Intaktes Moor – fast kein deutsches Feuchtgebiet ist noch in einem solch guten Zustand. Foto: Süddeutsche Zeitung Photo

Mit interaktiver Grafik - Moore sind gigantische Kohlestoffspeicher. Wenn sie trockengelegt werden, kann das massive Auswirkungen auf das Weltklima haben. Mit findigen Ansätzen versuchen Wissenschaftler nun, Sumpflandschaften wiederherzustellen.

Stuttgart/Weihenstephan - Seit einiger Zeit muss sich Matthias Drösler mit seltsamen Worten herumschlagen: Futures, Zertifikate, Benefits – allesamt wirtschaftswissenschaftliche Begriffe, die eher in Frankfurter Bankzentralen passen als in die dunstig-schmatzenden Moorlandschaften Oberbayerns – das normale Einsatzgebiet von Matthias Drösler.

Drösler ist Professor für Vegetationsökologie und einer der besten Kenner feuchter Ökosysteme Deutschlands. Jahrelang hat er deren Bedeutung für Landschaften und Tierwelt unter die Lupe genommen und dabei auch ihre Relevanz für das Klima untersucht. Sein knapper Befund nach intensiver Forschungsarbeit in Gummistiefeln und Anglerhose: „Die Moore sind in keinem guten Zustand“, und das obwohl ihre Bedeutung enorm ist – gerade fürs Klima.

Fast 18 000 Quadratkilometer Moorflächen liegen in der Bundesrepublik. Grob gesprochen erstrecken sie sich nördlich einer Linie Dresden–Leipzig–Hannover und südlich der Donau. Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben im Bundesländervergleich mit Abstand die meisten Feuchtgebiete auf ihrem Landesgebiet, aber auch in Bayern und Baden-Württemberg – etwa im Landkreis Ravensburg – finden sich viele der blubbernden Biotope. Oft sind diese als Moore aber gar nicht mehr erkennbar.

Trocken gelegte Moore sind die zweitgrößten Treibhausgasproduzenten Deutschlands

„Fast drei Viertel der deutschen Moorflächen sind landwirtschaftlich genutzt“, sagt Drösler. Das gehe fast immer mit einer Entwässerung einher. Weil Traktoren auf den feuchten Böden einsinken würden, werden Gräben außen herumgezogen und die Flächen so trockengelegt. Hierin liegt nach Ansicht des Fachmanns eines der größten Probleme überhaupt. Denn eigentlich sind die gluckernden Ökosysteme riesige Speicher für diverse Treibhausgase. Allein in den Mooren von Baden-Württemberg sind nach Daten des Stuttgarter Landwirtschaftministeriums geschätzte 30 Millionen Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Bleiben die Flächen gut durchnässt, nehmen sie sogar immer mehr Kohlenstoff auf. Sie fungieren dann wie eine Art riesiger Treibhausgas-Staubsauger: Durch chemische Prozesse entziehen sie der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid (CO2) und lagern ihn dauerhaft im Torf ein.

Das ganze System kippt in dem Moment, wenn die Böden trockengelegt werden. Dann läuft der ganze Prozess rückwärts. Unter diesen Umständen können sich die Lungen der Atmosphäre in echte Klimakiller verwandeln, die jährlich Millionen Tonnen hochwirksame Klimagase in die Luft abgeben. Ein Vorgang, der bis vor wenigen Jahren schlecht erforscht war und dessen enorme Bedeutung für das Weltklima die Politik erst langsam zu begreifen beginnt.

„Wir müssen uns darüber klarwerden, dass sich trockengelegte Moore zur größten einzelnen Quelle für Treibhausgase außerhalb des Energiesektors entwickelt haben“, sagt Fachmann Drösler. Nach Daten der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, an der der Professor lehrt, gasen allein die deutschen Sümpfe pro Jahr mittlerweile rund 46 Millionen Tonnen Treibhausgase aus, vor allem Methan, Kohlendioxid und Lachgas, das rund 300-mal so klimaschädlich ist wie CO2. Eine „enorme Menge“, sagt der Wissenschaftler. Alles zusammengenommen entspricht das rund 5 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen. Anders als über die Klimakiller Verkehr, Kraftwerke und Industrie rede über die Bedeutung der Moore aber fast niemand, sagt Drösler.

Moore | Create infographics

Moorschutz hat daher nach Meinung des Wissenschaftlers oberste Priorität – und dafür geht er unkonventionelle Wege. Zusammen mit anderen Fachleuten hat er ein Konzept entwickelt, durch das Unternehmen und Privatleute in den Klimaschutz investieren können und dabei gleichzeitig helfen, die Moore als größte Kohlenstoffspeicher des Bodens zu erhalten.

Ganz neu ist der Ansatz nicht. Wer seine persönliche Treibhausgasbilanz verbessern will, kann das schon bisher auf verschiedenen Wegen tun. So bietet beispielsweise die gemeinnützige Organisation Atmosfair Fluggästen an, die durchs Verreisen entstehenden CO2-Emissionen auszugleichen. Wer in Sachen Treibhausgas reinen Tisch machen will, kann den Barwert des von ihm ausgestoßenen Klimagases mit der Hilfe von Atmosfair in Kompensationsprojekte wie die Aufforstung von Wäldern stecken.

Dröslers Ansatz – genannt Moorbenefits – dehnt diesen Mechanismus nun auf Moore aus, von denen die wenigsten in Deutschland noch in Urzustand sind. Das Team des Professors wählt zusammen mit Projektpartnern wichtige Moorflächen aus. Die Gesamtkosten zur Renaturierung werden errechnet und Moorbenefits in exakt diesem Gegenwert auf einem frei zugänglichen Markt zum Kauf angeboten. Mit den Einnahmen wird das Feuchtgebiet wieder in den Urzustand versetzt. Die Klimalunge beginnt von neuem zu atmen. Vorreiter dieses ungewöhnlichen Weges zum Klimaschutz ist Mecklenburg-Vorpommern. Dort werden sogenannte Moor-Futures seit 2011 gehandelt. Unter der Regie der Uni Greifswald wurde bereits 2012 das erste Moor „wiedervernässt“, wie die Fachleute sagen. Unter dem Stichwort Moorland werkelt der BUND derzeit ebenfalls an einem ähnlichen Sumpf-Wertpapier.

Firmen wie VW oder McDonald’s kaufen Moor-Wertpapiere

Das Konzept scheint Schule zu machen. Zu den Käufern der Moor-Papiere gehören neben Privatleuten auch Firmen wie VW, McDonald’s, Wemag sowie diverse Mittelständler.

Auch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben sich mittlerweile einem der Zertifikate-Märkte angeschlossen. In Baden-Württemberg, wo Moorschutz ein Schwerpunkt der Naturschutzstrategie und im Koalitionsvertrag verankert ist, zögert man noch. Kapital- und Verwaltungsaufwand seien noch nicht klar, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Man schaue sich das „genau an“, setze zunächst aber auf die im Juli gestartete Landes-Moorschutz-Offensive, die mehr Geld für die Feuchtflächen bereitstellen wird. Die oft millionenschweren Landesprogramme zur Moor-Ertüchtigung sind auch nach Dröslers Einschätzung das wichtigste Instrument. Privatleute und Unternehmen über findige Wertpapiere für den Moorschutz zu begeistern, sei aber eine „wichtige Ergänzung“, die dringend gebraucht werde.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: