Mohamed Mbougar Sarr gewann mit „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ den Prix Goncourt – und ist nun in Stuttgart zu Gast.
Die Suche nach einem legendären, aber verschollenen Buch eines berühmten Schriftstellers ist schon lange ein beliebtes Sujet der Literatur. In Henry James’ „The Aspern Papers“ pirscht sich ein Verehrer des verstorbenen Autors Jeffrey Aspern an dessen frühere Geliebte heran, die in einem Palazzo in Venedig den Nachlass seines Idols hütet. In Roberto Bolaños „Die wilden Detektive“ suchen ein paar junge Autoren in Mexiko nach einem Gedicht, das vor Jahrzehnten in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht wurde. In Carlos Ruiz Zafóns „Der Schatten des Windes“ verfolgt sein Romanheld in Barcelona die Spur eines verschollenen Dichters, auf die er in einem „Friedhof der vergessenen Bücher“ gestoßen ist. Und in Umberto Ecos Klassiker „Der Name der Rose“ geht es um den verschollenen zweiten Teil der „Poetik“ des Aristoteles, der in einer mittelalterlichen Bibliothek versteckt sein soll.
Er verbindet Detektivgeschichte und Initiationsroman, Literaturbegeisterung und sexuelle „éducation sentimentale“, Zeitgeschichte und Politik
Der junge senegalesische, in Paris lebende Schriftsteller Mohamed Mbougar Sarr hat in seinem 2021 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“, der jetzt in der vorzüglichen Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller auf Deutsch vorliegt, ein spannendes und raffiniert konstruiertes Remake dieses Modells verfasst. Wie seine Vorgänger verbindet er dabei Detektivgeschichte und Initiationsroman, Literaturbegeisterung und sexuelle „éducation sentimentale“, Zeitgeschichte und Politik, indem er seinen Roman im Spannungsfeld von Kolonialismus und Rassismus, Exil und postkolonialer Identitätssuche angelegt hat.
Diégane Latyr Faye, der Ich-Erzähler von Sarrs Roman, stammt aus dem Senegal und schreibt in Paris eher lustlos an einer literaturwissenschaftlichen Doktorarbeit. Denn eigentlich will der verbummelte Student selbst Schriftsteller werden, hat auch einen Roman veröffentlicht, von dem bisher freilich nur neunundsiebzig Exemplare verkauft wurden. Diéganes Idol ist T. C. Elimane, ein vergessener Autor aus dem Senegal, der 1938 für kurze Zeit mit seinem in Paris publizierten Roman „Das Labyrinth des Unmenschlichen“ eine literarische Sensation und einen Skandal verursachte, von den einen als „schwarzer Rimbaud“ gefeiert, von den andern als Plagiator geschmäht wurde, seither aber mitsamt seinem Buch als verschollen gilt.
Vermintes Gelände einer postkolonialen Identitätssuche
Durch Zufall (aber der Zufall, so heißt es im Roman, „ist nur ein Schicksal, das man nicht kennt“) lernt Diégane in einer Pariser Bar eine berühmte, skandalumwitterte Schriftstellerin aus dem Senegal kennen, die mehr über T. C. Elimane zu wissen scheint und sich schließlich als dessen Cousine entpuppt. Sie übergibt ihm ein Exemplar des gesuchten Kultbuchs und wird zu seiner Mentorin auf der Suche nach dem geheimnisumwitterten Autor. Was sie damit in Gang setzt, hätte man in der altfranzösischen Literatur eine „Queste“ genannt, die Suche nach dem Heiligen Gral. In Diéganes Fall geht es um die Suche nach dem ultimativen Buch, das alle Fragen beantwortet im verminten Gelände einer postkolonialen Identitätssuche von Autoren, die zwischen der Rückkehr zu angeblich authentischen afrikanischen Wurzeln und der von ihnen benutzten Sprache und Literatur der einstigen Kolonialmacht Frankreich ihren Weg finden müssen.
Paris und Amsterdam, Buenos Aires und Dakar sind Stationen auf dieser Spurensuche
Dieser Weg verläuft nicht geradlinig, sondern labyrinthisch, sodass der Roman, den wir lesen, jenem Labyrinth gleicht, das auch der Roman von T. C. Elimane im Titel führt. Paris und Amsterdam, Buenos Aires und Dakar sind Stationen auf dieser Spurensuche nach dem verschollenen Autor, und Mohamed Mbougar Sarr mischt dabei Tagebucheinträge, Buchrezensionen, satirische Streiflichter auf den Literaturbetrieb und eine bittersüße Liebesgeschichte. Die Anspielungen auf die literarische Tradition, die darin versteckt sind, werden genug Stoff für die Detektivarbeit künftiger Doktoranden bieten.
Was seinerzeit dem Roman von T. C. Elimane vorgehalten wurde, nämlich dass er die ganze Literaturgeschichte von Homer bis Baudelaire geplündert habe, wendet Sarrs Roman ins Positive: Sein Buch ist ein Palimpsest, ein Hypertext, der durchsichtig wird auf die Bücher, die ihn inspiriert haben. „Deshalb glaube ich, dass mein Ursprung als Schriftsteller in den Büchern liegt, die ich gelesen habe“, bekennt Diégane einmal im Roman. Die wahre Heimat des postkolonialen Schriftstellers, der sich im Niemandsland zwischen dem verlorenen Ursprung seiner afrikanischen Herkunft und dem alles vereinnahmenden Literaturbetrieb der einstigen Kolonialmacht befindet, ist ein Dazwischen, ist das „Königreich der Bibliothek“. Was bleibt, stiften die Dichter.
Info
Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen.
Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Hanser-Verlag, 448 Seiten, 27 Euro.
Lesung
Am 6. Februar stellt Mohamed Mbougar Sarr seinen Roman ab 19.30 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus vor. Die Veranstaltung kann vor Ort und im Livestream erlebt werden. Tickets unter www.literaturhaus-stuttgart.de