Die Montagsdemos gegen Stuttgart 21 gehen in ihr zehntes Jahr. Und schweifen thematisch gerne einmal ab. Die Organisatoren wollen generelle Einblicke in das politische und wirtschaftliche Gefüge liefern.
Stuttgart - „Spar Dir den Atomkrieg“, fordert die kleine Broschüre, die die Leute vom Friedenstreff Stuttgart-Nord verteilen. „Stuttgart erstickt“, steht auf einem Plakat. Die MLPD fordert „Rettet unsere Welt vor der Profitwirtschaft“, das Internationalistische Bündnis schreibt auf einem großen Transparent: „Stoppt die neuen Polizeigesetze“. Und ein Mann hat sich eine Art Krone aus Papier auf den Kopf gesetzt, auf der geschrieben steht: „Wirtschaftsdiktatur überwinden.“
Wüsste man es nicht besser, und wären da nicht die altbekannten Transparente mit dem durchgestrichenen Stuttgart-21-Schriftzug, man wäre sich nicht sicher, dass es bei der Montagsdemo an diesem Tag um ein Bahnprojekt geht. Dazu passt auch der Hauptredner. Nachdem Carola Eckstein von den Parkschützern darüber gesprochen hat, wie Stuttgart 21 die Verkehrswende blockiere, betritt unter großem Jubel Jürgen Resch die Bühne auf dem Schlossplatz. Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe treibt derzeit juristisch die Städte mit dreckiger Luft vor sich her und referiert über Dieselgate und Luftverschmutzung. Als er vom „organisierten kriminellen Kartell“ aus Unternehmen und deren Verbindungen zur Politik spricht, brandet Applaus auf unter den rund 800 Menschen, die sich versammelt haben. Danach kassiert Angela Merkel ein Pfeifkonzert für ihre Luftreinhaltepolitik.
Was das mit dem Bau des Tiefbahnhofs in Stuttgart zu tun hat? Auf jeden Fall mehr als noch das Thema in der Woche zuvor. Da ging es um den Breitbandausbau, gefährliche Mobilfunkstrahlung und den Überwachungsstaat. Nicht etwa um Tunnel, Kapazitätsengpässe oder Brandschutz. Aber um etwas, das auch dem Protest gegen Stuttgart 21 zugrunde liegt: ein wachsendes Misstrauen gegenüber der Politik und der Wirtschaft im Allgemeinen. Oder wie es der Moderator auf der Bühne formuliert: „Es gibt viele Themen, bei denen wir über den Tellerrand hinausschauen.“
Selbstverständnis als Volkshochschule
„Wir halten an unserem Kernpunkt, der Kritik an Stuttgart 21, fest“, sagt Norbert Bongartz. Der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 fügt aber hinzu: „Es geht auch um eine generelle Einordnung. Wie geht man mit den Bürgern um? Wie steht es mit der Redlichkeit von Politik und Wirtschaft?“ Man wolle nicht einseitig sein, sondern Orientierung bieten – und das schon von Anfang an. Tom Adler, Linken-Stadtrat und Mitglied im achtköpfigen Organisationsteam, formuliert das so: „Der Protest gegen das Projekt ist das Standbein, andere Themen sind das Spielbein.“ Man sehe sich selbst als „größte Volkshochschule unter freiem Himmel“.
Kritik an den heutigen Montagsdemos, wie sie deren Mitbegründer Gangolf Stocker vor einiger Zeit geäußert hat, als er vom „Charakter einer Marienandacht“ sprach, will Adler nicht gelten lassen. „Das springt zu kurz. Wir haben hier viele engagierte Bürgerinnen und Bürger, die aus einem sehr breiten Spektrum kommen. Der Protest gegen Stuttgart 21 war die Initialzündung für die Politisierung eines Teils der Stadtbevölkerung, die Demos sind ein wichtiger Teil des politischen Lebens in Stuttgart.“ Zudem liefere die Bahn immer wieder neuen Stoff für den Protest.
Und das auch noch nach 438 Ausgaben. Die Überlieferung berichtet vom 26. Oktober 2009 als erstem Treffen. Damit geht die Veranstaltung jetzt in ihr zehntes Jahr. Im Januar steht die 450. Demo an. Dass sie nach wie vor auch überregionale Beachtung erfährt, sieht man nicht nur an manchen Rednern, die extra von weit her nach Stuttgart kommen. Auch das Spendenaufkommen ist ein Indiz dafür. Noch immer werden die Demos ausschließlich über Spenden finanziert. Das Geld kommt aus ganz Deutschland.
Die Projektkritiker wollen weitermachen
Und manche glauben tatsächlich noch an das Ende des Projekts. „Ich bin nicht überzeugt, dass bis zur Eröffnung alles wie geplant durchgezogen wird“, sagt Adler. Und weist darauf hin, dass die vielen Leute, die früher zu den Demos kamen und jetzt nicht mehr, in der Mehrheit immer noch gegen Stuttgart 21 seien. Nur eben nicht mehr aktiv. „Es gibt immer noch die Chance zum Umstieg“, sagt eine Teilnehmerin in der Menge. Und schimpft über „das Kartell aus den Mächtigen und Reichen“. Dafür seien die Einblicke in andere Themen wichtig. Als ein junger Mann vorbeigeht und zu seiner Begleiterin sagt „der Bahnhof ist bald fertig und die stehen immer noch hier“, ruft sie ihm nach: „Das solltet Ihr auch tun.“
Wenn es nach den Organisatoren geht, werden die Kritiker nicht weichen. Egal, wann die ersten Züge rollen. „Wir werden nicht aufhören, die Verantwortlichen darauf hinzuweisen, was da schief läuft“, sagt Adler – und schaut hinauf zur Bühne, wo Jürgen Resch mit viel Applaus verabschiedet wird. Manchmal gehört eben auch der Dieselverkehr zum Protest gegen Stuttgart 21.
Die 439. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 beginnt am 29. Oktober um 18 Uhr auf dem Schlossplatz. Im Anschluss laden die Projektkritiker um 19.30 Uhr in den großen Saal zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Brandschutz ein.