Aus einer Fahrerflucht im Wald wurde im Mai eine Mordermittlung. Das Motiv blieb mysteriös. Eine Erklärung könnte sein, dass das Opfer den Ehemann verpfiffen hatte.
Backnang - Der Crash war spektakulär und reichlich rätselhaft: Am helllichten Tag, kurz nach der Mittagszeit, hatte sich auf dem Autobahnzubringer von Backnang zur A 81 bei Großbottwar Anfang Mai ein Wagen mehrfach überschlagen. Auf der schnurgeraden Strecke, zwischen dem Abzweig nach Kleinaspach und der Kreuzung zum Steinheimer Forsthof, war der offenbar mit stark überhöhtem Tempo durch den Hardtwald rasende Fahrer auf den Grünstreifen geraten. Der 29-jährige Backnanger verlor die Kontrolle über seinen schwarzen Audi, dann rumpelte es heftig.
Den Unfallwagen fanden die Rettungskräfte verlassen vor
Doch als die Polizei und der Rettungsdienst an die Unfallstelle eilten, fanden sie den Wagen mit Pforzheimer Kennzeichen verlassen vor – der offenbar unverletzte Unfallpilot hatte das Weite gesucht und sich im angrenzenden Hardtwald buchstäblich in die Büsche geschlagen. Bei der Fahndung nach dem Fahrer suchten Streifenbeamte aus zwei Polizeipräsidien den flüchtigen Mann, auch ein Helikopter war im Einsatz.
Von Erfolg gekrönt war die Suchaktion erst gegen 16.30 Uhr, fast vier Stunden nach dem Unfall. Und mit der Entdeckung des Verstecks kam der Polizei auch der Verdacht, dass mehr als nur ein schnöder Verkehrsunfall hinter der Tempofahrt auf dem Autobahnzubringer stecken könnte. Auf die eher zufällige Frage, weshalb der schwarze Audi bis unters Dach mit Kleidungsstücken und Taschen beladen war, gab der 29-Jährige den Unfallermittlern offenbar den Hinweis auf eine in einer Doppelhaushälfte im Backnanger Seehofweg liegende Frauenleiche.
Im 15 Kilometer entfernten Seehofweg lag die Leiche in der Wohnung
Bei der Überprüfung der gut 15 Kilometer entfernten Wohnung entdeckte die Polizei den leblosen Körper einer mit Messerstichen getöteten 25-Jährigen – aus der Fahrerflucht im Wald war eine Mordermittlung geworden. Dass sich der Tatverdächtige eventuell selbst das Leben nehmen wollte, hielten an der Bergung des Fahrzeugs beteiligte Einsatzkräfte bereits im Mai für unwahrscheinlich. Auf einen Baum habe der Mann den schwarzen Audi schließlich nicht gesteuert, die Spuren des Unfalls deuten eher darauf hin, dass ihm auf der Flucht schlicht ein Fahrfehler unterlaufen war.
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Rätselhaft blieb allerdings das Motiv, weshalb die junge Frau sterben musste. Einen Hinweis gibt jetzt vier Monate nach der Tat die Staatsanwaltschaft Stuttgart. In einer am Donnerstag veröffentlichten Notiz teilt die Strafverfolgungsbehörde nicht nur mit, dass eine Anklage wegen Mordes gegen den 29-Jährigen erhoben wird. Sie nennt auch den Zorn des mutmaßlichen Täters über seine Ehefrau als möglichen Auslöser der Bluttat. Offenbar hatte die 25-Jährige ihren Mann bei der Polizei verpfiffen, weil er mit einem falschen Namen unterwegs war. „Nach Abschluss der Ermittlungen dürfte das Motiv für die Tat in der Verärgerung des Angeschuldigten zu sehen sein, dass ihn seine Ehefrau wegen des Führens einer falschen Personalie angezeigt hatte“, heißt es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart.
Gewartet wird noch auf ein Gutachten zur Schuldfähigkeit
Ausdrücklich erwähnt wird von den Strafverfolgern auch, dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen türkischen Staatsangehörigen handelt. Ob und wann dem nach wie vor in Untersuchungshaft sitzenden 29-Jährigen der Prozess gemacht wird, muss jetzt das Landgericht Stuttgart entscheiden. Exakte Verhandlungstermine sind allerdings erst zu erwarten, wenn auch ein in Auftrag gegebenes psychologisches Gutachten über den Backnanger vorliegt. Weil im Rahmen der Ermittlungen offenbar entsprechende Anhaltspunkte aufgetaucht sind, soll vor einem Prozess laut der Stuttgarter Staatsanwaltschaft geklärt werden, ob der 29-Jährige möglicherweise in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt sein könnte.
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