Frauen können auch allein glücklich sein. Foto: Photographee.eu - stock.adobe.com

Paarbeziehung, Familienidyll, Patchwork, Single-Mom – welche Beziehung braucht der Mensch zum glücklich sein? Warum wir das Ideal der romantischen Liebe hoch halten und wie Singles darunter leiden müssen.

Stuttgart - „Na, wer ist der Glückliche?“, fragt die Tante bei der Familienfeier. „Es gibt keinen“, sagt die 28-jährige Nichte. „Was, so hübsch und immer noch Single!? Langsam musst du dich aber ranhalten“, antwortet die Tante. Oft reagieren Menschen auf alleinstehende Menschen mit einer Mischung aus Mitleid und wohlmeinenden Sätzen. Manchmal fallen die Kommentare auch unverhohlen abfällig aus: „Frauen über 30 sind entweder verheiratet oder haben einen an der Waffel.“ Ein Satz aus dem echten Leben einer Mutter, der ihr in Single-Zeiten beim Ausgehen um die Ohren flog.

 

Es gilt das Ideal der großen Liebe

Als ob der Zustand des Single-Daseins etwas ist, das man dringend loswerden muss, vor allem im „gebärfähigen“ Alter. Schließlich gilt nach wie vor das Ideal der großen Liebe, der Paarbeziehung, des „Amefi“, die Abkürzung von „Alles mit einem für immer“. Dieser Umstand macht es Singles schwer, glaubhaft zu versichern, dass sie mit ihrer Lebensform zufrieden sind. Das ist tief in unserem Verständnis von einem glücklichen Leben verankert. „Mit dem Ideal der Zweier-Beziehung, die in der Heilen-Welt-Vorstellung automatisch in die Familiengründung mündet, sind wir ein Leben lang konfrontiert“, sagt der Paarberater und Autor Eric Hegmann.

Knapp 17 Millionen Deutsche haben keine feste Beziehung

Dieses Ideal steht im Gegensatz zur Realität. Alleinstehende sind laut Statistik schon seit Mitte der Siebzigerjahre die häufigste Haushaltsform. Lag der Anteil 1970 noch bei 24,6 Prozent, waren es 1987 schon 32,6 Prozent. 2018 Jahr wohnte in 39,1 Prozent der Haushalte nur eine Person. Laut dem Statistischen Bundesamt haben knapp 17 Millionen Menschen keine feste Beziehung, die Scheidungsrate liegt (Stand 2017) bei 40 Prozent. Überall auf der Welt sind Menschen länger Single, heiraten später und bekommen später Kinder.

Trotzdem beobachtet Paarberater Eric Hegmann, dass die Zahl der Anmeldungen bei Online-Partnerbörsen jedes Jahr im Januar signifikant ansteigt. „An Festen wie Weihnachten spüren viele die Erwartungshaltung der Familie. Da hat die Mutter vielleicht erwähnt, dass der Bruder schon zwei Kinder hat und sich nach der Zukunftsplanung der Tochter erkundigt.“

Als junger Mensch ist es normal, Single zu sein

Die Autorin Silvia Follmann hat ein Buch über das Stigma der Single-Frau geschrieben. In „A single woman – Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“ fragt sie: „Wie kommen wir darauf, dass Frauen, ganz gleich, was sonst in ihrem Leben geschieht, nur in einer Beziehung ein gutes Leben führen können?“ Sie liefert die Antwort gleich mit: „Frauen, so will es das patriarchale Gesetz, gehören zu jemandem, der sie komplettiert.“ Während das Single-Dasein als junger Mensch zu einer normalen Lebensform geworden ist, wird es mit steigendem Alter zu etwas Sonderbarem.

Es sei denn, man hat die Phase der Familiengründung bereits hinter sich. Da lässt sich ein neues Phänomen beobachten: das der getrennten Mütter, die sich mit ihrer Situation im Großen und Ganzen gut arrangieren. „Frauen haben bei der Partnerwahl eine ganz andere Entscheidungsgrundlage als früher. Sie brauchen nicht die Heirat als Verbesserung des Status und auch keinen Versorger, das können die meisten alleine“, sagt Eric Hegmann. Heutzutage heiratet man einzig und allein aus Liebe.

Die Hürde, sich zu trennen, ist nicht mehr so hoch

Einerseits romantisch, aber nicht wenige scheitern an diesem Anspruch und an der Vereinbarkeit von der großer Liebe, dem Familienalltag und den beruflichen Anforderungen. Für finanziell unabhängige Frauen – von denen es heutzutage immer mehr gibt – ist die Hürde, sich zu trennen offenbar nicht mehr so hoch, selbst wenn Kinder im Spiel sind.

Die Autorin und Schauspielerin Bärbel Stolz lebt am Prenzlauer Berg in Berlin und beobachtet diese Entwicklung seit einiger Zeit. In ihrem Buch „Ich bin dann mal Ex!“ fasst sie ihre Erkenntnisse – nicht immer ganz ernst, sondern oft überspitzt – zusammen. „Heute muss eine Frau die unterschiedlichsten Rollen spielen: Mutter, Hausfrau, Feministin, Karrierefrau, Geliebte und auch noch beste Freundin. Es heißt immer, Frauen hätten unter der Doppelbelastung Job und Familie zu leiden. Ich finde Mehrfachbelastung trifft es besser“, sagt die 41-jährige Mutter zweier Kinder. Sie selbst ist verheiratet und hat Trennungen in ihrem Umfeld für die Beteiligten oft als etwas Befreiendes erlebt – vor allem für Frauen. „Eine solche Entscheidung macht sich niemand leicht. Aber für einige ist es tatsächlich eine Entlastung, wenn sie die Kinder regelmäßig an den Partner abgeben können und damit auch die anfallende Arbeit drum herum – kochen, waschen, Terminkoordination, in den Kindergarten bringen und was sonst noch alles anfällt neben dem Job.“

Geschiedene Männer fühlen sich oft einsam

Der Soziologe und Gerontologe Stephan Baas stellt fest: „Bei der Gruppe der geschiedenen Singles zwischen 40 und 50 sind es in der Mehrheit die Frauen, die die Trennung herbeiführen.“ Geschiedenen Männern um die 50 gehe es deutlich schlechter. Sie seien häufig noch auf Partnerschaften fixiert und würden viel schneller wieder eine Beziehung eingehen. „Sie sind sehr viel einsamer und unglücklicher als die geschiedenen Frauen, die oft sehr selbstbewusst und auch selbstbestimmt ein Leben ohne Partnerschaft führen.“ Auch im hohen Alter kämen Frauen, entgegen der landläufigen Meinung, gut mit dem Alleinleben zurecht. Oft hätten sie zahlreiche Kinder und Schwiegerkinder und werden von ihrem familiären Netzwerk umsorgt.

Der Lebensstandard macht andere zu Sonderlingen

Bleibt das „Problem“ der kinderlosen Single-Frau. Silvia Follmann hat sich viele Gedanken gemacht, wie sich das Leben zum Positiven verändern würde, wenn Paarbeziehungen nicht mehr der vorausgesetzte Lebensstandard wären, der alle anderen zu Sonderlingen und damit auch unfrei macht.

Sie schreibt: „Es beginnt schon damit, unsere Single-Freundinnen und -Freunde nicht mehr reflexhaft mitleidig anzusehen.“ Man solle sich ehrlich fragen, ob man sich als Single wirklich unwohl fühle oder ob das nicht nur der Druck der gesellschaftlichen Konvention ist, den man spürt. Vielleicht werden Single-Frauen im „gebärfähigen“ Alter dann eines Tages auf Familienfeiern und Klassentreffen nicht mehr wie das Pferd im Supermarkt begafft.