Schon von außen wird deutlich: Die Unterkunft in der Schönaicher Straße 79/2 ist dringend sanierungsbedürftig. Kommt der Neubau, würde sie abgerissen. Foto: Anke Kumbier

Die Stadtverwaltung will nicht noch einmal überrascht werden, wie 2015 und 2022 geschehen. Das Konzept bezeichnet sie selbstbewusst als „Böblinger System“.

Menschen in Not haben das Recht auf ein Dach über dem Kopf. Die Stadt Böblingen stellt verschiedene Unterkünfte bereit, in denen Geflüchtete und Obdachlose unterkommen können. Die Gebäude sind allerdings teils veraltet, in schlechtem Zustand und die Unterbringung geprägt von Notlösungen.

 

Die Stadtverwaltung will deshalb eine neue Unterkunft für Geflüchtete und Obdachlose auf einem städtischen Grundstück in der Schönaicher Straße 79 bauen. In modularer Bauweise, die sich flexibel anpassen lässt, und dem Ziel: weg von Sammelunterkünften mit großen Gemeinschaftsküchen, hin zu kleinteiligeren Strukturen. Timo Nußbaum vom Amt für Gebäudemanagement sprach am Mittwochabend im Technischen Ausschuss selbstbewusst vom „Böblinger System“.

Wohnungssuche ist schwieriger geworden

Die Stadtverwaltung hatte den Tagesordnungspunkt gut vorbereitet. Immerhin geht es um mögliche Gesamtkosten von rund zehn Millionen Euro. Angesichts eines klammen Haushalts eine stattliche Summe. Und nicht nur das: Auch die Zahl der Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, tendenziell sinkt. Ist es da überhaupt notwendig, eine neue Unterkunft zu bauen?

Tobias Heizmann, Erster Bürgermeister, beantwortete diese Frage mit „Ja“. Zwar stagnierten beim Zuzug von Geflüchteten die Zahlen. Bis sich das auf die Kommunen auswirke, dauere es aber noch, erklärte er. Und: Städte und Gemeinden sind verpflichtet, Asylsuchenden und Obdachlosen eine Bleibe zu gewähren, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben.

Aber genau dieser Schritt – eine eigene Wohnung zu finden – ist in Böblingen über die Jahre schwieriger geworden. Erst jüngst hatte ein Gutachten den Wohnungsmarkt als so angespannt eingeschätzt hat, dass künftig in der Stadt eine Mietpreisbremse gelten soll.

Stadt will vorbereitet sein

Hinzu kommt: Die Stadt will vorbereitet sein und verworrene Strukturen abbauen. Als 2015 und 2022 viele Menschen nach Deutschland flüchteten und auch in Böblingen ankamen, habe die Stadt nur reagiert, so Heizmann. Sie mietete auf die Schnelle Unterkünfte an, die über die Stadt verstreut sind und hohe Kosten sowie einen hohen Verwaltungsaufwand bedeuten.

Zumindest in Ansätzen orientieren sich die Pläne der Stadtverwaltung an der neuen Unterkunft in Dagersheim (hier im Bild). Foto: Stadt BB

Aktuell sind laut Timo Nußbaum 550 Plätze in den Notunterkünften belegt, bis Ende des Jahres rechnet Nußbaum mit einem Bedarf von 610 Plätzen. Insgesamt stünden 703 Plätze zur Verfügung, davon lediglich 251 in stadteigenen Gebäuden. Die Unterkünfte sind auf knapp 20 Standorte verteilt, hinzu kommen Wohnungen, die die Stadt zusätzlich angemietet hat.

Einige der Gebäude müssen in einem schlimmen Zustand sein. Die Sammelunterkünfte in der Schönaicher Straße und der Eugen-Bolz-Straße waren laut Nußbaum als Interim gedacht und sind inzwischen 20 Jahre länger in Betrieb als geplant. Die Pläne für den Neubau sehen deshalb auch den Abriss der Schönaicher Straße 79/2 vor.

So wenig Gemeinschaftsflächen wie möglich

„Viel von dem, was wir haben, passt nicht zu dem, was wir brauchen“, fasste Nußbaum zusammen. Der Neubau in der Schönaicher Straße soll das ändern. Das Amt für Soziales und das Gebäudemanagement haben dafür ein Konzept erarbeitet – das „Böblinger System“. Die zentrale Neuerung: Die Unterkunft soll aus kleinen Wohnungen bestehen, mit eigenem Bad und eigener Küche.

Gemeinschaftlich genutzte Flächen seien kontraproduktiv. „Sie bergen ein großes Konfliktpotenzial und Fälle von Vandalismus können nur schwer verfolgt werden, weil sich nicht nachweisen lässt, wer es war“, so Nußbaum. Die Verwaltung schlägt daher drei verschiedene Wohnmodule vor. Das erste wäre eine Einzelwohnung mit 12,5 Quadratmetern Grundfläche, das zweite eine Zweierwohnung oder ein Aufenthaltsbereich und das dritte ein Schlafbereich.

Die Module ließen sich je nach Bedarf zusammensetzen. So könnte man mehrere Schlafbereiche – beispielsweise für Familien – zu einer größeren Wohnung zusammensetzen. Insgesamt plant die Verwaltung 140 Menschen unterzubringen – auf vier Stockwerke und drei Einzelgebäude verteilt, u-förmig angeordnet.

Pläne stehen noch am Anfang

Für den Fall, dass die Plätze dauerhaft nicht mehr benötigt würden, hat sich die Stadtverwaltung ebenfalls etwas überlegt. Die einzelnen Module müssten zwar leicht angepasst werden, könnten dann aber laut Nußbaum als günstige Wohnungen für Studierende oder Mitarbeiter dienen.

Obwohl sie detailliert klingen, stehen die Pläne noch ganz am Anfang. Es geht aktuell um einen Grundsatzbeschluss, die Idee überhaupt weiterzuverfolgen. Von den Ausschussmitgliedern gab es Lob und die mehrheitliche Empfehlung an den Gemeinderat, eben das zu tun. Konkret bedeutet das vor allem die Freigabe von 500 000 Euro, um das Konzept weiter auszuarbeiten. Die Entscheidung über einen Baubeschluss fiele frühestens Anfang 2027, auf den 2029 die Inbetriebnahme folgen könnte.

Modulare Bauweise auf dem Vormarsch

Unterkunft Mönchäcker
Zwar unterscheiden sich die Pläne im Detail, trotzdem dürfte die neue Flüchtlingsunterkunft in Dagersheim als Vorbild gedient haben. Die fünf doppelgeschossigen Gebäude bestehen aus 28 Modulen: 26 Wohnungen mit Küche und Bad sowie einem Technik- und einem Gemeinschaftsraum. Die Unterkunft erhielt einen Preis für „Beispielhaftes Bauen“

Modulares Bauen
erfreut sich immer größerer Beliebtheit und gilt als ein Ansatz für die schnelle Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Vorgefertigte Raumeinheiten werden dabei nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt. Dieser Ansatz wird beispielsweise auch für das neue Wohnquartier auf dem Areal des IBM-Labors verfolgt.