Heute wenig ansehnlich, bald vielleicht ein Ort für Böblinger Geschichte(n): Historische Gebäude in der Unteren Gasse Foto: Stefanie Schlecht

Die Böblinger Geschichte hat mehr Facetten als den Bauernkrieg. Bald könnte in der Unteren Gasse ein Stadtforum entstehen, um sie auch zu würdigen. Das ist überfällig.

Böblingen und der Bauernkrieg. In drei Jahren wird sich die historische Schlacht vom 12. Mai 1525 zum 500. Mal jähren. Dieses Gemetzel bei Böblingen, in dem geschätzt 3000 aufständische Freiheitskämpfer ihr Leben ließen, hat der Stadt traurigen Ruhm eingebracht. Auch wenn viele der Bauern aus dem Rest von Württemberg eher zufällig hier zusammenkamen. Doch der Kampf für die Freiheit, geführt von denen „da unten“ gegen die „da oben“, er hat Böblingen in den Geschichtsbüchern verewigt – mehr als andere historische Errungenschaften.

 

Die einstige Entscheidung des Gemeinderats, diesem historischen Großereignis den Vortritt zu geben vor allem, was Böblingen sonst noch ausmacht, war und ist nachvollziehbar. Einen großen Nachteil allerdings hat die Entscheidung: Weitere Facetten der städtischen Identität wurden ausgeblendet. Während im Bauernkriegsmuseum umfassend und eindrucksvoll der Freiheitskampf von 1525 in Glaskästen, Schautafeln und Anschauungsobjekten konserviert ist, schlummern weitere Epochen, insbesondere die beeindruckende Industriegeschichte, Flughafen, und ja, auch das Dritte Reich mit seinen tiefen Abgründen, in den Archiven.

Das soll nicht etwa heißen, dass diese weiteren Kapitel der Stadtgeschichte nicht bekannt gemacht worden wären. Da wäre die Initiative rund um die Böblinger Flughafengeschichte, die rührig dieses besondere Kapitel der Stadtgeschichte für die Öffentlichkeit aufbereitet. Doch von städtischer Seite fehlt ein Forum dafür – sowie für vieles andere. Ein Versuch von 2017 etwa, den Flughafen zu inszenieren, verlief holprig. Der damalige Böblinger Oberbürgermeister Wolfgang Lützner versprach dem Motorworld-Investor Andreas Dünkel große Leuchtwände mit der Zeppelin-Landung darauf. Allerdings flossen die 35 000 Euro dafür ohne Genehmigung des Gemeinderats. Der reagierte zu Recht verschnupft.

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Überhaupt tat sich Böblingen zuletzt schwer mit der Aufarbeitung seiner Geschichte und Identität. Die 2019 angestoßene Neuausrichtung der Museumskonzeption kam gehörig ins Stocken, als die Museumsfreunde unter dem ehemaligen Kulturamtsleiter Günther Scholz dagegen aufbegehrten. Sie sahen ihr Bauernkriegsmuseum in Gefahr. Nun sind wieder vier Jahre ins Land gegangen, Workshops reihten sich an Konferenzen, Diskussionen an Studien. Die jüngste Wendung lässt allerdings hoffen: Böblingen ließ untersuchen, ob es denn machbar sei, in der Unteren Gasse ein Stadtforum zu errichten.

Die Antwort lautet: Ja. Die historischen Gemäuer befinden sich im Stadtbesitz und ein neuer Gebäudekorpus könnte ein wie auch immer geartetes Stadtforum beherbergen. Eine gute Nachricht, immerhin ist man dadurch wieder einen Schritt weiter.

Ein Konzept für die Bespielung sollte sich aber tunlichst von starren Formaten wie einem bloßen Museum mit Schaukästen lösen. Was der Böblinger Stadtseele sehr viel besser bekäme, wären wechselnde Schauen. Sie könnten die Stadtgeschichte (und -zukunft?) in ihrer Gesamtheit inszenieren. Da ist so viel mehr zu erzählen.

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Allein der kometenhafte Aufstieg zum Industriestandort nach dem Krieg bietet viel an Geschichte(n). Völlig unterspielt in der öffentlichen Wahrnehmung ist etwa, wie Böblingen über die Ansiedlung von IBM und Hewlett Packard nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der wichtigsten Zentren für Hochtechnologie wurde. Wie auf dem Rauhen Kapf wegbereitend am Mikrochip geforscht wurde. Auch die Verdienste des Leichtflugzeugbauers Hanns Klemm gehören stärker ins öffentliche Bewusstsein.

Keineswegs dürfte der Bauernkrieg und seine historische Bedeutung dabei ausgeblendet werden. Doch der Blick sollte weit darüber hinausgehen.