Schauspielerin Natalia Wörner Foto: Lichtgut/Christian Hass

Mit einem Promi-Auftrieb, wie Stuttgart ihn selten erlebt, einem schwebenden Laufsteg und reichlich Glamour hat Breuninger am Freitagabend seinen Anspruch unterstrichen, trotz der neuen Konkurrenz Platzhirsch und Mode-Marktführer zu sein. Mit der „Vogue“ wird der „Very Important Day“ gefeiert.

Stuttgart - Kommen wir, liebe Leserinnen und Leser, immer viel zu schnell zur Sache?

Haben wir verlernt, die Vorfreude darauf auszukosten, die Kunst des Verführens auszudehnen, auf dass etwas Schönes noch schöner wird? Und besitzen wir zum Verführt-Werden kein Talent mehr?

So ähnlich sieht es Christiane Arp. Die Chefredakteurin der deutschen „Vogue“, seit 2003 in München im Amt, gilt als die mächtigste Frau der deutschen Modebranche – ohne dabei ein Teufel zu sein, der Prada trägt. Sie plädiert gegen die „Herrschaft des Vernünftigen“. Im Editorial der April-Ausgabe schreibt sie es zwar nicht so deutlich. Aber einen Satz legt die 54-Jährige ihren Geschlechtsgenossinnen wohl nahe, wenn sie den „Weg als Ziel“ preist und beklagt, dass sich viele zu früh dem Umgarnen hingeben. „Mein Herr, ich stehe Ihnen zur Verführung“, sollte die moderne Frau von heute sagen, „aber lassen Sie sich Zeit.“

Die „neue Verführung“ ist das Titelthema der neuen „Vogue“. Die alte Verführung ist wohl ranzig geworden. Auf Umwegen, die für sie der größte Genuss sind und mehr als das Ziel, ist die Magazinchefin mit den langen blond-grauen Haaren am Freitag in Stuttgart angekommen. „Vogue loves Breuninger“, so lautete das Motto einer glamourösen Nacht, bei der ein Geschrei vor der Fotowand der Karlspassage herrschte, als seien wir auf der Fashion-Week oder bei der Berlinale. „Man merkt, dass heute viele Kollegen aus München da sind“, meinte der Stuttgarter Promifotograf Christof Sage. In Stuttgart, in der Hauptstadt des Understatements, geht es sonst ruhiger und angenehmer zu. Alles Bohren half bei Schauspielerin Natalia Wörner nichts. Zu ihrer angeblichen Liebe zu Justizminister Heiko Maas schwieg sie und lächelte nur. Ebenso umringt war Iris Berben. „Cool“ stand auf ihrer Kette – und so sah sie auch aus.

Am Samstag elf Fashion-Shows für alle

Promi- statt Feinstaub-Alarm. Aus dem Mercedes-Shuttle der S-Klase entstiegen außerdem die Schauspieler Daniel Brühl, Kai Wiesinger, Bettina Zimmermann, Hannah Herzsprung, Tom Wlaschiha, Aylin Tezel, Emilia Schüle, Jessica Schwarz, Sängerin Lena Meyer-Landrut, die Designer Chantal Thomass und Dorothee Schumacher .

Seit einem halben Jahr, sagt Breuninger-Sprecher Christian Witt, der die Chefredakteurin Arp persönlich gut kennt, haben viele seiner Kollegen auf dieses große Ereignis eifrig hingearbeitet. Dass das 1881 gegründete Traditionshaus Breuninger mit seinen beiden „Very Important Days“ (an diesem Samstag geht’s von 9.30 Uhr bis 22 Uhr mit elf Fashions-Shows wichtiger Designer nicht nur für geladene Gäste weiter, sondern für alle) auf die neuen Einkaufszentren Milaneo und Gerber reagiert, hört man beim Platzhirsch nicht gern. Das sei keine Konkurrenz, heißt es sogleich. Die einen setzten auf Billigware, die anderen hätten keine gute Kundenfrequenz, wird einem erwidert. Die bedeutenden und spannenden Marken aber fände man bei Breuninger. Sehr viele Kinostars halten ihr Gesicht dafür hin – sie haben es schon für frühere Breuninger-Kataloge getan, weshalb man sich kennt. Das Premium-Kaufhaus muss die Kosten fürs Mega-Event nicht alleine stemmen – etliche Sponsoren machen mit, um gemeinsam Mode und die schönen Dinge zu feiern.

Werbung ist ein anderes Wort für Verführung. Den Beweis dafür liefert die neue „Vogue“-Ausgabe. Modegläubige lieben dieses Magazin und stören sich nicht an etwa 20 Seiten Hochglanzwerbung, bevor erst das Inhaltsverzeichnis kommt. Die meisten Seiten sind mit Werbung gefüllt, redaktionelle Texte dagegen sind rar. Meist muss man zweimal hinsehen, zu welcher Kategorie die Fotos gehören. Mit den Mühen, möglichst jung, wild und smart auszusehen, ist man so sehr beschäftigt, dass kein Platz im Heft für echte Probleme bleibt.

Clemens Schick besuchte das Hölderlin-Gymnasium

Verführung als Sehnsucht! Wer so stechend blaue Augen hat wie der aus Stuttgart stammende Clemens Schick, dem dürfte es nicht schwerfallen zu verführen. Als sich der Kino- und Theaterstar 2014 mit 43 Jahren zum ersten Mal öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, gab es tatsächlich noch Menschen, die dachten, dies könnte seinem beruflichen Erfolg als Frauenverführer auf der Leinwand schaden. Doch das Gegenteil war der Fall. In seiner Karriere, sagt er heute, habe er „das absolut beglückendste Jahr“ nach seinem Outing gehabt.

Als die Einladung von Breuninger kam, sagte der 44-Jährige rasch zu. Denn so kam der Wahl-Berliner mal wieder in die Heimat, wo er mit seinem Zwillingsbruder groß geworden ist. Weil seine Familie nicht mehr in Stuttgart lebt, ist er nur noch selten hier. Vor dem Event besuchte Schick seine ehemalige Schule, das Hölderlin-Gymnasium, und sagte von sich: „Ich war der schlechteste Schüler, den es wahrscheinlich jemals an dieser Schule gab.“ Mittlerweile kommt er öfter nach Ludwigsburg, weil er dort an der Schauspielschule unterrichtet.

Vor dem Gang zur Modeshow denkt Schick, der seinen Durchbruch im Bond-Film „Casino Royale“ hatte, über Mode nach. „Stil und Persönlichkeit bedeuten mir viel“, sagt er, „mit dem Begriff Mode kann ich nicht so viel anfangen.“ Was er liebe, seien „Eigenheiten, Macken, Ticks“ – dies mache für ihn Persönlichkeit und Stil aus.

Als die Mode-Show begann, telefonierte Unternehmer Uli Endress mit EU-Kommissar Günther Oettinger, der in Stuttgart weilte. Sie verabredeten sich gegen Mitternacht in der Weinmanufaktur, um ein Glas auf den verstorbenen Lothar Späth zu trinken.

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