Ein Großaufgebot von Rettungskräften und Polizisten kümmert sich um die Verletzten nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin Foto: AFP

Die Menschen stehen am Glühweinstand und freuen sich auf die anstehenden Feiertage. Dann rast plötzlich ein dunkler Laster auf den Weihnachtsmarkt. Viele Besucher hatten keine Chance.

Berlin - Zwei Stunden sind vergangen seit dem, was die Polizei in Richtung eines Terroranschlags ermitteln lässt. Es ist zehn Uhr am Montagabend, und über dem Berliner Breitscheidplatz hat sich eine gespenstische Ruhe breit gemacht: Die Polizei hat den Weihnachtsmarkt komplett abgeriegelt, die Buden sind geschlossen. Dort, wo sonst adventliche Musik erklingt, sind alle Besucher verschwunden. Nur die festliche Beleuchtung taucht den Markt noch in scheinbaren Glanz – und erzeugt eine ganz und gar unwirkliche Stimmung.

Es ist das Herz des alten West-Berlins. Schräg gegenüber vom Bahnhof Zoo erinnert die hell erleuchtete Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, nach dem Zweiten Weltkrieg als Ruine erhalten, auch an diesem Abend an Tod und Zerstörung aus einer früheren Zeit. Jetzt liegen auf dem Breitscheidplatz am Fuße der Kirche wieder Tote.

Rettungskräften bieten sich schlimme Bilder

Gegen 20 Uhr hat ein Lastwagen hier eine Schneise durch den Weihnachtsmarkt geschlagen – offenbar mit voller Absicht, was schnell schlimme Erinnerungen an den Terroranschlag von Nizza am 14. Juli weckt, als ein islamistischer Selbstmordattentäter mit einem Sattelschlepper 86 Menschen auf der Strandpromenade tötete. Wie in Südfrankreich steht nun ein Lastwagen inmitten eines Infernos, flackernd beleuchtet von den Blaulichtern der Einsatzwagen, mit zerstörter Frontscheibe. Hier in Berlin hängen nun Reste von Holzbuden und Tannenzweige an der Fahrerkabine. Der Wagen mit polnischen Kennzeichen ist ebenfalls erst nach viel zu langer Fahrt zum Stehen gekommen. Von „50 bis 80 Metern“ ist einer Stellungnahme eines Polizeisprechers am Tatort die Rede. Wer dem Sattelschlepper im Weg stand, gehört nun zu den mindestens zwölf Toten und 48 Verletzten, von denen die Feuerwehr am späteren Abend spricht. Den Rettungskräften haben sich davor schlimme Bilder geboten, weil mehrere Menschen wohl unter dem Lastwagen eingeklemmt waren.

Polizisten mit Maschinenpistolen sichern das Gelände rund um den Ku’damm ab. Die Beamten haben weiträumig Sperren errichtet. Dutzende von Krankenwagen stehen in den umliegenden Straßen. Die Sperrung erfolgt auch aus dem Grund, weil niemand wissen kann, ob – und wenn ja was – noch im Lastwagen lagert. Auch die eilig herbeigerufenen Bereitschaftspolizisten wissen erst einmal noch nichts Konkretes. Sie haben selbst zunächst nur die Information erhalten, dass ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gefahren ist.

Fahrer geflüchtet

Falschmeldungen machen die Runde. Im Internet ist von Angriffen an anderen Schauplätzen der Stadt die Rede. Wie schon beim Amoklauf in München im Sommer entpuppen sich diese Meldungen glücklicherweise als wilde Gerüchte. Die Toten an der Gedächtniskirche sind leider Realität. „Bitte helfen Sie uns“, schreibt die Berliner Polizei auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Bleiben Sie zu Hause & verbreiten Sie keine Gerüchte.“ In Alarmbereitschaft war die Polizei schon die ganze Zeit, die Berliner Weihnachtsmärkte werden in diesem Jahr mit einem großen Aufgebot gesichert. Einen zuverlässigen Schutz jedoch gibt es nicht, wie dieser Vorfall zeigt. Der Sprecher der Polizei bestätigt noch am Tatort, dass der Beifahrer des Tatwagens, nachdem der Sattelschlepper zum Stehen kam, von Einsatzkräften „gesichert“ wurde und tot ist. Er sei wohl durch die Unfallschäden während der Amokfahrt getötet worden. Ein Weihnachtsbaum stoppte den Lastwagen. Der Fahrer ist geflüchtet, ein Spezialeinsatzkommando der Polizei nahm unmittelbar nach der Tat die Suche auf. Eine verdächtige Person ist im Tiergarten in der Nähe der Siegessäule festgenommen worden. Das könnte der Gesuchte sein.

Hinweise auf islamistischen Hintergrund verdichten sich

Im Verlaufe des Abends meldet sich der Spediteur, dem der Lastwagen gehört. Er geht davon aus, dass der Sattelschlepper entführt wurde. Seinem Cousin nämlich, der Stahlgestelle in Berlin abliefern sollte, traut er eine solche Tat nicht zu. Er habe sich seit dem Nachmittag nicht mehr gemeldet.

Der Lastwagen wird derweil von der Polizei ausgeleuchtet. Nach den ersten Hinweisen kam er von einer Seitenstraße aus auf den Weihnachtsmarkt gefahren.

Im Laufe des Abends werden die Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund der Amokfahrt jedoch immer konkreter. Justizminister Heiko Maas teilt mit, dass der Generalbundesanwalt mit den Ermittlungen betraut worden ist.

Gefühlter Ausnahmezustand

Die Berliner Passanten, die ein Stück weit vom Weihnachtsmarkt entfernt sind, reagieren erstaunlich ruhig. Sie folgen den Anweisungen der Polizisten und bewegen sich vom Ort weg. Von der Ferne sind die Krankenwagen zu sehen, in die Tragen mit Verletzten geschoben werden. Sie fahren mit Blaulicht davon.

Gefühlter Ausnahmezustand herrscht dennoch im ganzen Stadtgebiet, weil sich das Sirenengeheul langsam in alle Stadtbezirke ausbreitet, in die die Verletzten gebracht werden. Polizisten stoppen Tramlinien, die stadteinwärts unterwegs sind. Menschen kontrollieren ihre Handys, bekommen Nachfragen, ob es ihnen gut geht. Der Terror ist da, mindestens in den meisten Köpfen.

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