Manches von dem, was Kinder im Internet sehen, kann extrem beängstigend auf sie wirken. Foto: dpa

Es sind Szenen, die auf Kinder zutiefst verstörend wirken können. Sie werden perfide unter beliebte Kinderprogramme wie „Peppa Wutz“ oder „Spongebob“ gemischt. Auch die Gruselpuppe „Momo“ kursiert wieder – und macht auch vor Stuttgarter Schulhöfen nicht Halt.

Stuttgart - Der Anblick ist erschreckend: Riesige, weit vorstehende Augen. Ein zu einer Grimasse verzogener Mund. Struppiges schwarzes Haar. „Momo“ sieht zum Fürchten aus – und genau das ist auch die perfide Absicht. Bereits im vergangenen Jahr kursierten bedrohliche Kettenbriefe mit der Gruselpuppe auf dem Messenger-Dienst Whatsapp. Jüngst soll „Momo“ auch in Youtube-Videos und Online-Computerspielen aufgetaucht sein. Bei der sogenannten „Momo Challenge“ sollen Kinder eingeschüchtert und zu riskanten Mutproben aufgefordert worden sein. Plötzlich ist die Gruselfratze Thema auf den Schulhöfen – auch in Stuttgart. Eltern sind besorgt.

Auch Reinhold Sterra, Rektor der Kirchhaldensschule im Stuttgarter Stadtbezirk Botnang, hat bereits reagieren müssen: „Nachdem wir den Hinweis von einer Mutter bekommen haben, haben wir das Thema auf die Agenda gesetzt“, sagt Sterra. „Wir haben einen Elternabend mit einem Medienpädagogen geplant, der die Eltern über das Thema aufklären soll.“ Außerdem habe die Schule vor, auch im Unterricht mit den Kindern und einem Medienexperten über Internet- und Smartphonenutzung zu sprechen. „Solche Bilder und Videos können extreme Ängste bei Kindern auslösen. Deshalb haben wir als Schulleitung schnell reagieren wollen“, erklärt Sterra. Er sei dankbar, dass es den Hinweis aus der Elternschaft gegeben habe.

Verstörende Szenen in beliebten Kinderprogrammen

Während bei der Stuttgarter Polizei das Thema bislang noch nicht aufgeschlagen ist, hat sich Jerry Clark von der Polizei in Freiburg eingehend mit solchen verstörenden Internet-Filmchen beschäftigt. „Ein Video mit Momo habe ich bei meinen Recherchen zwar nicht gesehen – das bedeutet aber nicht, dass man das nicht auch finden könnte“, sagt der Polizeisprecher. Clark erklärt die perfide Masche: Die Macher der Videos greifen bekannte Kinderprogramme wie „Spongebob“ oder „Peppa Wutz“ auf, verfremden sie und mischen ihre Filmchen unter die unzähligen Clips, die von den Serien auf Youtube und anderen Videoportalen existieren.

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Kinder klicken sich von Video zu Video – und sehen plötzlich Szenen, die zutiefst verstörend auf sie wirken dürften: Da geht das sonst so harmlose Schweinchen „Peppa Wutz“ mit dem Messer auf ihre Familie los oder der Schwammkopf „Spongebob“ enthäutet sich vor den Augen der jungen Zuschauer. Auch sexuelle Szenen sind zu sehen. „Meist sind die Sequenzen englischsprachig – die Bilder allein sind aber so grausam, dass man den Wortlaut dazu gar nicht verstehen muss“, erklärt Polizeisprecher Clark.

Youtube veröffentlichte offizielles Statement

Youtube selbst hat sich in Sachen „Momo Challenge“ zu Wort gemeldet: In einem offiziellen Statement erklärte der Dienst Ende Februar, man habe keine Hinweise, dass es auf der Plattform Videos gebe, die zu der „Momo Challenge“ aufrufen. Allerdings sind Bilder und Szenen mit der Gruselpuppe massenhaft bei Youtube zu finden – auch von wahrscheinlich wohlmeinenden Nutzern, die über das Phänomen aufklären wollen.

Die Freiburger Polizei will Erziehungsberechtigte sensibilisieren und hat über die sozialen Medien ein Video verbreitet, in dem Polizeisprecher Martin Lamprecht zu besonderer Vorsicht aufruft.

Bislang ist den Freiburger Ermittlern kein Fall bekannt, in dem Kinder physischen Schaden erlitten haben – auch wenn sie bei der „Momo Challenge“ zu gefährlichen und selbstverletzenden Handlungen aufgefordert worden sein sollen. „Uns geht es um Prävention. Eltern sollten die Augen offen halten: Was tun meine Kinder im Netz?“, sagt Jerry Clark. „Eltern muss bewusst sein, dass im Netz massenweise bedenkliche und für Kinder ungeeignete Inhalte frei zugänglich sind.“ Kinder sollten nicht allein Youtube-Filmchen sehen – und auch die „Kids-App“ des Portals ist kein Freifahrtschein.

Landesmedienzentrum bietet Hilfe an

Ingrid Bounin vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg rät dazu, mit seinen Kindern im Gespräch zu bleiben: „A und O ist es, dass wir zu unseren Kindern ein gutes Vertrauensverhältnis haben, so dass sie wissen, dass sie sich in solchen Situationen an uns wenden können.“ Das Landesmedienzentrum bietet viele Veranstaltungen zum Thema Cybermobbing und Medienkompetenz an – vom Elternabend über den Schülerworkshop bis zu Lehrerfortbildungen (>> mehr Infos dazu finden Sie hier).

Kindern müsse der richtige Umgang mit Medien vermittelt werden, sagt Bounin – zu Hause und in der Schule. „Man sollte ihnen ganz offen sagen: Es gibt Menschen, die es nicht so gut meinen mit Kindern. Und nicht alles, was du auf dem Smartphone oder Tablet siehst, kannst du für bare Münze nehmen.“ Und wenn „Momo“ den Kleinen doch den Schlaf raubt: „Ein, zwei Nächte im Elternbett tun einfach gut.“

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