„Monte Verità“ im Heusteigtheater Ein Berg und seine Nachwirkungen

Von Andrea Kachelriess 

Aus einem Stoffobjekt der Künstlerin  Nora Haser, ragt der Fuß der  Tänzerin Marina Grün Foto: Uka Meissner
Aus einem Stoffobjekt der Künstlerin Nora Haser, ragt der Fuß der Tänzerin Marina Grün Foto: Uka Meissner

Die Tänzerin und Choreografin Juliette Villemin erinnert im Heusteigtheater mit ihrem Projekt „Monte Verità – Raumdeutungen“ an die ersten Aussteiger. Der Raum steht bei diesem Tanz-Kunstprojekt auch für erdrückende Ordnung, für Macht und Zwänge.

Stuttgart - Monte Verità? Heute ist der grüne Hügel hinter Ascona mit den Villen und Apartmenthäusern der Reichen übersät. Und tatsächlich sind die Ideen, die ein paar rebellische Aussteiger dort überm Lago Maggiore vor hundert Jahren ausbrüteten, sehr weit weg von unserer Realität. Oder doch nicht?

Die in Stuttgart lebende Tänzerin und Choreografin Juliette Villemin erinnert derzeit im Heusteigtheater mit ihrem Projekt „Monte Verità – Raumdeutungen“ an die Querdenker von einst. Der Titel deutet an, dass es der Spanierin um einen sehr spezifischen Aspekt geht. Doch wer bei der Premiere am Donnerstag auf die Zitate traf, die Ideen der Pianistin Ida Hofmann oder des Tänzers Rudolf von Laban im Vorraum der Bühne versammeln, erkennt schnell, dass der Raum auch Synonym sein kann. Für erdrückende Ordnung, für Macht und Zwänge, wie Ida Hofmann notierte.

Die Befreiung daraus in individuellen Regungen erprobten die Tänzer im Dialog mit anderen Künstlern auf dem Monte Verità. Im Dialog mit Kunststudenten knüpft Juliette Villemin in einer über mehrere Stationen bespielbaren Rauminstallation an die fruchtbare Zeit der ersten Avantgarden an, als Rudolf von Labans Schülerinnen barfuß oder nackt durchs Gras tanzten. Eins mit dem Kosmos wollten sie sein und versuchten, die Trennung zwischen dem Raum und der Person, die in ihm tanzt, aufzulösen. Diese individuelle Dynamisierung darf man auch als Antwort verstehen auf die technische Revolution und ihre Beschleunigungen, damals so herausfordernd wie die digitale heute.

Wie Befreiung ausgesehen haben könnte, zeigt die Tänzerin Kira Senkpiel. Ihr Solo inspiriert sich an „Orchidee“ der Laban-Schülerin Dussia Bereska aus dem Jahr 1922. In aus Stoff drapierten Blütenblättern sitzend, befreit die Tänzerin mit animalischen Lauten und Bewegungen ihren Oberkörper aus einer angetrockneten Tonschicht. Die Avantgarde von einst ist heute tänzerisches Allgemeingut, das zeigen auch die anderen Interventionen der insgesamt vier Tänzerinnen, die sich aus Stoffkugeln schälen oder Atmen sichtbar machen – was auch die meditativen Mitmach-Installationen der Kunststudenten tun. Oft ist die ganze Aufmerksamkeit des Publikums gefordert, eine Konzentration, die ein wenig die Offenheit dieser Rauminstallation untergräbt.

Weitere Aufführungen in der Heusteigstraße 45 noch an diesem Samstag (19 und 21 Uhr) und Sonntag (18 und 20 Uhr).

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