Montagsgespräch „Die Stadt hat etwas Geheimnisvolles“

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Ayurveda-Arzt Dr. Prasanth Raghavan liebt die historischen Orte in Stuttgart Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ayurveda-Arzt Dr. Prasanth Raghavan liebt die historischen Orte in Stuttgart Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Lebensweise, Ernährung, Smartphones, Stress. Umweltbelastung: All das macht immer mehr Menschen krank. Viele suchen einen Ausweg und mehr Balance im Leben. Davon profitiert Dr. Prasanth Raghavan.

Stuttgart - Herr Dr. Raghavan, von Indien nach Stuttgart – was haben Sie bei diesem Besuch Geheimnisvolles mitgebracht, damit sich diese weite Reise lohnt?
Erst mal muss ich sagen: Ich liebe diese Stadt. Das Grün, die Hügel. Aber ich finde auch, dass in dieser Stadt etwas Geheimnisvolles ist.
Sie machen uns neugierig.
Ich finde, hier gibt es ein starkes Bewusstsein für Spiritualität.
Es ist es womöglich der Grund, warum Sie immer wieder zur ärztlichen Stipp-Visite kommen?
Nein, die Sache ist viel profaner. Die Menschen suchen Anleitung, wie sie gesünder leben können. Ich biete ihnen Auswege aus verschiedenen Krankheiten. Aber mein Fokus liegt auf der Behandlung von Multipler Sklerose.
Haben Sie hier ein tieferes Wissen?
Ich antworte mal allgemein: Das tiefe Geheimnis von Ayurveda ist, die Menschen näher an ihre Natur zubringen. Tatsächlich ist Ayurveda im Westen eher als Wellness-Medizin oder Verjüngungs-Kur bekannt. Aber wenn man sich die Prozesse anschaut, die hier wirken, kann man diese Wirkungsmechanismen eben auch bei Krankheiten einsetzen.

Indien kopiert den westlichen Lifestyle

Warum leiden immer mehr an diesen Zivilisations-Krankheiten?
Nicht nur hier gibt es dieses Problem. Die Lebensweisen haben sich global in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert. Es wurden früher mehr regionale und saisonale Produkte gegessen. Unser Gehirn muss 100 000 Reize mehr verarbeiten als früher. Die Strahlenbelastungen sowie die toxische Umweltbelastung sind gestiegen. Und Menschen haben verlernt, ganz normal miteinander zu kommunizieren. Als ich hier über die Königstraße gelaufen bin, war ich entsetzt: Die Leute schauen während des Gehens nur noch nach unten auf ihr Smartphone.
Und all das macht krank?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Indien. Bis vor 15 Jahren gab es bei uns praktisch keine MS-Kranken. Inzwischen hat jede größere Stadt MS-Selbsthilfegruppen. Der Grund liegt auch an den beschriebenen Veränderungen der Lebensweisen – Indien kopiert den westlichen Lifestyle.
Und Ayurveda kann uns aus diesem Hamsterrad befreien?
Ayurveda ist ein über 3000 Jahre altes System, das zunächst dabei hilft, gesund zu bleiben. Die Basis ist, die Lebensweise seiner individuellen Konstitution anzupassen. So lassen sich sehr viele Krankheiten vermeiden. Ja, es lässt sich auch die Lebenszeit verlängern.
Und wenn das Kind im Brunnen liegt, der Mensch krank ist? Was dann?
Dann helfen die etwa 600 lebendigen Kräuter in verschiedenen Kombinationen, die wir einsetzen, um die Balance der individuellen Konstitution wieder herzustellen.
Ist das der ganze Zauber?
Nein. Ich rede ja die ganze Zeit von Lebensweise. Deshalb gehört mehr dazu.

In Indien behandelt er Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma

Zum Beispiel.
Wissen Sie, in Indien sagen wir: Yoga und Ayurveda sind Schwesternwissenschaften. Es gibt hier viele Parallelen und gemeinsame Grundprinzipien. Yoga spielt in diesem Zusammenhang eine körperliche Rolle, aber es hat eben auch einen wichtigen mentalen Charakter. Das unterscheidet Yoga zum Beispiel von Pilates.
Heißt das, Yogastunden im Fitness-Studio bringen nichts?
Doch, Fitness. Aber womöglich erfährt man so nicht die Essenz des Yoga. Es wird dich vielleicht nicht friedvoller machen, es wird deinen Geist nicht so sehr beeinflussen. Denn ein ruhiger Geist ist die Quelle von Gesundheit oder von Heilung.
Viele konservative Kirchenvertreter sagen: Yoga ist Teufelszeug! Ist Yoga eine Religion?
(lacht) Die alten Schriften sind so rational. Sie betonen keine Religion.
Wie oft üben Sie Yoga?
Täglich 45 Minuten vor dem Frühstück.
Noch einmal zurück zu Ihrem Spezialgebiet: MS und neurologische Krankheiten gelten als unheilbar. Sie widersprechen dem.
Ich kenne diese Skepsis der westlichen Schulmedizin. Aber ich habe seit zwölf Jahren in Stuttgart, Berlin und Nürnberg viele Patienten, denen ich in meinem Center in Kerala bedeutend helfen konnte. In Indien betreibe ich dazu auch eine Studie. Bei MS kommt es freilich auf das Stadium der Krankheit an. Danach richten sich auch meine Möglichkeiten und die Erfolge.
Das heißt, bei einem Menschen, der bereits im Rollstuhl sitzt, sind Sie machtlos?
So würde ich das nicht sagen: Ich kann seinen Zustand erheblich verbessern – zu mehr Normalität im Leben. Zuletzt hatte ich auch großen Erfolg bei einem jungen Schweizer mit Schädel-Hirn-Trauma, das er bei einem Autounfall erlitten hatte. Hier greifen die gleichen Mechanismen wie bei der MS-Behandlung. Es geht um die Regeneration der Nervenzellen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Was ist dieses Mal das Besondere in ihrem Reisekoffer?
Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Ich habe eine Kräuterkombination entwickelt, die sich insgesamt positiv auf die Leistungsfähigkeit des Mannes auswirkt. Aber in meinem Koffer habe ich es nicht.
Indisches Viagra?
Wenn Sie so wollen. Ich habe es neulich vor einem Amateur-Radrennen an mir getestet.
Und?
Ich bin Erster geworden.

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