos und armselig, wenn ich gut begründet jemandem die Hand nicht gebe? Man muss das nüchtern sehen und nicht in der Vorstellung des Herrn Meuthen, der sowieso alles verniedlicht und sich ständig in die Opferrolle begibt, aber selbst von einer „rot-grün 68er versifften Gesellschaft“ spricht.
Wie werten Sie die enorm vielen Reaktionen in den Internetforen?
Heute Morgen hat mir ein Rechtsanwalt aus dem Freiburger Raum geschrieben: Sobald man etwas gegen die AfD sagt und Haltung zeigt, beginnt der Shitstorm mit Tausenden von E-Mails. Man will denjenigen erst mal mundtot machen und isolieren. Das hat er auch erlebt. Deswegen hat er vorhergesagt, was jetzt mit mir passieren wird: eine Stigmatisierung mit vielen, auch organisierten Mails. Diese Art und Weise, jemanden nieder zu machen, war immer schon eine bewusste Aktion der Rechtsradikalen – in den neuen Bundesländern ist das noch viel schlimmer. Ich bekomme aber vor allem aus meinem Wahlkreis auch viele zustimmende Mails.
Geht die politische Kultur vor die Hunde?
Die geht vor die Hunde, wenn man sich nicht mehr inhaltlich auseinander setzt und wenn man wie in diesem Fall einer Morddrohung ausgesetzt wird. Meuthen müsste sich eher fragen, warum so etwas möglich ist in einer so banalen Situation. Da sorgt doch jemand für ein gesellschaftliches Klima des Hasses und der Spaltung, damit so etwas zustande kommt. Und dafür ist sicherlich nicht die SPD verantwortlich.

Das Gespräch führte Matthias Schiermeyer.

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