Schule am Computer – in Baden-Württemberg soll das über die Lernplattform Moodle laufen. Foto: dpa/Marijan Murat

Um 8 Uhr saßen viele Schüler in Baden-Württemberg erwartungsvoll vor dem Computer oder dem Tablet. Doch vielerorts wollte die Lernplattform Moodle nicht in Gang kommen.

Stuttgart - Der Schulstart nach dem Weihnachtsferien sollte für viele Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg zu Hause am Computer beginnen – doch bei vielen sorgte offenbar die Lernplattform Moodle für Probleme.

Zahlreiche frustrierte Eltern, Schüler und Lehrer klagten im Kurznachrichtendienst Twitter ihr Leid: So saßen sie Punkt 8 Uhr zwar vor dem Rechner oder dem Tablet, aber bei vielen war die Lernplattform nur schlecht oder gar nicht zu erreichen. Wenn man sich einloggen konnte, setzten häufig Ton und Bild immer wieder aus.

Ähnliche Tweets sah man aus ganz Baden-Württemberg:

Andere zeigten Verständnis: „Plötzlich ne halbe Million Schüler (alleine in Baden-Württemberg) auf ner Infrastruktur zu haben ist alles außer trivial. Egal ob von BelWü gehostetes Moodle, Zoom, Teams oder was auch immer“, schrieb ein anderer und gab gleich noch einen Tipp: „Einfach ruhig durchatmen. Das wird schon.“

Kultusministerium: 200 Schulen betroffen

In einer Stellungnahme bestätigte das Kultusministerium die Probleme: „Zum Start des Fernunterrichts heute Morgen haben das Kultusministerium mehrere Rückmeldungen erreicht, dass einige Moodle-Instanzen nicht erreichbar sind, das heißt verlangsamt beantwortet werden oder eine Fehlermeldung erzeugen.“ Das Wissenschaftsnetz des Landes „BelWü“, das die Plattform betreibt, habe die Probleme bei 200 betroffenen Schulen festgestellt. „In weiten Teilen Baden-Württembergs und bei der überwiegenden Mehrheit der Schulen funktioniert Moodle jedoch störungsfrei.“ Das Überlastungsproblem habe man „umgehend angepackt“ und mehr Serverkapazitäten zur Verfügung gestellt. Die Probleme sollten damit im Laufe des Tages behoben sein, kündigte das Ministerium an. Laut Kultusministerium nutzen aktuell etwa 600.000 Nutzerinnen und Nutzern und etwa die Hälfte aller Schulen die Lernplattform Moodle.

Im Laufe des Vormittags schien sich der Moodle-Schluckauf dann auch tatsächlich zu beruhigen.

Moodle ist ein Lernmanagementsystem, über das Schüler und Lehrer online miteinander in Kontakt treten. Darin können Lerngruppen eingerichtet und Aufgaben verteilt und dann bearbeitet zurückgegeben werden. Schüler und Lehrer können in Foren miteinander diskutieren und Informationen austauschen. Zudem gibt es eine Art Chatfunktion.

DDos-Angriffe auf einen Server

„Die Moodle-Plattform hat heute morgen um Punkt 8 Uhr alle Rekorde gebrochen. Die meisten Instanzen halten dem Ansturm stand“, heißt es beim Wissenschaftsnetz des Landes „BelWü“ über den Status von Moodle. „Nur ein kleiner Teil der Zugriffe sind im Moment langsam (länger als 5 Sekunden), oder werfen eine Fehlermeldung. Diese konzentrieren sich auf einzelne Server. Einer der Server bekommt DDoS-Angriffe ab und ist deshalb überlastet. Bei weiteren Servern gibt es aktuell Softwareprobleme, die die Performance der Server einschränken. Wir arbeiten im Moment daran, die Probleme einzugrenzen und zu lösen.“ Bei DDoS-Angriffen (Distributed Denial of Service) werden Server mit einer Flut sinnloser Anfragen in die Knie gezwungen.

Im Nachbarbundesland Rheinland-Pfalz hatte die Lernplattform zum Schulstart vergangene Woche ebenfalls mit massiven Problemen zu kämpfen: Das rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums hatte als Ursache auch Hacker-Angriffe von außen genannt.

Kritik von SPD und FDP

Kritik am verkorksten Moodle-Start kam von der Opposition: „Die Kultusministerin hatte über neun Monate Zeit, um ein funktionierendes Fernlernsystem auf die Beine zu stellen“, sagte SPD-Generalsekretär Sascha Binder. „Aber sie war vermutlich einfach zu beschäftigt mit ihren Wahlkampfveranstaltungen.“ FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warf Kultusministerin Susanne Eisenmann und Digitalminister Thomas Strobl (CDU) Totalversagen vor. „Früher hieß es: Wir können alles außer Hochdeutsch! Heute heißt es: Wir können alles außer Schule und impfen!“, sagte Rülke in Anlehnung an eine Werbekampagne des Landes.

Matthias Wagner-Uhl, der Vorsitzende des Vereins für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg nannte die Moodle-Probleme einen „eindrucksvollen Beleg, warum die verantwortliche Kultusministerin so hartnäckig auf Präsenzunterricht als aus ihrer Sicht einzig richtigen Ansatz für Schule pocht. Die Plattformen und Server der Landeslösungen waren dem Ansturm hoch motivierter Lernender und ihrer Lehrer:innen nicht gewachsen.“

Fernunterricht in fast allen Schulen

Für fast alle Schulen im Land begann das Jahr am Montag mit verpflichtendem Fernunterricht, weil die Corona-Infektionszahlen weiterhin zu hoch sind. Deshalb haben sich Bund und Länder in ihren jüngsten Beratungen darauf geeinigt, frühestens Ende Januar wieder in den flächendeckenden Präsenzunterricht für alle Schularten einzusteigen.

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Baden-Württemberg will in einem Fall aber einen Sonderweg gehen und seinen Spielraum nutzen: Falls die Infektionszahlen es zulassen, sollen Kita-Kinder, Grundschüler und die Abschlussklassen ab 18. Januar wieder vor Ort betreut beziehungsweise unterrichtet werden. Eine Entscheidung will die Landesregierung am Donnerstag treffen. Die meisten anderen Bundesländer lassen Schulen wie vereinbart generell geschlossen.

Für Schüler der Klassen 1 bis 7 wird eine Notbetreuung angeboten - allerdings nur für Kinder, „deren Eltern zwingend auf eine Betreuung angewiesen sind“, wie das Kultusministerium festlegt. Eltern müssen nachweisen, „dass beide entweder in ihrer beruflichen Tätigkeit unabkömmlich sind oder ein Studium absolvieren oder eine Schule besuchen, sofern sie die Abschlussprüfung im Jahr 2021 anstreben“.

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