Der Protest geht weiter: Ursula Singer (links) und Helga Uhlig haben über 400 Demonstrationen gegen Stuttgart 21 besucht. Sie und ihre vielen Mitstreiter wollen auch nach über zehn Jahren nicht locker lassen. Foto: Leif Piechowski/Leif Piechowski

Stuttgart 21 hat die Stadt gespalten. Die Montagsdemonstrationen gegen das Projekt haben es bundesweit in die Schlagzeilen geschafft. Noch immer gehen Menschen auf die Straße – sie wollen ihren Kampf nicht aufgeben.

Stuttgart - Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich in dieser Woche weit aus dem Fenster gelehnt. Der Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21, ließ er wissen, sei „befriedet“. Die Ursache dafür sehe er in der Volksabstimmung, in der die Baden-Württemberger mehrheitlich gegen einen Ausstieg gestimmt hatten. Diese Erfahrung habe zu einer „Politik des Gehörtwerdens“ geführt, bei der die Bürger in wichtige Entscheidungen einbezogen würden.

Nun mag der oberste Politiker des Landes durchaus recht haben, wenn man sich die nackten Zahlen anschaut. Die Protestbewegung ist tatsächlich in den vergangenen Jahren gebröckelt. Viele haben aufgegeben – desillusioniert, enttäuscht, aber sicher nicht vom Gegenteil überzeugt. Womöglich hat sich auch der Politikstil im Land verändert, sogar bei Großprojekten generell. Die Diskussionen über Kosten, Zeitpläne und Schwierigkeiten des Projekts allerdings halten an. Und einige Kritiker zeigen nach wie vor Präsenz auf der Straße. Nicht mehr 50 000 wie einstmals nach dem Wasserwerfereinsatz am „Schwarzen Donnerstag“. Aber regelmäßig, praktisch jede Woche.

Wenn am nächsten Montagabend die 500. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 über die Bühne geht, wird für kurze Zeit wohl einiges wieder so sein wie früher. Die Veranstalter erwarten mehrere Tausend Teilnehmer. Statt wie sonst auf dem Schlossplatz versammeln sie sich wieder einmal direkt vor dem Corpus Delicti, dem inzwischen beschnittenen Stuttgarter Hauptbahnhof. Und im Anschluss geht es weiter mit einer Diskussionsrunde zum Thema im nicht weit entfernten Rathaus. Volles Programm.

Alles beginnt mit fünf Demonstranten

Eine Woche vorher sieht der Alltag des Protests trister aus. An einem kalten und feuchten Montagabend haben sich einige Hundert Menschen vor der kleinen Bühne am Rande des Schlossplatzes versammelt. Noch immer werden die Demos rein durch Spenden finanziert, noch immer reisen Redner aus der ganzen Republik an, doch die Zahl der Teilnehmer hat sich reduziert und das Themenspektrum sich ausgeweitet. Immer wieder geht es um die Verstrickungen der Politik und der Wirtschaft im Großen, um die Kritik an den Mächtigen. Doch Kernpunkt bleibt das Bahnprojekt. Wie damals, als sich am 26. Oktober 2009 zum ersten Mal fünf Menschen vor dem Bahnhof versammelt hatten. Manch ein Passant betrachtet die Menge kopfschüttelnd, andere zücken im Vorbeigehen die Handys und machen Fotos.

Mittendrin stehen Helga Uhlig und Ursula Singer. „Wir sind seit dem zweiten oder dritten Mal dabei. Eigentlich fehlen wir nur, wenn wir krank oder im Urlaub sind“, sagen die beiden Freundinnen aus Stuttgart. Weit über 400 Demonstrationen haben sie besucht. „Weil das immer noch ein Murksprojekt ist. Und es noch schlimmer würde, wenn wir nicht auf die Straße gingen“, sagt Ursula Singer trocken. Es handle sich um einen Rückbau der Kapazitäten. Bei den Demos erfahre man jedes Mal noch etwas Neues. „Längst geht es nicht mehr nur um den Bahnhof“, so Helga Uhlig. „Die Protestbewegung hat dazu geführt, dass man sich solidarisiert und sich in alle thematischen Richtungen der Stadtgesellschaft einmischt.“

Illusionen gibt sich freilich kaum einer hin. „Gestoppt wird das nicht mehr. Aber steter Tropfen höhlt den Stein, es muss und wird sich etwas ändern am Konzept der Bahn, wenn der Druck hoch bleibt“, glaubt Bernhardt Hochstetter. Auch er hat schon eine dreistellige Zahl an Montagsdemos besucht. „Blödsinn bleibt Blödsinn, auch wenn man ihn mit Puderzucker überstreut“, sagt er. Ans Aufhören habe er nie gedacht: „Das könnte ich mir nicht vorstellen.“

Veranstalter machen weiter

Auch die Veranstalter nicht. „Es würde keiner verstehen, wenn wir jetzt Schluss machen würden. Die Kaiser des Projekts stehen nackter da denn je, der Motivationsgrad der Bewegung ist hoch“, sagt Tom Adler. Der Linken-Stadtrat gehört zum sechsköpfigen Organisationsteam. Er gibt zu: „Es braucht ein ziemliches Durchhaltevermögen, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass alle Argumente nicht ziehen.“ Es sei aber wichtig, den Projektbeteiligten weiter den Spiegel vorzuhalten. Selbst dann, wenn viele frühere Demonstranten inzwischen nicht mehr die Energie aufbrächten, jeden Montag bei Wind und Wetter auf die Straße zu gehen. Auch Adler wertet die Protestbewegung als Gewinn für die Stadt insgesamt: „Sie ist präsent in vielen stadtpolitischen Bewegungen. Die Leute haben sich vernetzt und engagieren sich.“

Vor der Bühne stehen inzwischen Bänke für die Älteren. Die Protestbewegung ist gealtert. „Den ersten Zug im neuen Bahnhof erlebe ich nicht mehr. Und ich bin erst Mitte 60“, frotzelt einer und grinst über das ganze Gesicht. Dann verteilt er weiter Flugblätter. Ein paar Meter weiter erklärt ein anderer einem staunenden Touristen auf Englisch, was hier gerade abläuft. „We are against Stuttgart 21, you know.“ Es wirkt überzeugt, aber irgendwie auch verzweifelt.

„Man muss große Achtung vor denen haben, die immer weitermachen“, sagt Walter Sittler. Der Stuttgarter Schauspieler zählt zu den bekanntesten Köpfen des Widerstands. Besonders in der Anfangsphase ist er regelmäßig als Redner aufgetreten. Inzwischen war er seit einigen Monaten nicht mehr auf den Demos, aber die 500. Ausgabe wird er sich nicht entgehen lassen. „Weil das Projekt symbolisch dafür steht, wie einige Politiker die Leute für dumm verkaufen.“

Hoffnung auf Nachbesserungen

Auch Sittler glaubt nicht mehr an ein Aus für Stuttgart 21. „Natürlich wird der neue Bahnhof irgendwann und irgendwie funktionieren. Aber dafür wird es noch vieler Änderungen bedürfen. Und er wird dann immer noch nicht halb so gut sein wie der alte“, kritisiert der regelmäßige Bahnfahrer. Er hoffe, dass die Bahn in der Zukunft einen vernünftigen Verkehr hinbekomme, der Kapazitäten und Betriebsqualität erweitert und nicht einschränkt.

Im Rückblick wirft Sittler sich und der Protestbewegung nur zwei Dinge vor. „Wir waren uns zu sicher, dass die Vernunft siegt“, sagt er. Und: „Die Lügenpack-Rufe waren falsch. Man hätte bei den Fakten bleiben sollen. Schließlich geht es um keine Religion, sondern um ein technisches Gebäude.“ Angesichts der vergifteten Atmosphäre damals hofft er, dass besonders die Politik etwas gelernt hat: „Man darf nicht von oben herab regieren, sondern muss die Leute in den Fokus nehmen. Demokratie ist anstrengend, man muss lange reden. Aber es lohnt sich.“

Diese Sätze würde Ministerpräsident Kretschmann fraglos unterschreiben. Auch wenn er Stuttgart 21 nicht – wie von vielen Gegnern erhofft – gestoppt hat. Heute würden manchen Demonstranten zwei Erfolge schon reichen: ein verbessertes Bahnhofskonzept und ein Politikstil ohne Basta. Dafür werden sie wohl noch lange weiter auf die Straße gehen. Montag für Montag.

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