Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) besucht am Mittwoch das Pilotzentrum für betriebsärztliches Impfen am Stuttgarter Flughafen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Stuttgarter Airport ist einer der Modellbetriebe, die Covid-19-Impfungen durch Betriebsärzte testen. Zur Verfügung stehen für den Modellversuch nur 1200 Impfdosen. Der Stuttgarter IHK-Chef fordert früheren Impfbeginn für Betriebe.

Stuttgart - Eineinhalb Wochen Vorlauf, das war nicht viel“. Innerhalb kürzester Zeit musste das Team um den Arbeitsmediziner Dr. Jens Künzel in den vergangenen Tagen die Infrastruktur für das betriebliche Impfzentrum aufbauen, das seit Dienstag im Airport Medical Center des Flughafen Stuttgart im Modellbetrieb läuft. Künftig sollen hier täglich rund 300 Mitarbeiter aus 15 Unternehmen aus dem Umfeld des Flughafens von Betriebsärzten eine Covid-19-Impfung erhalten.

Der Flughafen Stuttgart ist eines von zwölf Pilotzentren in Baden-Württemberg, mit denen das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration die Einbeziehung der Betriebsärzte in die landesweite Impfkampagne testen will. Partner des Projekts sind die zwölf Industrie- und Handelskammern in Stuttgart, in deren Zuständigkeitsbereichen nun relativ kurzfristig jeweils ein Unternehmen ausgewählt wurde, ein betriebsärztliches Modellzentrum einzurichten.

Anlässlich des Starts der betriebsärztlichen Impfungen am Flughafen betonte Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) am Mittwoch die Notwendigkeit, die Betriebsärzte künftig als dritte Säule neben den kommunalen Impfzentren und den Hausärzten in die Impfkampagne des Landes einzubinden: „Die IHK-Handelskammern haben die Modellteilnehmer jeweils aus kritischen und sensiblen Bereichen ausgewählt“, so Lucha. Neben dem Flughafen in Stuttgart seien das beispielsweise das Pharmaunternehmen Böhringer in Biberach oder der Medizintechnik-Hersteller Aesculap in Tuttlingen.

1200 Impfdosen Moderna für das Pilotprojekt

Für das Pilotprojekt hat das Land dem betriebliche Impfzentrum in Terminal 1 des Stuttgart Airport lediglich 1200 Impfstoffdosen des Herstellers Moderna zur Verfügung gestellt. Der Minister räumte ein, dass die Landesregierung derzeit noch immer „den Mangel verteilt“. Dass angesichts der Leistungsfähigkeit des Flughafen-Impfzentrums die Menge der nun zugewiesenen Dosen eigentlich deutlich zu gering sei, betonte Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung des Flughafens Stuttgart: „Wir könnten am Tag 600 Impfungen verabreichen, wenn wir genug Impfstoff hätten.“ Schoefer erklärte, dass in den insgesamt 15 Unternehmen aus dem umliegenden Filderraum, die betriebsärztlich auch zu normalen Zeiten am Flughafen mitversorgt werden, rund 6000 Menschen arbeiten. Für die nun angelaufene Impfkampagne seien nach Maßgabe der Verordnung der Landesregierung zunächst Betriebsangehörige priorisiert worden, die in den jeweiligen Unternehmen in „kritischen Funktionen“ tätig sind.

Warum die Leistungsfähigkeit eines betrieblichen Impfzentrums besonders hoch sein könne, erklärt Schoefer mit dem Konzept des Modellprojekts am Flughafen: „Wir haben hier den ganzen Impfprozess entzerrt“, sagt der Flughafen-Chef. So finde die Aufklärung und die Anamnese des Impfwilligen durch einen Betriebsarzt bereits im Vorfeld statt und nicht wie im Impfzentrum erst am Tag der Impfung. „Im Impfzentrum selbst erfolgt nur noch der Vollzug“, so Schoefer. Entsprechend hoch sei das Impftempo. Im Umkehrschluss heißt das freilich, dass auf Grund der relativ geringen Menge zugewiesener Impfdosen der Modellversuch im Airport Medical Center bereits am Freitag wieder beendet werden müsse, wie der Betriebsarzt Dr. Jens Künzel betont. Der gesamte Ablauf, von der betriebsärztlichen Beratung bis zum Impfen im Impfzentrum, ist durchgängig digitalisiert. Die sensiblen Patientendaten, so betont das IT-Unternehmen, das am Airport Medical Center die digitale Infrastruktur für das Modellprojekt aufgebaut hat, seien dabei lediglich auf den jeweiligen Geräten des zu Impfenden gespeichert.

Kritik seitens der IHK

Im Rahmen des Minister-Besuchs am Flughafen kritisierte Johannes Schmalzl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart, dass die nun vorgesehene flächendeckende Impfung durch die Betriebe ab 7. Juni zu spät komme. „Das ist eine ganz ernste Anmerkung, die ich stellvertretend für alle Unternehmen machen möchte“, so Schmalzl. Er betonte, dass nur über die betriebsärztliche Versorgung in den Unternehmen auch die Impfunwilligen erreicht werden könnten. „Diese Mitarbeiter brauchen die Firmen dringend“, so der IHK-Chef. Schmalzl forderte, mit einer gedeckelten Anzahl an Impfdosen einen Impfbeginn in den Betrieben bereits im Mai. Bis zum 21. Mai können die Unternehmen dem Land ihren Bedarf an Impfstoff anmelden.

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