Extremismusforscher Andreas Zick Foto: Universität Bielefeld

Der Extremismusforscher Andreas Zick sieht einen hohen Grad an Radikalisierung in der Querdenken-Bewegung. Im Interview erzählt er, warum er glaubt, dass man die Szene stärker beobachten muss.

Stuttgart - Der Mann, der in Idar-Oberstein nach bisherigen Erkenntnissen im Streit um die Maskenpflicht einen Tankstellen-Mitarbeiter erschossen hat, sympathisiert mit der Querdenker-Milieu. Laut dem Extremismusforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld ist ein Blick auf die Szene der radikalen Corona-Leugner nötig.

 

Herr Zick, hätte man mit der Querdenker-Szene politisch anders umgehen müssen?

Die Szene ist sehr schwer einzuschätzen, zumal viele Menschen, die an den Protesten teilnehmen, bürgerlich und gewaltfern sind. Meines Erachtens hätten die Anzeichen von Radikalisierung und Gewalt ernstgenommen werden müssen. Wenn wir in einer Pandemiezeit, in der Kontakte extrem eingeschränkt sind und öffentliche Räume von Protesten durch Verstöße von Auflagen erobert werden, dann hätten die Anzeichen von Gewalt ernst genommen werden müssen. Wir stecken zu sehr in einer Dichotomie zwischen „harmloser Bewegung“ und „alle Extremisten“ fest. Es gilt in diesen Bewegungen, die sich immer in Pandemiezeiten entwickeln, früh die extremistischen Ideologien zu identifizieren, die Gewaltbilligung und -bereitschaft einzuschätzen, die Netzwerkaktivitäten gut zu verfolgen und zivilgesellschaftliche Kräfte, die sich mit der Bewegung auseinandersetzen, zu stärken.

Muss man mit weiteren Taten rechnen?

Wir müssen mit Taten rechnen. Es ist zu bedenken, dass diese Tat in einer Reihe dokumentierter Taten steht. Kriminalstatistiken sowie Forschungsbeobachtungen weisen seit Monaten auf einen Anstieg an ideologisch motivierten Hasstaten, Aggressionen gegen Politikerinnen und Politiker, Angriffe auf Polizei und andere hin. Es hat eine Radikalisierung im Netz gegeben, die immer auch feindselige Bilder gegen Personen aufweist. Wer sich in manche Netze der Coronaleugner bewegt, erfährt stärker Druck als früher. Die Netzwerke haben sich ausgebaut und die Heroisierung im Netz und das Lob für die Tat sowie den Täter wird die Radikalisierung vorantreiben.

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Lassen sich derartige Taten verhindern?

Das ist Aufgabe einer Radikalisierungsprävention, wie wir sie gut aus der Prävention bei islamistischen Taten kennen und entwickelt haben. Die politische Bildung zu den Coronaregeln und den demokratischen Möglichkeiten, sie zu kritisieren, kann verbessert werden. Und: Der Täter hatte eine Waffe. Es muss uns beunruhigen, wenn Menschen, die Widerstandsideologien teilen, Waffen besitzen. Hierzu brauchen wir eine intelligente Risikoeinschätzung.

Welche Menschen sind besonders gefährdet, in derartige Szenen, die sich von der herrschenden Mehrheitsgesellschaft abspalten, abzudriften?

Es sind vor allem Menschen, die sich fast nur noch in der Szene und ihren Meinungsmilieus informieren. Sie teilen Feindbilder, die es schon vor den Protesten gab. Es sind Rechtsextreme und Rechtspopulisten, die mit den Protesten ein neues Aktionsfeld haben. Es sind Menschen, die sich mit den Coronaregeln überfordert fühlen und Angst haben, dass die Impfung mehr Schaden als Nutzen bringt. Es sind auch Bürgerinnen und Bürger, die aus allen Schichten kommen.

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Ist die Pandemie ein Auslöser dafür oder eher als eine Art Katalysator für bereits bestehende Probleme zu sehen?

Wir sehen in Teilen Menschen, die sich bisher nicht in radikale Milieus bewegt haben. Corona und die einhergehenden Ängste und Belastungen sind auslösend für die Suche nach Antworten, die die Gruppen geben. Wenn wir die aktions- und kampagnenorientierten Gruppen betrachten und hier vor allem die radikalen und extremistisch orientierten Gruppen, dann fallen dort Personen und Gruppen auf, die schon weit vor Corona politisch unterwegs waren. Das erklärt auch, warum die Coronaproteste so schnell und professionell organisiert waren.

Zur Person

Leben
 Andreas Zick, geboren 1962 in Essen, ist Sozialpsychologe. Er ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung und leitet seit April 2013 das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld. Er forscht zu Diskriminierung, Gewalt, Menschenfeindlichkeit und Vorurteilen.

Lehre
 Er studierte Psychologie und evangelische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum und schloss mit einem Diplom in Psychologie ab. (nay)