Ralf Vogel im Dialog mit Sarah Wiener Foto: Ines Rudel

Seit 16 Jahren lockt Ralf Vogel mit seinem ungewöhnlichen Gottesdienstformat sehr viele Stuttgarter in die Kirche. Im Interview verrät er sein Erfolgsgeheimnis. Und plaudert über sein neues Buch zu den Nachtschichten.

Herr Vogel, musste das sein?
Was?
Ein Buch über Ihren Nachtschicht-Gottesdienst zu schreiben.
Müssen tut man natürlich gar nichts. Aber ich finde es genial.
Das müssen Sie natürlich sagen.
Mit geht es als Pfarrer da ein bisschen wie einer Hausfrau. Man schafft und schafft, sieht aber hinterher nichts mehr davon. Die Gespräche der Nachtschichten gibt es zwar auf DVD, aber so bleiben doch einige Momente herausgehoben.
Sie meinen, so werden es Momente für die Ewigkeit.
Ewig ist gar nichts. Aber es ist schön, dass man etwas anschauen kann, sich erinnern kann.
Taugt ein Buch dazu, die Lebendigkeit der Nachtschichten zu transportieren?
Ich glaube schon. Es sind schließlich die Höhepunkte aus 16 Jahren. Zudem hat das geschriebene Wort im Gegensatz zum gesprochenen eine Stärke: Manchmal stolpert man beim Lesen, aber das ist oft viel eindrücklicher. Und darüber sollen die Leute dann auch stolpern.
So wie über die wesentlichen Fragen des Lebens, die Sie in Ihrem Buch beantworten ­wollen?
In dieser Hinsicht bildet dieses Buch sehr gut die Nachtschicht ab. Wir haben es uns ja zur Aufgabe gemacht, die gesellschaftlichen und existenziellen Fragen anzusprechen. Aber wissen Sie, was noch wichtiger ist?
Raus damit.
Die Frage, wie wir mit dem Leid umgehen. Und zwar ganz konkret und nah. Bei Krankheit, bei Behinderung, bei einem selbst und anderen.
Das klingt weniger nach Jenseits und vielmehr nach Diesseits.
Es gibt nichts Metaphysischeres als das. Das ist die Frage, vor der wir permanent stehen. Das ist die Aufgabe des Gottesdienstes, dieses allgegenwärtige Leid nicht auszublenden. Es müssen sich neue Horizonte auftun – und damit wird die Sache automatisch metaphysisch.

Mit glänzenden Augen vom Kreuz reden

Was meinen Sie mit metaphysisch.
Na die klassischen Sinnfragen. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Diese Fragen werden im Blick auf zwischenmenschliche und gesellschaftliche Fragen im Gottesdienst beantwortet. Denn nur dann sind sie interessant und relevant. Für Jung und Alt. Nur wer an seine Grenzen kommt, wird fragen, was hinter den Grenzen ist. Wir stülpen nicht die Theologie über das Leben, sondern gehen den umgekehrten Weg.
Worin unterscheiden Sie sich mit ihrem ungewöhnlichen Format sonst noch vom klassischen Gottedienst?
Wir versuchen, ganz bewusst verschiedene soziale Milieus und Altersgruppen gleichzeitig anzusprechen und zusammenzubringen. Und wir fragen uns immer wieder, wie wir glänzend vom Kreuz reden können.
Wie redet man mit glänzenden Augen von diesem Symbol der Marter?
Das ist die Herausforderung schlechthin. Es gibt so viel Leid in der Welt, dass die Menschen schon gar nicht mehr hinhören wollen. Da ist es ganz wichtig, dass Menschen überraschend von sich und ihren Erfahrungen erzählen können. Davon, wie sie etwas in der Welt bewegen. Dann hören die Menschen auch gerne zu. Das ist der große Schatz der Nachtschicht.
Im Buch kommen unter anderen Gäste wie Sarah Wiener, Vincent Klink, Eckart von Hirschhausen oder Wieland Backes zu Wort. Wer hat Sie in 16 Jahren Nachtschicht am meisten beeindruckt?
Zum Beispiel der Schweizer Meditationstrainer Peter Wild. Sein Thema war Entschleunigung. Es hat die Menschen unglaublich angesprochen. Und dann hat dieser Mann nur den Mund aufgemacht, und alle haben sich entspannt. Man spürte, was die wichtigen und weniger wichtigen Dinge des Lebens sind.
Damit sind wir wieder beim Glänzen. Sollte nicht jeder Gottesdienst die Lebenswirklichkeit der Menschen abbilden, den Nerv treffen und womöglich heilsame Werkzeuge wie Meditation anbieten?
Viele schaffen das. Aber viele werden in ihrem Wirken vielleicht auch nicht wahrgenommen.
Warum sind dann so viele Kirchen sonntags leer?
Das hat viele – auch gesellschaftliche – Gründe. Wichtig scheint mir, dass Pfarrer sich auch von Arbeit entlasten können, um Schwerpunkte zu bilden.
Reden wir vom kommenden Nachtschicht-Gottesdienst am Freitag. Kabarettist Max Uthoff („Die Anstalt“) kommt. Darf Kirche Kabarett?
Also, wenn sich keiner daran stößt, dann hätten wir was falsch gemacht. Kirche muss es nicht allen recht machen. Genau daran leidet doch unsere Gesellschaft. Jeder verbreitet nur noch fundamental seinen Standpunkt und lässt nichts anderes zu. Wir wollen zeigen, dass es lustvoll ist, jemandem zuzuhören, der anders denkt.

Nachtschicht in der Klinik war bewegend

Uthoff wird Zustände in der Welt ansprechen, die nur schwer zu ertragen sind. Gibt es solche Zustände auch in Ihrer Kirche?
Ich habe mich noch nie für meine Kirche schämen müssen. Aber ich weiß, dass es in der Diakonie Arbeitsverhältnisse gibt, die nicht diakonisch sind. Aber Kirche kann nicht immer vorbildlich sein. Sie muss sich nur ständig hinterfragen – und hinterfragen lassen.
Apropos Nachtschicht: Standen Sie selbst nachts schon mal beim Daimler am Band?
Ich gestehe: Nein. Aber ich habe es schon erlebt bei Filmaufnahmen bei Nachtschichten im Pflegeheim. Aber sie haben schon recht. Man muss wissen, wovon man spricht. Ich habe das bei einem Gottesdienst in einer Klinik erlebt. Ich hatte Blick auf die Intensivstation. Auf Kampf, Leid und Tod. Und wenn sie in so einer Situation Psalm 23 beten, dann erfährt man sehr unmittelbar, wovon man redet.
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