Solidarität gibt es unter den Bergsteigern keine: Im Studio Theater ist das Bergsteigerdrama „Monte Rosa“ der Österreicherin Teresa Dopler zu sehen - als kühle Groteske über Männer am Limit.
Gnadenlos urteilt Bergsteiger A über den Körperbau von Bergsteiger B. „Also dein Hintern ist schon überdurchschnittlich groß. Falls er noch größer werden würde, mmh.“ Aber Häme ist da keine herauszuhören? Nüchtern, sachlich und unbestechlich, so begegnen sich die zwei Männer am Berg (Boris Rosenberger und Sven Djurovic). Bevor sie die Hosen runterlassen – und das ist wörtlich gemeint –, haben sie sich schon eine Weile über ihren jeweiligen Anstieg und über den wichtigsten Muskel dabei unterhalten. Das Gehirn.
Es ist ein permanentes Kräftemessen, dem sich die zwei Männer scheinbar unberührt und faktenbasiert unterziehen. Ist die Route über die Südflanke nicht die anstrengendere? Und hat nicht Bergsteiger B zwar den dickeren Hintern, aber ist dafür die Körperhaltung von Bergsteiger A nicht mindestens genauso kritikwürdig? Immerhin ist er ins Straucheln geraten beim Aufstieg. B hat das genau gesehen. Das Taxieren und Konkurrieren hat schon lange vor der Zufallsbegegnung unterm Gipfel begonnen.
Homoerotik in steinerner Atmosphäre
So monoton und emotionslos die Sätze auch schnurren, es blitzt immer wieder wie ein kurzes Wetterleuchten eine Irritation hervor. Boris Rosenberger gelingt dieses subtile Spiel zwischen coolem Bergsteiger-Geplauder und irrlichternder Emotion besonders gut. Es sind nur Nuancen in seiner Mimik, die Bände sprechen.
Die Österreicherin Teresa Dopler hat wohl den einen oder anderen Gipfelstürmerdialog gehört, bevor sie diese Sätze in ihrer Groteske „Monte Rosa“ unters semantische Skalpell gelegt hat. Wie ein Echo verstärken sich die Angebereien im Pingpong des Dialogs. Bis zuweilen das Seil reißt: Nein, an der Felskante hat sich A beim Aufstieg mit Überhang doch nicht festgebissen, auch wenn er so gute Zähne hat. Ha ha. Das war doch nur ein Witz.
Doch die Gestalten, die im gemalten Gebirge mit Schleich-Steinbock-Figuren (Bühne: Leah Lichtwitz) unterwegs sind, sind nicht nur komisch, sondern vor allem sonderbar. Gesichtsblind, vergesslich und seltsam verloren in einer Welt, in der die Luft schon lange nicht mehr frisch, sondern von Dunst durchzogen und ziemlich toxisch ist. Solidarität unter Bergsteigern? Fehlanzeige. Seilschaften? Die sieht man nur in der Ferne.
Ein Mord? Ein Unfall?
Die Berge fordern ihren Tribut. Sie lösen sich auf, immer wieder hagelt es Steinschläge. Und irgendwann liegt der extrem attraktive, weil noch so junge Bergsteiger C (Joscha Schönhaus) tot hinterm Fels, nachdem er vorher die körperlichen Vorzüge von Bergsteiger B ausgekostet hat. Ein Mord? Ein Unfall? Wer weiß. Es kümmert auch niemanden. Homoerotik, ja, die gibt es, aber Liebe als Erlösung ist in dieser steinernen Welt nicht vorgesehen. Es herrscht das große Vergessen. Und so endet der mit 75 Minuten genau richtig getimte und mitunter sehr witzige Abend unter der Regie von Daniela Urban auch in einer Schlaufe: „Berg Heil! Über welchen Anstieg bist du gekommen?“
Termine: 22.–25. Mai, 5.–8. Juni, 12.–15. Juni