Ein Sensor-System erhebt Bodenfeuchte, Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit und sendet die Daten auf das Smartphone. Foto: Gottfried Stoppel

Der Großheppacher Obstspezialist Martin Bauer setzt bei der Überwachung seiner Pflanzen neuerdings auf Smartphone und Sensoren. Vor dem unerwartet harten Frost hat ihm das möglicherweise die Ernte gerettet.

Rems-Murr-Kreis - Als Martin Bauer den elterlichen Betrieb in Weinstadt-Großheppach vor 36 Jahren übernommen hat, entschloss er sich, radikal auf Obstbau umzustellen. Wo sich früher zwei Kühe, zehn Hühner und drei Schweine tummelten, sind heute eine Maschinenhalle, Kühlhäuser und Lagerstätten. Auf einer Fläche von rund 70 Fußballfeldern baut er unter anderem Süßkirschen, Him-, Brom-, Johannis- und Stachelbeeren an. Rund die Hälfte der Fläche aber nehmen die Erdbeeren ein.

Bei fünf Grad Minus wird’s kritisch

Auch wenn Bauer ein erfahrener Landwirt ist, muss er doch jedes Frühjahr aufs Neue um deren Ernte bangen. Denn dass ihm Väterchen Frost ein Schnippchen schlagen will, ist auch in der Zeit zwischen Mitte März und Ende Mai nichts Ungewöhnliches. „Ich bin immer auf meine Felder gefahren und hab mit den Daten meines Autothermometers abgeschätzt, ob ich die Felder abdecken muss oder nicht“, erklärt der Landwirt das Abwägen der Gegenmaßnahmen. Denn das ist eine Entscheidung mit nicht unerheblichen finanziellen Folgen: Das einmalige Abdecken mit Vlies kostet etwa 4000 Euro. 20 Mitarbeiter sind einen Tag lang damit beschäftigt. „Würde ich das aber nicht machen, und es gibt fünf Grad Minus, kostet mich das 400 000 Euro“, hält Bauer dagegen.

Die Entscheidung hat Bauer in diesem Jahr erstmals moderne Technik abgenommen – und ihm so möglicherweise einen existenzbedrohenden Schaden erspart. Bauer hat sich zu Beginn der Saison ein vom Stuttgarter Bosch-Konzern entwickeltes Sensor-System auf seinen Feldern installieren lassen, mit dem er den Zustand seiner Pflanzen mit einer App auf seinem Smartphone bequem von zuhause aus überwachen kann.

Die Sensoren melden einerseits die Bodenfeuchte und informieren den Landwirt, wenn der Boden zu trocken ist. Zum anderen messen sie die Lufttemperatur und die Luftfeuchtigkeit und berechnen daraus die Bodentemperatur, die während der Erdbeerblüte die Null-Grad-Grenze nicht unterschreiten sollte. „Meine nächtlichen Überwachungsfahrten kann ich mir jetzt sparen“, sagt Martin Bauer, „ich checke abends auf dem Sofa die Daten und kann beruhigt ins Bett gehen.“

Abdeckaktion hat sich rentiert

Vor jener für viele Obst- und Weinbauern in der Region verhängnisvollen Nacht, hat er es nicht getan. „Ich habe abends noch mal auf mein Handy geschaut und dann war klar, dass es richtig kalt werden wird.“ Die folgende Abdeckaktion hat sich aber wohl auch gelohnt, denn die erste Erdbeerernte hat bereits begonnen und Martin Bauer ist auf der Suche nach weiteren Orten, an denen er seine süßen Früchtchen an die Frau und den Mann bringen kann.

Ob die Wein- und die anderen Obstbauern zu gegebener Zeit auch so zufrieden mit ihrer Ernte sein können, werde sich in den nächsten Monate zeigen, sagt Ursula Coppola, die Obstbauberaterin im Landratsamt. Sie befürchtet indes, dass das nicht der Fall sein wird. Quantitativ werde es ganz sicher Einbußen geben, wie die Ernte qualitativ ausfallen wird, sei noch nicht abzusehen. Der strenge Frost, der Mitte April den Südwesten über Nacht tiefgekühlt hatte, mache vielen Obst- und Weinbauern im Remstal schwer zu schaffen. Dass es auch im April noch Frost gibt, sei keine Seltenheit, erklärt Coppola. Die außergewöhnlich seltene Verknüpfung von einer sehr frühen Blüte und einem späten Nachtfrost sei hingegen ein Wetterphänomen, das geschätzt nur alle 50 Jahre vorkomme.

Totalausfall bei den Walnüssen

„Bei der Walnussernte kann man schon von einem Totalausfall sprechen“, sagt Coppola. Bei den früh blühenden Bäumen und Sträuchern müsse man wahrscheinlich auch einen kompletten Ernteausfall befürchten, wohingegen bei den späteren Obstsorten und vielen Rebstöcken, die zum Frostzeitpunkt noch nicht weit ausgetrieben hatten, Ernteeinbußen von rund 50 Prozent zu erwarten seien. Allerdings könne man keine pauschalen Prognosen abgeben, schließlich komme es auf die Lage und die Sorte an. Dabei spielten die Bodenbeschaffenheit und der Feuchtegrad der Erde sowie die regionalen und topografischen Unterschiede oft die entscheidende Rolle. „Das Remstal hat es deutlich schwerer getroffen als die Region Backnang“, stellt Ursula Coppola fest. Und nicht jeder hatte eine so exakte Analyse wie Martin Bauer.

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