Im Club Wizemann präsentiert die Staatsoper Stuttgart zum Saisonfinale das erste Erfolgsstück der Operngeschichte als Sommerabendsfantasie in mehreren Stationen.
Charon, der Fährmann zwischen Welt und Totenreich, eilt die Treppe zum Hof hinab, schaut auf Orpheus, der unten eindrucksvoll um seine Eurydike klagt: so schön, so voller Gefühl. Charon bleibt stehen – und lächelt: Meint der hübsche Sänger da mich? Andrew Bogard ist Charon, italienisch: Caronte, und wie er sich da windet und eitel durch sein Haar fährt („Wohl schmeichelt mir dein Klagen und dein Gesang“, heißt es im Text): Da wird die eigentlich so dunkle Todes-Geschichte von Monteverdis frühbarockem „L’Orfeo“ ganz leicht, ganz nahbar und ganz Spiel.
Die Produktion, mit der die Staatsoper Stuttgart am Freitagabend im Wizemann ihre Spielzeit beendet, ist eine Fantasie jenseits vorgegebener Formen und traditioneller Räume, und lustvoll werden hier auch die Ebenen umgekehrt: Die Hölle ist oben, auf dem Parkdeck – was auf schräge Weise sowohl zum Lärm der vorbeifahrenden Autos als auch zu dem riesigen Plakat dahinter passt, das für den „Tanz der Vampire“ wirbt.
Kraftvoll singt Moritz Kallenberg den sagenhaften Narziss
Gestartet ist der Opernparcours im Hof vor dem Eingang. Dort präsentiert sich kokett und mit glasklaren Tongirlanden Josefin Feiler als sehr menschliche Allegorie der Musik, und der Tenor Moritz Kallenberg tritt auf als Orpheus, der mythische Sänger. Frau Musica gibt ihm eine Spiegelscherbe und Kopfhörer – Insignien eines Künstlers ebenso wie des sagenhaften Narziss.
Tatsächlich gehört es zum Konzept von Marco Stormans Inszenierung, die narzisstischen Anteile des Titelhelden im Laufe des Abends immer stärker nach außen treten zu lassen. Kallenberg singt mit Kraft, Präzision, Ausdauer selbst bei langen Verzierungsstrecken; er verausgabt sich auf bewundernswerte Weise.
Ein schweißtreibender Abend
Bläser und Schlagwerk rufen mit Monteverdis Eingangstoccata in die Katakomben. Dort, bei den Hirten und Nymphen, wird es fast unerträglich heiß. Deshalb schlängeln sich nach dem Akt auch nicht wie vorgesehen alle Besucherinnen und Besucher durch die schmale Spiegel-Drehtür am Ende des langen, schwarzen Laufstegs, sondern nehmen gerne auch die Abkürzung durchs weit geöffnete Tor in den Hof. Dort kann man erleben, wie viel Schweiß die Tontechnik in diesen Abend investieren muss.
Das Staatsorchester sitzt drinnen, die Sänger sind draußen, die Koordination klappt gut, wenn nicht außerdem noch die vorab produzierte Tonaufnahme des Staatsopernchors hinzukommt. Dann klappert’s hörbar, auch wenn der Dirigent Killian Farrell tut, was in seiner Kraft steht.
Am Ende macht sich Orpheus vom Acker
Das Ende? Auch das Publikum bekommt Spiegelscherben in die Hand gedrückt: Wir alle sind Orpheus – na ja. Beim Wandeln von einer Station zur anderen tropften aus Lautsprechern Gedanken zum Mythos von Ovid, Houellebecq – und von Elfriede Jelinek, bei der Eurydike überhaupt keine Lust hat, als bloße weibliche Dekoration in die Welt eines selbstverliebten Künstlers zurückzukehren.
Und der arme Orpheus? Der hat das vielleicht gehört. Er macht sich eilends vom Acker.
Nochmals an diesem Dienstag um 19.30 Uhr im Wizemann. Karten: 07 11 / 20 20 90 oder unter www.staatsoper-stuttgart.de